München - Große Quaddeln, Rötung, ­Atemprobleme – das Kind muss sofort ins Krankenhaus. Dort stellt sich heraus, dass ein Kuss der Mutter die allergische Reaktion verursacht hat. Die Mutter hatte zuvor einen Teller Erbsensuppe gegessen.

„Wenn Sie unter einer Speiseallergie leiden, ist es nicht ungewöhnlich, nach einem Kuss eine allergische Reaktion zu haben. Denn dann hat der Partner etwas zu sich genommen, wogegen Sie allergisch sind“, ­erklärt Allergologe Sami Bahna, Präsident des American College of Allergy, Asthma and­ Immunology (ACAAI). „Manche Patienten haben aber sogar eine allergische Reaktion, nachdem der Partner seine Zähne geputzt hat oder mehrere Stunden nach dem Essen.“

Jeder zwanzigste Teilnehmer einer Studie reagiert allergisch auf Küsse

In Deutschland leidet jeder vierte bis fünfte Einwohner an einer allergischen Erkrankung. Laut Allergie- und Asthmabund gibt es für diese über 20 000 verschiedene Auslöser – darunter auch Lebensmittel. Beim Küssen kann das zum Problem werden.

„Die Allergie kommt daher, dass Bestandteile des Essens noch immer im Mund, dem Speichel und auf den Lippen der Person sind, die gerade gegessen hat“, sagt Suzanne ­Teuber von der UC Davis School of Medicine in Kalifornien.

Sie führte 2002 zusammen mit Kollegen eine Studie durch, in der jeder zwanzigste Proband zu Protokoll gab, schon einmal eine allergische Reaktion nach einem Kuss gehabt zu haben. Da ursprünglich gar nicht danach gefragt worden war und die Patienten dies von sich aus sagten, gehen die Forscher von einer höheren Dunkelziffer aus.

Zähne putzen oder 24 Stunden auf Küssen verzichten hilft

Um allergische Reaktionen zu verhindern, empfehlen Ärzte den Partnern von Allergikern, sich vor dem Küssen gründlich die Zähne zu putzen, den Mund auszuspülen und kritische Speisen 24 Stunden davor zu meiden.

In Extremfällen hilft das aber alles nichts. Allergologe Sami Bahna berichtet von einem Patienten mit einer Erdnussallergie, der nach dem ­Küssen seiner Freundin einen ­lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock erlitt. Die junge Frau hatte sich nach dem ­Verzehr der Nüsse zwei Stunden vorher die Zähne ­geputzt, den Mund mehrmals ­ausgespült und Kaugummi verwendet. Das Problem ist: Nicht nur beim Küssen können Allergene übertragen werden.

Auch über Sperma können Allergene übertragen werden

So hatte eine Frau nach dem Sex eine allergische Reaktion auf Paranüsse, ohne dass sie diese zuvor verzehrt hatte. Der britische Arzt Amolak Bansal ­erklärt dies damit, dass ein in Paranüssen enthaltenes Protein durch den Samen des Partners übertragen wurde.

Ein Experiment bestätigte diese Theorie: Noch mehrere Stunden nach dem Verzehr von Paranüssen waren im Sperma des ­Mannes die Paranuss-Allergene enthalten, auf die seine Freundin so heftig reagiert ­hatte. Ähnliche Beobachtungen gibt es bei Medikamentenallergien: Es wird vermutet, dass ­sogar Penizillin beim Geschlechtsverkehr übertragen werden kann.

Das European Centre for Allergy Research Foundation schätzt, dass bis 2015 in den ­Industrieländern jeder Zweite eine Allergie haben wird. Die WHO sieht eine weiter steigende ­Tendenz. „Gelingt es nicht, das Allergiepro­blem einzudämmen, werden die Deutschen schon bald ein Volk der Allergiker sein“, sagt Beate Thier, Ärztin bei der Techniker-Krankenkasse. Gerade im Winter sollte so lange aber weiter geküsst werden – denn küssen stärkt auch das Immunsystem.

 
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