Sorge um die Zukunft des Theaterwesens. Auswirkungen der Digitalisierungen noch unklar.
Der Lockdown dauert an, und Kultureinrichtungen wie das Zimmertheater müssen weiter ausharren. Wie der Alltag des Theater-Teams derzeit aussieht, welche bürokratischen Stolperfallen überall warten und wie das Theaterprogramm nach Corona aussehen wird, lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.
Rottweil - Abwarten und sich bereit halten – so lautet beim Rottweiler Zimmertheater weiter die Devise. Die Auswirkungen der verlängerten, coronabedingten Zwangspause sind bei den kreativen Köpfen nicht nur finanziell zu spüren.
Weiterarbeiten, um nicht zu verzweifeln?
"Immerhin dürfen wir weiter proben", sagt Intendantin Bettina Schültke. "Und sobald wir wieder auftreten können, haben wir acht Stücke zu bieten – so viele wie noch nie." Weiterarbeiten, um nicht zu verzweifeln? Nein, vielmehr gehe es darum, allzeit bereit zu sein und so die bewährte Qualität bieten zu können, wenn es im Frühling wieder losgehen könnte. Die Stücke sind größtenteils zur Reife gebracht, interne Generalprobe inklusive.
Dass jedoch ein Publikum fehlt, das auf das Gezeigte reagiert, applaudiert und mit den Schauspielern interagiert, lässt sich nicht überspielen oder vergessen. "Das Grunderlebnis des Theaters, das so wichtig für das seelische Leben der Schauspieler ist, fehlt. Dieses für zwei Stunden abheben in der Aufführung kann man nicht künstlich herstellen", weiß Intendant Peter Staatsmann. Das Sprechen ins Nichts sei seltsam.
Konflikt zwischen Freiheit und Rechtsordnung
Dennoch ist die Grundstimmung beim Ensemble gut, auch wenn manches während der langen Pause verloren gegangen ist, stellt Staatsmann fest und meint damit die Emotionen im Stück "Atmen". Dieses konnte vor dem Lockdown lediglich drei Mal aufgeführt werden und wurde nun nach langer Pause noch einmal geprobt. Um die Emotionen beizubehalten, sei es so wichtig, im "Flow" zu bleiben.
Regelmäßig geprobt wird auch der "Prinz von Homburg", ein Stück, das zur derzeitigen Situation passe, so Schültke, geht es doch um den Konflikt zwischen der Freiheit des Individuums und der Rechtsordnung des Staats. Schließlich muss sich der Prinz, ungeachtet seines Sieges bei einer Schlacht, für seine Insubordination gegenüber dem Kurfürsten verantworten.
Begeisterung in Gefahr
Um dem "harten Stoff" dieses Stücks etwas entgegenzusetzen, bereitet das Zimmertheater-Team zudem Molières "Der Menschenfeind" vor, eine Komödie, die auch durch sprachlichen Witz besticht.
Trotz allen Optimismus’ sind da aber Sorgen, die alle Theaterschaffenden teilen, erzählt Staatsmann. Etwa die "Katastrophe am Horizont", dass die Begeisterung für das Theater nach der langen Pause nicht mehr so zurückkommt wie sie vor der Krise war, und es plötzlich als "überflüssige Kulturtechnik" gesehen wird.
Dazu könnte die fortschreitende Digitalisierung beitragen, fürchtet Staatsmann. Das Theater als "hyperzerbrechliches Wahrheitsmedium" könne an Bedeutung verlieren, die Gesellschaft – "im Würgegriff des Digitalen" – den Bildschirm der echten Erfahrung vorziehen.
Trotz der Befürchtungen der Branche: Staatsmann kann sich eine solche Entwicklung – dass die Rottweiler nach der Krise nur noch vor dem PC sitzen und nicht mehr ins Theater gehen – nicht vorstellen. Anders sei das in Großstädten. Gerade diese Themen, die Schwächung der analogen Welt und der reife Umgang mit der Digitalisierung, will man nach der Krise aufgreifen.
Natürlich könne aus der Krise und den "Modernitätsschüben" aber auch eine Chance für die Theater erwachsen, insofern, dass ein Theaterstück plötzlich mehr geschätzt oder sogar zu einem "unfassbaren Erlebnis" werde.
Hoher Bürokratieaufwand
Schwierig findet Bettina Schültke, dass manche Jahrgänge durch den Wegfall der Kindertheateraufführungen nicht die Chance auf den Genuss eines Theaterstücks hatten. Schließlich sei gerade die Kindheit prägend für spätere Interessen. Die Intendanz befürchtet, dass mancher später sagen könnte: "Was ich nicht kenne, werde ich nicht vermissen". Deshalb probt das Team derzeit auch das Kinderstück "Ronja Räubertochter".
Und trotz der kritischen Sicht auf die Digitalisierung will das Zimmertheater diese nutzen, sollte das Spielverbot über Ostern hinausreichen. "Dann wollen wir ein Kreativlabor eröffnen", erklärt Staatsmann. Was dann entsteht, soll aber keinesfalls ein Abklatsch oder die Imitation einer Theateraufführung sein. Stattdessen kann sich die Intendanz vorstellen, die Bürger online an Szenen mitschreiben zu lassen, diese dann aufzuführen und online zu zeigen, damit sie von den Bürgern weitergeschrieben werden – ein interaktives Theater.
Abseits des Programms hat das Zimmertheater mit der Bürokratie zu kämpfen. Auch wenn Bettina Schültke bereits "gewieft im Antragswesen" ist, gibt es jede Menge zu beachten. "Man muss schauen, welche Hilfen man beantragen kann, aber dann auch überprüfen, ob die zugesagten Gelder wirklich eintreffen", erzählt sie.
Den Haushaltsplan habe sie mindestens drei Mal neu machen müssen. Zudem steigen die Steuerberatungskosten. Und es seien viele Nachweise zu erbringen, um überhaupt Hilfen zu erhalten.
Kurzarbeitsgeld wird aufgestockt
Besonders wichtig sei das Kurzarbeitsgeld. Das Zimmertheater steuert einen Aufstockungsbetrag bei, so dass die Schauspieler kaum Einbußen haben. "Sonst könnten sie nicht davon leben."
Vier Schauspieler sind derzeit festangestellt. Nun kommt noch eine Absolventin der renommierten Münchner Otto-Falckenberg-Schule hinzu – auch der Coronazeit geschuldet, weiß die Intendanz. In Nicht-Coronazeiten wäre es schwer gewesen, eine solche Absolventin für Rottweil zu gewinnen, sagt Schültke.
Derzeit ist das Zimmertheater auf der Suche nach einer Regieassistenz. "Wir wollen jemanden finden, der weiß, was Theater bedeutet: Manchmal muss man Tag und Nacht am Stück arbeiten." Insbesondere, wenn Aufführungen wieder stattfinden dürfen – etwas, das nicht nur das Zimmertheater-Team herbeisehnen dürfte.