Bremen - Wenige Fasern, dafür umso mehr Energien – eigentlich ist Obst im Vergleich zu Gemüse relativ leicht zu verdauen. Doch immer mehr Menschen empfinden das ganz anders: Sie leiden unter einer Fructose-Malabsorption, einer eingeschränkten Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker. Und die schlägt einem auf dem Magen.

Vom Namen her gehört Fruchtzucker eigentlich ins Obst. Und würde dieser Einfachzucker auch nur dort vorkommen, hätte der menschliche Verdauungstrakt weniger ein Problem damit. Schließlich ernährte sich der Mensch schon von Beginn der Evolution an von Beeren und Früchten. Doch im Zeitalter industrieller Nahrungsmittel ist Fructose mittlerweile fast überall enthalten – wie etwa in Säften, Limonaden und Smoothies. Zudem sind viele Lebensmittel mit einem Fructose-Sirup aus Maisstärke gesüßt. So wird der Darm geradezu von Fructose überschwemmt.

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Ähnlich viel Fruchtzucker und Traubenzucker sind gut verträglich

Dabei ist nicht die Menge an fruchtigen Lebensmitteln schädlich, sondern das Verhältnis von Fruchtzucker zu Traubenzucker (Glucose): Ist das Verhältnis ausgewogen, wie beispielsweise bei Bananen, nimmt der Traubenzucker die Fructose im Darm ins Schlepptau und hilft, sie zu verdauen. Erst wenn mehr Fructose enthalten ist als Glucose, kann es Probleme geben. Äpfel beispielsweise enthalten so einen Fructoseüberschuss. Auch Birnen und Mangos werden aus diesem Grund schlecht vertragen. Denn während die meisten anderen Zuckerarten im Zwölffingerdarm komplett aufgenommen werden, benötigt Fructose zu ihrer Verdauung spezielle Transporterproteine, die Glut-5 heißen. Dieses Protein hat die Aufgabe, die Fructose aus der Nahrung durch die Dünndarmzellen in den Organismus zu schleusen, wo sie als Energiespender zur Verfügung steht.

Doch die Kapazität dieser Transportproteine ist gering. Versagen sie, gelangen größere Anteile des Zuckers unverdaut in den Dickdarm, wo Bakterien sie zu Gasen und kurzkettigen Fettsäuren zerlegen, die zu Magenproblemen führen können. Bei den meisten Menschen geschieht das zwar erst ab 35 Gramm Fruchtzucker, doch bei jedem dritten Kind und jedem fünften Erwachsenen reichen dazu auch kleinere Mengen: Sie leiden unter einer Fructosemalabsorption, das heißt, dass ihr Verdauungspotenzial schon bei 25 Gramm ausgereizt ist. Für diese Menge reichen bereits zwei Gläser Apfelsaft oder weniger als eine Handvoll Rosinen.

Jeder Dritte mit einer Fructose-Malabsorption entwickelt wiederum Symptome mit Krankheitswert, und in diesen Fällen spricht man dann von einer Fructoseintoleranz. Sie ähnelt der heute allgemein bekannten Unverträglichkeit von Lactose, also von Milchzucker. Die Folgen sind die gleichen: Es kommt zu Durchfällen, Bauchkrämpfen und Blähungen.

Manche werden von Obst gar depressiv

Doch manchmal kommt es sogar, wie ­österreichische Forscher herausgefunden haben, zu Depressionen. Als Ursache vermutet Studienleiter Maximilian Ledochowski von der Uni-Klink Innsbruck, dass der durch den Fruchtzucker gereizte Darm weniger Tryptophan aus der Nahrung zieht. Dieses Eiweiß wird für die Synthese des Hirnbotenstoffs Serotonin benötigt: Fehlt er, kommt es, wie Ledochowski warnt, nicht nur zu depressiven Beschwerden, „sondern auch zum Süßhunger“. Was natürlich gerade für Diabetiker, die oft zu diätetischer, ­fructosehaltiger Kost greifen, geradezu kontraproduktiv ist. Denn sie spüren nach dem Verzehr dieser Nahrungsmittel mehr Hunger auf Süßes als vorher – und die Stimmung geht auch noch in den Keller.

Ledochowski und sein Team entdeckten außerdem, dass die Fructose-Malabsorption gerade bei Menschen jenseits der 35 Jahre oft den Folsäurespiegel nach unten drückt. Was vermutlich daran liegt, dass Fructose in den tieferen Bereichen des Darms die dortige Bakterienflora verändert, so dass der Organismus das B-Vitamin, wie Folsäure auch genannt wird, nicht ausreichend herstellt. Auch Zusammenhänge zwischen Fruchtzuckerverdauung und Zinkversorgung sind mittlerweile belegt. „In unserer Studie war kein einziger Patient mit Zinkmangel zu finden, der nicht gleichzeitig eine Fructose-Malabsorption zeigte“, so Ledochowski.

Durchaus möglich also, dass hinter so mancher Anfälligkeit gegenüber Infekten eine überforderte Fructoseverdauung steckt, insofern Folsäure und Zink zu den immunstärkenden Nährstoffen gehören.

Kein Obst schadet dem Darm erst recht

In jedem Falle handelt es sich aber bei der Fructoseintoleranz um eine Erkrankung, die therapiert werden sollte. Der Totalentzug von Fructose gilt dabei jedoch nicht mehr als Option. Er führe nur dazu, dass der Darm endgültig den Umgang mit dem Problemstoff verlernt „und langfristig die Beschwerden zunehmen anstatt besser werden“, warnt die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Christiane Schäfer.

Experten setzen daher heute auf ein Drei-Stufen-Konzept. Es beginnt mit einer zwei- bis vierwöchigen Karenzphase, in der kleine, ­fructosearme Mahlzeiten mit geringem Ballaststoffanteil auf dem Speiseplan stehen. So wird der Verdauungstrakt entlastet.

Dann folgt eine Testphase, in der ermittelt wird, wie viel Fructose der Patient verträgt – ohne Symptome der Unverträglichkeit zu entwickeln. Diese Phase dauert sechs bis acht Wochen und endet schließlich in einer Langzeiternährung.

Vielleicht können Betroffene dann nicht mehr herzhaft in einen Apfel beißen, aber Angst vor einem Vitaminmangel müssen sie keine haben, da es genug fructosearmes Gemüse und Obst gibt wie beispielsweise Paprika, Tomaten, Zucchini, Aprikosen oder Avocados. Und Experten sind sich einig: Die meisten essen nach der Diagnose einer Fructoseintoleranz nicht weniger Obst – sondern nur anderes.

 
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