Die Talgangbahn hat am Ende des vorigen Jahrtausends den Betrieb eingestellt. (Archiv-Foto) Foto: Luippold

Chancen sind gestiegen. Land attestiert Albstädter Bahnstrecke und Balingen-Rottweil "hohes Nachfragepotenzial".

Zollernalbkreis - Gute Nachrichten aus Stuttgart: Die Chancen der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Balingen und Rottweil und der Albstädter Talgangbahn auf eine Reaktivierung sind am Dienstag beträchtlich gestiegen: Das Land bescheinigt ihnen "hohes Nachfragepotenzial".

42 stillgelegte Bahnstrecken hat die Karlsruher Softwarefirma PTV – das Kürzel steht für "Planung, Transport, Verkehr" – auf ihr Nachfragepotenzial hin untersucht, also daraufhin, wie viele Passagiere pro (Schul-)Tag und Streckenkilometer die Züge voraussichtlich transportieren würden, wenn sie wieder führen.

"Sehr hohes Nachfragepotenzial"

PTV stellte aus der Zahl der Bewohner, Arbeitsplätze und Schulen in der Nähe der jeweiligen Bahntrasse Rückschlüsse auf die mögliche Zahl der Passagiere an und kam bei der Strecke Balingen-Rottweil auf 1460, bei der Talgangbahn zwischen Ebingen und Onstmettingen auf 780 Fahrgäste. Damit befinden sich beide Strecken in der zweithöchsten von vier Kategorien, in welcher die 42 untersuchten Strecken abschließend eingruppiert wurden: Alles über 1500 Passagieren zählt zur Kategorie "Sehr hohes Nachfragepotenzial", das "hohe Nachfragepotenzial bewegt sich zwischen 750 und 1500 Fahrgästen und das mittlere zwischen 500 und 750 Passagieren. Die Strecke, die von Hechingen über Haigerloch nach Eutingen-Eyach im Kreis Freudenstadt führt, ist mit 560 Fahrgästen in der dritten Kategorie gelandet.

Was das bedeutet? Der Unterschied zwischen sehr hoher und hoher Nachfrage ist unerheblich: In beiden Fällen dürfen die betreffenden Gemeinden Machbarkeitsstudien, Entwurfsplanung und eine "Standardisierte Bewertung" in Auftrag geben und bekommen drei Viertel der Kosten und maximal 100.000 Euro erstattet. Letzteres gilt auch für die Strecken der mittleren Kategorie; allerdings dürfen die Kommunen hier erst nach einer "vertieften Potenzialanalyse" weitere Schritte unternehmen.

Noch großzügiger fällt die Förderung nunmehr bei den Investitionskosten aus: Der Bund übernimmt im Regelfall 90 Prozent, das Land weitere 5,75 Prozent; die Gemeinden sind nur noch mit 4,25 Prozent dabei. Zum Vergleich: Früher waren es lediglich bis zu 40 Prozent.

Zu guter Letzt bleibt noch der laufende Betrieb: Im Falle eines sehr guten oder guten Nachfragepotenzials übernimmt das Land die Kosten zur Gänze, im Falle eines mittleren Potenzials zu 60 Prozent. Der Punkt ist nicht ganz unbedeutsam, denn laufende Kosten sind bekanntlich nicht unangenehmsten. Die 30 Fahrgäste, um welche die Talgangbahn über der Unterkante der "hohen Nachfrage" geblieben ist, sind unter diesen Umständen von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Die Gleise sind ein Plus – die Sackgasse ein Minus

Allerdings ist die Fahrgastzahl nicht alles – bei der Standardisierten Bewertung wird Wirtschaftlichkeit als Bedingung gestellt. Die Untersuchung für die Talgangbahn läuft bereits; der Umstand, dass es noch Gleise gibt, könnte sich dabei positiv, die Tatsache, dass sie eine Stichverbindung, sprich: eine Sackgasse ist, negativ aufs Ergebnis auswirken. Indes verweist das Verkehrsministerium darauf, dass die Verfahrensanleitung für die Standardisierte Bewertung derzeit in Berlin fortgeschrieben wird und sich die Kriterien ändern könnten. Ob die Talgangbahn eventuell davon profitieren kann, bleibt abzuwarten.

Hat ein Reaktivierungsprojekt die letzte Hürde auf dem Weg zur Instandsetzung genommen, dann zählt der Tabellenplatz in der Karlsruher Potenzialerhebung übrigens nicht mehr viel – es gilt das Windhundprinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Was bedeutet: Je engagierter die Gemeinden ihre Reaktivierungsprojekte vorantreiben, desto größer sind ihre Chancen, zum Zug zu kommen. Buchstäblich.

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