Lehnen sich Lehrer in VS zu weit aus dem Fenster, wenn es um das Kindeswohl geht? Foto: © gpointstudio – stock.adobe.com

Der Papa trinkt täglich ein Bier, ein Fall fürs Jugendamt? Die Grundschülerin kommt verheult in die Schule, der nächste Fall für die Behörde?  Lehnen sich Lehrer zu weit aus dem Fenster, wenn es um das Kindeswohl geht? Ein Bericht über Inobhutnahmen sorgt im Internet für Wirbel. 

Villingen-Schwenningen - Die Berichte über die Herausnahmen zweier Jungs aus dem Kreis und Villingen-Schwenningen schlagen hohe Wellen. Vor allem in den sozialen Netzwerken und in Gesprächen türmen sich die Kommentare zu ähnlichen Fällen, wird Kritik an den Jugendämtern deutlich. "Bei den einen werden die Kinder aus Familien geholt und jeder langt sich an den Kopf und bei anderen werden Hinweise ignoriert", spielt eine Gesprächspartnerin auf den Umstand an, dass unlängst eine Mutter ihren kleinen Sohn verdursten ließ. Die Kritik auf einen Satz zusammengefasst: Auf der einen Seite das vermeintliche Wegschauen oder nicht genaue Hinsehen, auf der anderen Seite Aktionismus.

 

Frage nach politischer Präferenz

Und genau an diesem Punkt setzt ein Teil der irritierten Reaktionen in der Redaktion des Schwarzwälder Boten an. Im Nachhall der mittlerweile drei Berichte meldeten sich auch Eltern zu Wort, die Angst davor hatten, mit dem Jugendamt Probleme zu bekommen, weil in ihrem Fall sehr genau auf die Kinder geschaut worden sei. "Die Jugendämter sitzen einfach am längeren Hebel und wir Eltern sind machtlos."

Drei Fälle

Drei völlig unterschiedliche Fälle werden der Redaktion zugetragen, in denen die Schulen eine Rolle spielen. Der erste, der aufgrund von Elternprotesten dann ein Nachspiel hat: Eine Gemeinschaftskunde-Lehrerin fragt in ihrer Stunde in einer Mittelstufen-Klasse die Jugendlichen nach der politischen Meinung ihrer Eltern aus und ob da welche dabei seien, die sich von der AfD angesprochen fühlen. Statt einer Antwort erhielt sie teils erboste Reaktionen.

Zweiter Fall: Ein Neunjähriger kommt in die Schule, man sieht, dass er noch Tränen in den Augen hat. Hintergrund: Er hatte Ärger zuhause bekommen, weil er die ihm zugedachten Haushaltsaufgaben nicht machte, er sollte den Müll runterbringen. Die Klassenlehrerin, schildert der Vater die Reaktionen, habe sofort die Schulleitung informiert. Der völlig irritierte Mann musste sich erklären, warum es zu Hause Tränen gegeben hatte. "›Mehrere Tage lang hatte ich Angst davor, dass ich jetzt auch noch ins Jugendamt zitiert werde", aus gutem Grund, wie er erzählt.

Und nun zu Fall drei: Ein Junge, ebenfalls Grundschüler, erwähnt, dass der Papa täglich ein Bier trinke. Die Info zu den Feierabend Gewohnheiten des Mannes seien sofort an den Schulsozialarbeiter gegangen, dann ans Rektorat und zum Schluss musste sich der vermeintliche Alkoholiker vor den Mitarbeitern des Jugendamtes verantworten.

Neutralität das A und O

Drei verschiedene Fälle, die die Redaktion zunächst dorthin trägt, wo sie ihre Kreise zogen: an die Schulen, das Staatliche Schulamt in Donaueschingen und damit zu Susanne Cortinovis-Piel, deren Leiterin. Was sagt sie dazu, dass Lehrer und Lehrerinnen ihre Schüler nach der politischen Gesinnung ihrer Eltern ausfragen? Nicht allzu viel: "Jede Lehrkraft hat sich politisch neutral zu verhalten."

Und wie fällt ihre Reaktion auf die Schilderungen jener Eltern aus, die sich zu Unrecht in ein schiefes Licht gestellt sehen? Grundsätzlich agiere die Schule immer im Dialog mit den Eltern gemeinsam für das Kind, schreibt sie in Ihrer Replik. "Sollte es einem Kind auch nicht gut gehen, werden die Eltern informiert". Die Schule geht mit ihnen in den Austausch. Jeder Einzelfall müsse dabei in seiner vielschichtigen Komplexität betrachtet werden. Entsprechende Reaktionen werden daraus abgeleitet. Daher sei keine konkrete Antwort ohne genaue Betrachtung der Einzelheiten möglich.

"Kompetenzen maßlos überstiegen"

Etwas deutlicher fällt die Reaktion dagegen aus schulinternen Kreisen aus. Die Frage nach der politischen Überzeugung? "Da hat jemand seine Kompetenzen maßlos überstiegen", so die Kommentierung. Eine Übergriffigkeit, die "eigentlich Anlass für ein Dienstgespräch wäre". Und auch die Reaktion auf den Grundschüler, der verheult in die Schule gekommen sei, "sei völlig überzogen". Da habe eine Lehrerin wohl Schnappatmung bekommen, so der Kommentar. Zu guter Letzt steht noch das Feierabendbier des Vaters zur Bewertung: "Da gibt es nichts zu kommentieren." Dies sei sicherlich "kein Anlass, tätig zu werden". In solchen Reaktionen und Verhaltensmustern stecke eine große Gefahr: Wenn hier Eltern unschuldig oder ungerechtfertigt denunziert oder an den Pranger gestellt werden, dann führe dies zu einem kompletten Bruch im Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Schule.

Leider gebe es "diese Lehrer, die völlig überzogen reagieren". Doch wie schaffen Schulbeschäftigte den schwierigen Spagat zwischen Aktionismus einerseits und zu legeren Umgang mit etwaigen Alarmzeichen? Eigentlich werden die Kollegen entsprechend geschult, heißt es aus internen Kreisen. Das Jugendamt werde erst nach Elterngesprächen eingeschaltet und dann auch nur, wenn es Fakten gibt, die eine Gefährdung des Kindeswohl untermauern.

Dressel: Fingerspitzengefühl sehr wichtig

Elmar Dressel, langjähriger Leiter der Südstadtschule Villingen, lacht bei den Schilderungen der drei Fälle laut auf. "Lehrer sollten an dieses Thema mit sehr viel Fingerspitzengefühl gehen." Die Kinder nach der politischen Gesinnung zu fragen, wäre auch für ihn Anlass für ein ernsthaftes Gespräch. Wie im Alltag umgehen, wenn es Alarmzeichen gibt?

Der leitende Pädagoge zitiert zwei zentrale Paragrafen aus dem Schulgesetz. Zum einen gebe es Handlungsbedarf, wenn Schüler wegen ihres auffälligen Verhaltens von der Schule oder vom Unterricht ausgeschlossen werden. Ein Einschalten des Jugendamtes sei dann notwendig. Schulen müssen zudem in Fällen von körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung das Jugendamt einschalten, wenn es sichere Zeichen dafür gebe, "aber nicht ohne zuvor die Eltern gehört zu haben". Das Feierabendbier sei sicherlich keine Legitimation dafür, ein Amt einzuschalten.

Kommentar: Mit Augenmaß

Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind das Zauberwort für vieles, was das Etikett brisant trägt. Sicher stecken Lehrer wie Jugendämter oft in einem Dilemma. Doch viele, zu viele Familiengeschichten sind für diejenigen, die den Schutz am nötigsten gehabt hätten, fatal ausgegangen: Berichte von Kindern, die verdursteten oder schwer misshandelt wurden, sind keine Einzelfälle. Viel zu oft wird zu wenig hingeschaut, werden Eltern geschont, wo es nichts zu schonen gibt, werden Geschichten geglaubt, wo genaueres Hinschauen besser gewesen wäre. Andererseits gibt es viele, viel zu viele Geschichten, die Übereifer und ein Beharren auf der Behördenposition widerspiegeln. Sei es aus Überforderung, falsch verstandener Solidarität oder Interessenskonflikten. Um das Kindeswohl zu schützen, braucht es ausreichende Fakten und einen sehr genauen Blick auf die Kinder.