Nordschwarzwald - Die Piraten formieren sich im Nordschwarzwald: Seit September gibt es den Kreisverband Calw/Freudenstadt der Partei. Regelmäßig treffen sich Mitglieder und Sympathisanten. Ein Besuch beim 34. Stammtisch.An einer langen Tafel in der Klostergaststätte in Horb wird über Lokalpolitik diskutiert, es wird geschimpft, ab und an eine bierselige Weisheit aufgetischt. Wer hier tagt, verrät zunächst nur ein Button am T-Shirt eines Teilnehmers. Pirat steht darauf. Der Träger hat einen langen Schnauzbart, an seinem Finger trägt er einen Ring mit Prägung, die an einen Totenkopf erinnert. Norbert Scharf, stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender aus Horb-Mühringen, ist der einzige in der Runde, der die Piraten-Assoziation weckt. Sie ist beim Blick in die Runde nicht haltbar: neun Männer, eine Frau, alle nicht sonderlich verwegen.

Das, was diesen Stammtisch zusammenhält, ist die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien. Die Gründe für das Engagement bei den Piraten ist der Ärger über "Zensursula", wie Ursula von der Leyen am Stammtisch genannt wird, die sich für die Sperrung von Internetseiten stark gemacht hat. Oder das Unverständnis über den Freiheitsbegriff der FDP. Die Freiheitspartei, das seien jetzt sie, sagen die Piraten.

Rund 70 Mitglieder hat der Kreisverband Calw/Freudenstadt. Noch sitzen die Nordschwarzwald-Piraten in keinem Gemeinderat. Trotzdem sind es vor allem lokale Themen, die diskutiert werden. Das HOR-Kennzeichen, der Nationalpark und die Krankenhaus-Frage. "Die Themen in der Piratenpartei kommen von unten her", sagt Scharf. Selbst die Bundesebene nimmt Vorschläge der Mitglieder auf.

"Man muss sich nur in ein Programm einklicken und dort über Vorschläge abstimmen – wo kann man das sonst?", sagt ein Mann, der regelmäßig zu den Stammtischen kommt. "Der Datenschutz ist mir wichtig, ich surfe gern im Internet und will mir nicht nachsagen lassen, auf welchen Seiten ich war." Auch deshalb ist er begeistert von der neuen Partei. Und zugleich ernüchtert. Weil es ihm auch bei den Piraten zu langsam vorangeht. "Wo habt ihr bisher Öffentlichkeitsarbeit gemacht?", fragt er echauffiert in die Runde. Der neue Politikstil setzt auf Transparenz und Konsensfindung – und das braucht Zeit. Bevor die Piraten eine Meinung zum Nationalpark kundtun, wollen sie Befürworter und Gegner treffen. "Wir dürfen nicht dem Lobbyismus unterliegen. Der ist unser Gegner", sagt Scharf. Es klingt so feierlich wie der Aufruf des Captains zur Schlacht.

Zum Angriff gelaunt ist Scharf bei seinem Lieblings-Thema: der Rettung der Freiheit. Dafür hat er in der Piratenpartei die Motorrad AG gegründet, in der er gegen Fahrverbote an Sonntagen, etwa auf dem Lochenpass in Balingen, kämpft. "Es geht um ein Grundrecht, Fahrverbot ist eine Kollektivstrafe", sagt er. Der Satz klingt nach drei Ausrufezeichen. Eine junge Frau, einzige Piratin beim Stammtisch, greift in hitzigen Momenten ein. "Das ist aber keine Aussage der Partei", sagt sie mehrmals. Wofür steht aber die Partei? Für Bürgerrechte und Freiheit, wie Scharf fordert, für sensiblen Umgang mit Daten, für Transparenz statt Kumpanei.

Die Politikauffassung der Piraten ziehe ihre Kreise, sagt Claudio Schäl aus Wildberg, Vorsitzender des Kreisverbands: "Die Forderung nach Offenlegung von Steinbrücks Honoraren hätte es ohne uns nicht gegeben." Schäl hat politische Erfahrung. Bis vor zwei Jahren hat er die Junge Union im Kreis Calw geleitet.

Von der CDU zur Piratenpartei? "Ich find' den Seitenwechsel gar nicht extrem", sagt er. Der Austritt aus der einen und Eintritt in die andere Partei hätten gar nichts miteinander zu tun. Schäl sagt: "Die Politik hat sich weg vom Menschen bewegt." In der Region klinken sich die Piraten mehr und mehr ins politische Geschehen ein. Jüngst positionierten sie sich mit einem offenen Brief zur Horber Krankenhausfrage. Zum Stammtisch ist trotzdem niemand gekommen, der die Piraten nicht schon kennt.