Von Michael Stock

Der Torhüter teilt das Schicksal einer Hausfrau: Macht er alles richtig, lobt ihn niemand, macht er einen einzigen erkennbaren Fehler, kriegt er großen Ärger. Seine Aufgabe ist denkbar simpel, die Ausführung indes das Gegenteil: Er soll ausschließlich halten, ist also der geborene Spielverderber. Wer bitte tut sich sowas freiwillig an?

Lukas Betz hat sich dafür entschieden. Der Freudenstädter Schlussmann durchlebt allwöchentlich auf dem Platz die, man muss es so sagen, Tortur: Die Flatterbälle werden jedes Jahr tückischer und beidfüßig ballzaubern muss der moderne Torwart auch noch, im Spiel doppelt so viel laufen wie einst "Bomber" Gerd Müller, er muss Steilpässe schlagen, Konter abfangen und Libero spielen. 90 Minuten Konzentration heißt das. Betz scheint damit klarzukommen. Vergangenes Spiel erst hat er überragend pariert. "Ich bin sehr zufrieden mit seinen Leistungen. Er ist ein enorm wichtiger Bestandteil der Mannschaft", sagt Freudenstadts Trainer Jens Bertiller.

Also gar nicht einsam so allein zwischen dem 7,32 Meter breiten und 2,44 Meter hohen Kasten? "Ich fühle mich absolut nicht alleine. Wir sind nicht nur eine Mannschaft, sondern fast schon eine Clique", versichert der 1,93 Meter große Toreverhinderer. Dass er da steht, wo er heute ist, ist teils dem Zufall, teils einer soliden Ausbildung geschuldet.

Als Kind hatte Betz mit Asthma zu kämpfen, konnte deswegen nicht so schnell rennen, musste ins Tor. Die komplette Jugend durchlief er in Göttelfingen-Seewald, Torwarttrainer waren sein Vater Werner Betz und Charly Rouss, später in Tumlingen Georg Saier und heute in Freudenstadt Stephan Kaiser. "Ihnen allen habe ich sehr viel zu verdanken", meint der ausgewiesene Manuel Neuer-Fan.

Als solch einer sollte er wissen, dass ein Torwart irgendein Ventil gegen Überdruck pfeifen lassen sollte. Jüngst erst erreichte Neuer im Spiel gegen Nürnberg eben einen dieser blöden Flatterbälle, der ihm da plötzlich um die Ohren geflogen kam wie eine krumme Gurke. Danach durfte er sich so einiges anhören. Betz hat bei drei wöchentlichen Trainingseinheiten und einem Spiel aber nicht viel Zeit, anderen Hobbies zu frönen, die volle Konzentration gilt dem Fußball.

"Ich will immer so hochklassig wie möglich spielen", stellt der Industriemechaniker hohe Erwartungen an sich selbst. Wie seine Einstellung zum Fußballgeschäft ist, beschreibt auch Bertiller: Wenn Lukas einen Ball reinkriegt ist es ›herrlich anzusehen‹, wie er sich über sich selbst aufregen kann. Das sagt doch schon alles. Seine Einstellung stimmt."

Nur allzu viele Treffer kassieren sollte die Spielvereinigung nicht mehr. Mit 31 Toren hat der Landesligist bisher am viertmeisten Gegentore erhalten. Das fuchst Betz natürlich auch, ohne ihm dabei die Schuld zuweisen zu wollen. Und wenn er doch mal daran beteiligt war, kann er im Gegensatz zu seinen Mitspielern nicht anderen die Schuld für sein Versagen zuschieben. Da ist es ganz gut, dass er mit seinen Verteidigern Eugen Remmel und Pascal Fahrner zwei Mitspieler eine Reihe vor sich hat, "mit denen ich mich blind verstehe", sagt Betz.