Der Fußballheld, der sich als Antiheld gab: Abwehrspieler Andreas Brehme. Foto: imago images/Horstmüller

Andreas Brehme ist gestorben. 1990 hat er mit einem Elfmeter die WM entschieden. Aber im Interview hinterher tat der Antiheld so, als hätte er nur ein kühles Pils aus dem Kühlschrank geholt.

Jeder Elfmeter ist ein Himmelfahrtskommando, besonders kurz vor Schluss, wenn es 0:0 steht. Deshalb kann man es keinem verdenken, wenn er zu diesem Stress Nein sagt – wie Lothar Matthäus. Im Olympiastadion in Rom war das, im Endspiel der Weltmeisterschaft 1990, fünf Minuten waren es noch, das Spiel gegen Maradona und die Argentinier stand auf der Kippe, da zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt. Matthäus war als Vollstrecker eingeplant, aber der deutsche Kapitän, bis dahin weltweit gefürchtet als einer der bombensichersten Strafstoßschützen, wandte sich hilfesuchend seinem besten Kumpel zu und flehte mit einem Querverweis auf seine drückenden Schuhe: „Andy, schieß du!“

 

Der Rest ist Geschichte: Andreas Brehme hat den gewinnbringendsten Elfmeter der deutschen Fußballgeschichte unhaltbar verwandelt, eiskalt wie eine Hundeschnauze, scharf unten links. „Jaaaa!“, brüllten die TV-Kommentatoren Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge synchron in ihr Mikrofon, Deutschland war Weltmeister, und Andy Brehme fortan ein unsterblicher Held.

Der Held ist tot.

Linker Verteidiger und virtuoser Fußballer

Herzstillstand, in der Nacht zum Dienstag, im Alter von 63 Jahren. Die Götterdämmerung des deutschen Fußballs geht weiter, nach Uwe Seeler, Gerd Müller und Franz Beckenbauer jetzt also Brehme. Neulich, bei der Trauerfeier für den Kaiser, hatte er noch gesagt: „Im Himmel wird der Franz mit Pelé und Maradona ein magisches Dreieck bilden.“ Auch Brehme kommt in den Himmel, gestern hat es Uli Hoeneß so begründet: „Andy war mehr als das 1:0 im WM-Finale von Rom. Wir haben einen großartigen Menschen und einen treuen Freund verloren.“

Und einen virtuosen Fußballer. Er war linker Verteidiger, hatte aber einen Zuckerfuß wie ein Künstler. Den FC Bayern hat er mitgeprägt, und Inter Mailand in der dortigen Ära mit Matthäus und Klinsmann. Der spätere Brehme ist dann mit dem 1. FC Kaiserslautern abgestiegen, berühmt geworden mit dem Satz „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“ – aber prompt wieder aufgestiegen und noch mal Deutscher Meister geworden.

Brehme war 44, aber beim Balljonglieren noch immer ein Weltmeister

Zu den trauernden Hinterbliebenen gehört auch der VfB Stuttgart. „Andy war ein Mensch“, erinnert sich Meisterpräsident Erwin Staudt, der den Altmeister verpflichtet hat, damals, früh im neuen Jahrtausend. Brehme war auf dem Wasen Co-Trainer unter seinem alten Inter-Chef Giovanni Trapattoni, und wir erinnern uns, wie er an einem sonnigen Vormittag einem jungen Senegalesen beibrachte, wie Fußball geht. Moustafa El Hadji Diallo, 19, war zum Probetraining da, und das Feingefühl, das er im Fuß hatte, war beachtlich – doch alles ist relativ. Jedenfalls stahl ihm der alte Knabe die Show.

Andreas Brehme war inzwischen 44, aber beim Balljonglieren noch immer ein Weltmeister, egal, ob er den Ball mit links oder rechts nahm, volley mit dem Spann oder hüfthoch mit dem Außenrist. Hinterher gingen Brehme und Trapattoni noch im Gleichschritt joggen. Don Giovanni war sein väterlicher Förderer, drei Jahre war er unter ihm Spieler bei Inter gewesen, Trapattoni hatte ihn zum italienischen Meister und italienischen Fußballer des Jahres gemacht. „Co-Trainer ist für mich keine Herabsetzung“, sagte Brehme, „nicht unter Giovanni.“

Vor Jahren war in Schlagzeilen auch der Alkohol ein Thema

Seine Frau Pilar lebte damals mit den Söhnen Ricardo und Alessio in München, aber die Ehe ist dann zerbrochen. Und nicht immer hat Brehme sein Geld später gut angelegt. Im Internet kursiert ein Video, das seine zeitweise schwierige Lebenslage ein bisschen erklärt: Für eine Firma, bei der man sich als Fußballfan Glückwünsche von Promis kaufen kann, gratuliert Brehme in einem Video einem gewissen Alfred zum runden Geburtstag, und im Hintergrund sieht man plötzlich Brehmes nackte Freundin durchs Bild laufen. Vor Jahren war in Schlagzeilen auch der Alkohol ein Thema, und von 400 000 Euro Schulden war die Rede. Brehmes alter Weggefährte Franz Beckenbauer regte seinerzeit einen Sozialfonds für verdiente Fußballer an. „Andy hat“, sagte der Kaiser, „so viel für den Fußball getan.“

Beim VfB war jedenfalls noch alles im Lot. Brehme lebte im Schlossgartenhotel, die Italiener um Trapattoni und die Co-Trainerkollegen Rossi und Bardin waren seine Zweitfamilie, und wenn sie nicht gerade den VfB trimmten, saßen sie nett zusammen und plauderten. Über Gott und die Welt? „Nein“, verriet Andy Brehme, „da geht’s nur um Fußball, den ganzen Tag.“

„Wissen S’, Herr Brehme sitzt in der Badewanne“

Auch um seinen Elfmeter, den Moment seines Lebens. Hat er das volle Ausmaß der Heldentat eigentlich begriffen? Anno 1991, im Rahmen der Feierlichkeiten aus Anlass des einjährigen Jubiläums, sollte der Vollstrecker den goldensten Schuss seines Lebens noch einmal Revue passieren lassen, den nervlichen Aspekt etwas näher beleuchten und analysieren, wie er den geschichtsträchtigen Moment innerlich verarbeitet hat. Anruf bei Brehme. Eine Stimme meldet sich: „Könnten Sie es später nochmal versuchen? Wissen S’, Herr Brehme sitzt in der Badewanne.“ Also zweiter Versuch, eine Stunde später. „Brehme“, meldet sich Brehme. Er outet sich jetzt als frisch gebadet, und der Anrufer kommt ohne unnötigen Umweg zur Sache: „Sie haben eine Fußball-WM entschieden – wie hat sich danach Ihr Leben als Held verändert?“ „Wieso?“, stutzt er.

Andreas Brehme ist gebürtiger Hamburger. Selbst in der Sekunde nach jenem goldenen Schuss von Rom hat er seine Gefühle nur kurz und diskret an die große Glocke gehängt, unmittelbar danach: Der Ball lag im argentinischen Tor, Brehme gab einen Urschrei von sich, ging in die Luft, stürzte dann ins Gras, überschlug sich, und verschwand unter der Traube aus seinen Mitspielern. Fünf Minuten später war das Spiel dann aus, und fortan sagte der Hanseat Brehme so cool, dass ihm der Satz auf den Lippen erfror: „Einer musste ja schießen.“ Er sagte es, als habe er in jenem nervtötenden Augenblick nicht das Endspiel um die WM entschieden, sondern nur mal schnell ein kühles Pils aus dem Kühlschrank geholt.

„Ich wusste, ich tu’ ihn rein“

Ach, was für eine sagenhafte Geschichte hätte Brehme erzählen können. Die Angst des Schützen beim Elfmeter – für den Rest seines Lebens hätte er mit dieser Nummer auf Tournee gehen und einen Diavortrag halten können, bei Vereinsjubiläen, Seniorentreffs und Kindergeburtstagen. Er hätte von seinem Angstschweiß auf der Stirn erzählen können, und wie er sich noch rückwirkend patschnass im Bett wälzte angesichts des Elfmetertöters Goycochea, der vor ihm immer größer wurde, und das argentinische Tor immer kleiner. Doch Brehme hielt es mit Goethe: Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.

„Angst? Ach was“, sagte Brehme über den Schuss seines Lebens. „Ich wusste, ich tu’ ihn rein.“

Richard von Weizsäcker hat ihn trotzdem für seine Courage bewundert, in Bonn, wo der Bundespräsident den Helden nach dem Triumph von Rom den Silberlorbeer umgehängt hat. „Er hat mir erzählt, dass er gezittert hat beim Elfmeter“, erinnerte sich Brehme, der gar nicht gezittert hat. Seine Endspielstiefel sind übrigens in einem Museum gelandet.

„Vergoldet?“, wurde er gefragt.

„Vergoldet?“, fragte Andy Brehme entgeistert zurück, „wieso das denn?“