Der erste schwarze Außenminister und Generalstabschef erliegt mit 84 Jahren den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Sein Tod ist so tragisch wie seine Laufbahn. Denn die weist einen nicht zu tilgenden Schandfleck auf.
Washington - Colin Luther Powell kommt am 5. April 1937 in Harlem als Sohn jamaikanischer Einwanderer zur Welt. Er wächst in der südlichen Bronx auf, besucht das City College of New York, wo er das Trainingsprogramm der US-Armee durchläuft, das Studenten auf eine mögliche Soldatenkarriere vorbereitet. „Mir gefielen die Strukturen und die Disziplin beim Militär“, so Powell später in einem Interview. „In einer Uniform fühlte ich mich als jemand. Es gab nicht viel in meinem Leben, das mir das Gefühl gab, jemand zu sein.“
1986 wird er Befehlshaber über ein 75 000 Mann starkes Regiment in Westdeutschland. „Keine andere Laufbahn in der amerikanischen Gesellschaft bietet einem Schwarzen größere Möglichkeiten“, sagt er später über seine Militärzeit. Allerdings: Keine andere Laufbahn ist auch so gefährlich. Gleich zweimal kämpft Powell in Vietnam, beide Male wird er verwundet, überlebt den Absturz seines Helikopters. Drei Jahrzehnte später ist er der jüngste und erste dunkelhäutige Vier-Sterne-General und Generalstabschef.
Powells Credo: Militärische Ziele definieren
In den 80er Jahren gehört Powell zu den Beratern Ronald Reagans während der Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets. 1989 plant er die Invasion von Panama, wenig später ist er an der Operation „Desert Storm“ beteiligt, dem ersten Golfkrieg. Aus dieser Zeit stammt auch die „Powell-Doktrin“. Sie sieht vor, dass militärische Einsätze nur dann gerechtfertigt seien, wenn das Endziel klar formuliert sei.
Als Powell 1993 seine Militärkarriere beendet, zählt er zu den populärsten Persönlichkeiten in Washington. Für einen Moment spielt er mit dem Gedanken, für das Weiße Haus zu kandidieren. Stattdessen wird er Anfang 2001 unter George W. Bush Außenminister, soll als politisches Gegengewicht zu Dick Cheney und Donald Rumsfeld dienen. Mit den Terroranschlägen vom 11. September kippt diese Machtbalance zugunsten der beiden Hardliner und Amerika zieht in den Afghanistan- und in den Irak-Krieg. Powell hält 2003 jene denkwürdige Rede vor dem Weltsicherheitsrat, die er später als einen „Schandfleck“, den größten Fehler seiner Karriere bezeichnet.
„Wache auf und schreie“
In dieser Rede plädiert Powell für den Sturz Saddam Husseins, weil jener über biologische Waffen verfüge. Eine Lüge, wie sich später herausstellen sollte. Als Reaktion auf die Aussage von George W. Bush, wonach er nachts wie ein Baby schlafe, antwortet Powell: „Ich schlafe auch wie ein Baby. Alle zwei Stunden wache ich auf und schreie“.
Nach seiner ersten Amtszeit wirft der Außenminister das Handtuch und zieht sich ins Privatleben zurück. Vier Jahre später sorgt Powell für Schlagzeilen, als er im Präsidentschaftswahlkampf überraschend den politischen Gegenkandidaten, den Demokraten Barack Obama, unterstützt. Seine Kritik am Rechtsruck der Republikaner gipfelt 2021 in seinem Parteiaustritt, als Trump-Anhänger das Kapitol stürmten.
Trotz allem: eine Traumkarriere
Zeit seines Lebens hatte Powell auch immer wieder mit dem Rassismus in den USA zu kämpfen. Noch während seiner Ausbildung durfte er in manchen Bundesstaaten keine Restaurants besuchen, nicht dieselben Waschräume wie Weiße benutzen. Als Powell 2001 vor dem US-Senat für das Amt des Außenministers vorspricht, verknüpft er seine eigene Vita mit dem amerikanischen Traum. Seine Kandidatur zeige, dass wenn man nur lang genug für jene Werte eintrete, an die man glaubt, könnten so „wundersame Dinge“ geschehen, dass jemand wie er eines Tages ein solches Amt antreten könne.
Colin Powell erlag im Alter von 84 Jahren trotz Impfung einer Covid-19-Infektion. Er hinterlässt eine Frau, drei Kinder und mehrere Enkelkinder.