Ludwigsburg - Mit stählernen Greifzähnen wühlt sich ein Abfallbagger durch Berge aus erntefrischen Karotten und verwelkendem Kopfsalat. Eine gigantisch anmutende Müllpresse schiebt makellos wirkende ­Tomaten, schimmeliges Brot und braun ­gewordene Bananen zu einem undefinierbaren Brei zusammen. Mit diesen Szenen aus der ­Entsorgungshölle im Hinterhof eines ­Supermarkts hat der Filmemacher Valentin Thurn bundesweit für Aufsehen gesorgt – und mit seiner Dokumentation „Taste the Waste“ eine breite Diskussion über die ­Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln ­angestoßen.

Gut elf Millionen Tonnen Nahrung landen in Deutschland jedes Jahr auf dem Müll, fast ein Drittel der weggeworfenen Waren liegen noch ungeöffnet in ihrer Verpackung. Um der Kundschaft auch kurz vor Ladenschluss noch gut gefüllte Regale bieten zu können, kalkulieren viele Bäcker mit Entsorgungsquoten von bis zu 25 Prozent – jedes vierte Brötchen kommt deswegen in die Tonne.

Anteil der privaten Haushalte am Lebensmittel-Müllberg liegt bei satten 42 Prozent

Doch die im Einzelhandel weggeworfenen Produkte machen nach einer Untersuchung der Universität Hohenheim nur den kleinsten Teil der Verschwendung aus. Während Supermärkte und Gemüseläden für etwa fünf Prozent der essbaren Abfälle verantwortlich sind, liegt der Anteil der privaten Haushalte am Lebensmittel-Müllberg bei satten 42 Prozent. Vor allem Singles kaufen oft weit mehr ein, als ihr Magen fassen kann – und stehen regelmäßig vor dem Problem, was sie mit abgelaufenen Joghurt-Großpackungen oder den im Heißhunger gekauften Raviolidosen anstellen sollen.

„Knapp ein Fünftel der Lebensmittel wird nach unserer Erfahrung schlicht deshalb weggeworfen, weil man keine Lust mehr darauf hat“, sagt Annette Ponton von der Abfallverwertung in Ludwigsburg. Die vom Landkreis getragene Entsorgungsfirma hat sich bereits bei dem von der EU geförderten Projekt „greencook“ bemüht, die Verbraucher mit einem Haushaltstagebuch zu einem bewussteren Einkauf zu ermuntern. „Sobald man sich Gedanken macht, ­verkleinert sich der Abfallberg von selbst“, lautet die Lehre aus dem Modellversuch. Mit Berlin, Köln und dem Landkreis Steinfurt zählt Ludwigsburg nun auch zu den vier Standorten, an denen ­www.foodsharing.de an den Start gegangen ist.

Die Internetseite bietet die Möglichkeit, Nahrungsmittel unentgeltlich zu tauschen. „Im Internet werden Klamotten, Autos und Wohnzimmer-Sofas getauscht – weshalb ­also nicht auch essbare Waren?“, sagt Filmemacher Valentin Thurn, der die Idee zu ­dieser Plattform hatte.

„So viel Bedürftige gibt es nicht“

Gedacht ist Foodsharing für Privatleute ebenso wie für Geschäfte. Überzählige ­Lebensmittel sollen unkompliziert, kurzfristig und vor allem kostenlos weitergegeben werden können. Wer vor einer Urlaubsreise seinen Kühlschrank leeren will, kann sein Angebot einfach ins Internet stellen. Und der Landwirt muss seine Kartoffeln, die für den Lebensmittelhandel zu klein geraten sind, künftig nicht mehr wegwerfen. „Ich finde den Gedanken klasse, dass man über diese Plattform auch den Wert der Lebensmittel wieder ein Stück weit bewusst ­machen kann“, sagt Gottfried Willmann. Der auf Bioware spezialisierte Großhändler aus Vaihingen an der Enz belieferte bislang schon etliche Tafelläden für Bedürftige mit überschüssigen Produkten. Nun will er nicht abverkaufte Ware auch über die Internet-Plattform anbieten. Als Konkurrenz zu den Tafelläden sieht auch Filmemacher Thurn das neue Angebot nicht: „Wenn ein Bäcker nicht mehr zu verkaufendes Brot liefert, ­bekommen es die Tafeln gar nicht weg, so viel Bedürftige gibt es nicht.“

Ludwigsburg hat Thurn übrigens aus ganz persönlichen Gründen zu einem der ersten ­Standorte von Foodsharing gemacht: Sein Großvater betrieb in der Ludwigsburger Kirchstraße einst eine Metzgerei. Wobei ­gerade Fleischprodukte beim Warentausch im Internet mit ­Vorsicht zu genießen sind: Rinderhack und Schweinemett dürfen ebenso wenig weitergegeben werden wie frischer Fisch oder Produkte mit nicht erhitzter ­Rohmilch oder rohen Eiern.

 
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