Dezember 2021: Während einer Gerichtsverhandlung wird Nawalny per Video aus dem Gefängnis zugeschaltet Foto: dpa/Evgeny Feldman

Drei Jahre nach dem Giftanschlag soll der russische Oppositionelle Alexej Nawalny in seiner Strafkolonie gestorben sein.

Es ist eine Nachricht, die sich für einige seiner Weggefährten, für Journalisten und Aktivistinnen, im In- wie im Ausland, so anfühlt wie der 24. Februar vor knapp zwei Jahren: Alexej Nawalny ist tot. Das teilte die russische Gefängnisbehörde FSIN am Freitagnachmittag mit. Nach einem Spaziergang in der Strafkolonie Polarwolf im Dörfchen Charp hinter dem Polarkreis, in dem der 47-Jährige seit Weihnachten einsaß, sei Nawalny zusammengebrochen, der halbstündige Wiederbelebungsversuch habe keinen Erfolg gehabt. „Um 14.17 Uhr (Ortszeit) stellten die Ärzte den Tod fest“, hieß es.

 

Nach unbestätigten Angaben soll sich ein Blutgerinnsel gelöst und zum Tod geführt haben. Moskauer Ärzte seien für eine forensische Untersuchung in die nördliche Region Jamal-Nenzen aufgebrochen – knapp 3600 Kilometer von der Hauptstadt entfernt –, teilte die FSIN mit. Auch sein Anwalt Leonid Solowjow sei nach Charp unterwegs, schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch auf X. „Wir sind gerade dabei, die Dinge zu klären. Alexej hatte am Mittwoch einen Anwalt bei sich. Da war alles normal“, teilte Solowjow mit. „Wir haben ihn am 12. Februar bei einem Treffen im Gefängnis gesehen. Er war lebendig, gesund und glücklich“, schrieb Nawalnys Mutter, Ljudmila Nawalnaja, bei Facebook.

27-mal war er in den vergangenen Monaten in Isolationshaft

Alexej Nawalny, der vor mehr als drei Jahren einen Anschlag mit dem Nervengiftgas Nowitschok knapp überlebt hatte, mutmaßlich von russischen Geheimdiensten ausgeführt, bezahlt seinen unerschrockenen Kampf gegen Präsident Wladimir Putin nun doch mit dem Leben. 27-mal war er in den vergangenen Monaten in Isolationshaft. Nawalnys Ärzte sprachen immer wieder davon, dass die drei Jahre andauernden Qualen kaum ein Mensch aushalten könne.

Russlands Liberale und Politiker im Westen bezeichneten Nawalny Tod als „politischen Mord“. „Es fühlt sich an, als hätte noch ein Krieg begonnen“, schrieb der russische Journalist Alexander Tschernych in seinem Telegram-Kanal. „Ich habe keine Worte, ich habe nur Hass“, meinte der russischsprachige estnische Philologe Roman Leibow. „Die Verantwortung für seinen Tod hat allein Putin, unabhängig vom formalen Grund“, so Michail Chodorkowski, ehemaliger Ölmagnat und Putins früherer Feind Nummer eins.

In Moskau legten Menschen Nelken und Rosen vor dem Haus ab, in dem Nawalny vor seiner Vergiftung gewohnt hatte. In europäischen Städten hielten Menschen Plakate in der Hand. „Putin ist ein Killer“, stand darauf. Nawalnys Frau Julia sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Wenn es tatsächlich stimmt, werden Putin und alle, die für ihn arbeiten, nicht straflos davonkommen.“

Die EU machte direkt den russischen Staat für den „tragischen Tod“ Nawalnys verantwortlich. Russlands Propagandistinnen ätzten: „Der Westen ist selbstentlarvend. Es gibt noch keine forensische Untersuchung, aber der Schuldige steht für sie schon fest“, schrieb Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums. Margarita Simonjan, Chefin der staatlichen Medienagentur Rossija Segodnja, teilte lediglich mit: „Nawalny ist tot. Russland schuldet niemandem etwas.“

Putin weilte derweil in einem Unternehmenspark in Tscheljabinsk am Ural, wo er Maschinen in Augenschein nahm. Informiert sei der Präsident bereits, teilte sein Sprecher Dmitri Peskow mit. Bei seiner Ansprache vor Beschäftigten der Betriebe ging Putin nicht auf den Tod seines Widersachers ein. Ein Wort des Beileids äußerten weder Putin noch Peskow. Russlands kremltreue Politiker forderten eine „gründliche Untersuchung, um westliche Informationsangriffe abzuwehren“, wie Sergej Mironow, der Vorsitzende der Partei Gerechtes Russland, es formulierte. Eine unabhängige Untersuchung in einem geschlossenen System wie einer russischen Strafkolonie, zumal im Fall Nawalnys, der offiziell als „Feind“, „Extremist“ und „Verräter“ wahrgenommen wird und dessen Namen der Präsident nicht einmal in den Mund nimmt, dürfte allerdings kaum zu erwarten sein.

Er war stark abgemagert

Noch am Tag vor der FSIN-Nachricht war Nawalny per Videoschalte während einer Gerichtsverhandlung so aufgetreten wie all die Jahre zuvor: gelassen, gewitzt, gelöst. Keine Schikane ließ ihm seine Ironie nehmen. Er kämpfte abgemagert und stark geschwächt auch noch aus seinem Gefängniskäfig entschlossen für ein demokratisches Russland. Einen Monat vor Russlands „Wahl“ am 17. März, vor Putins fünfter Wiederbestätigung als Präsident, hat ihn die Staatsmacht ins Grab gebracht, weil sie ihn all die Jahre, mit einem absurden Prozess nach dem nächsten und mit immer härteren Haftbedingungen, von der Gesellschaft isolierte, malträtierte, folterte.

Putins Regime hat lange vor dem Krieg in der Ukraine, den Nawalny aufs Schärfste verurteilte, seinen Kritikern mit aller Macht klarzumachen versucht: „Legt euch nicht mit uns an.“ Nawalny war der bekannteste russische Oppositionelle, der gegen diese Formel immer wieder verstoßen hatte. 2011 war er als Antikorruptionsblogger gestartet, um Bereicherungsschemata von hohen Beamten aufzuspüren – und wurde mit der Zeit immer politischer. Er fand schnell eine Sprache, die vor allem von der Jugend als die ihre anerkannt wurde. Endlich einer, der sich was traue, einer, der was bewegen wolle, sagten sie. Nawalny, selbstbewusst, brutal realistisch und kompromisslos, konnte fesseln. Auch wenn er mit seiner besserwisserischen Art manche vor den Kopf stieß, hörten sie zu. Er gab vielen Russinnen und Russen die Möglichkeit, an Veränderungen zu glauben. Daran, dass es ein besseres Leben ohne Angst geben könnte. Er war ihr Hoffnungsträger. Ihr Anti-Putin, der zugänglich war. Der sich mit Tochter Dascha und Sohn Sachar ablichten ließ, der seine Frau Julia vor allen Kameras küsste, auch dann, wenn Polizisten ihn wieder einmal abführten. Nawalny verschwand für Tage und Wochen in Arrestzellen und kam lächelnd wieder heraus.

Dann nahm das Regime Rache an einem Unbeugsamen: mit Nowitschok zunächst, dann mit jahrelangen Haftstrafen. Nach seinem Klinikaufenthalt in Deutschland war Nawalny im Januar 2021 zurück nach Russland geflogen. Bewusst. Er wollte zeigen, dass er aus dem Land heraus für die Freiheit kämpft, die den Russinnen und Russen verwehrt wird. Im Exil, so machte er deutlich, könne er seinem politischen Anspruch nicht gerecht werden. Er wollte eine glaubwürdige Identifikationsfigur sein.

Der Staat forderte drei Jahre, neun Jahre, schließlich 19 Jahre. Wegen Betrugs, Veteranenbeleidigung, Veruntreuung, Verherrlichung des Nazismus, Extremismus. Was ihm wirklich vorgeworfen wurde, wussten die Juristen auch nach dem Lesen Tausender Seiten an Vorwürfen nicht. Der Störer des Systems sollte einfach verschwinden. Nawalny wurde abgeschoben an den Rand der Zivilisation. Das System der „Zone“, wie das Gefängniswesen in Russland genannt wird, ist eine Welt für sich. Wer in sie hineingestoßen wird, schafft es kaum hinaus.

Nawalny, der stets Willensstarke und ironisch Feixende, hat es nicht aus der „Hölle“ geschafft, wie selbst Vollzugsbeamte ihre Strafkolonien nennen. Seinen Anhängern ließ er seine feste Überzeugung zurück: „Gebt niemals auf!“