Im Hamburger Kontrollzentrum schauen Kapitäne ihren Kollegen auf dem Schiff virtuell über die Schulter. Foto: Frank Behling/Frank Behling

Die Seefahrt hat aus der Havarie der „Costa Concordia“ Lehren gezogen. Die Passagiere merken das sofort nach der Einschiffung. Aber es gibt noch mehr.

Hamburg - Was hat man aus der Havarie der „Costa Concordia“ gelernt? Am erkennbarsten für die Passagiere: Die Seenotrettungsübung ist viel früher. Bis zum Unglück vor zehn Jahren konnte das Prozedere auch noch am Tag nach dem Ablegen erfolgen. Zu spät für die Gäste der „Costa Concordia“ – die Havarie passierte bereits exakt 105 Minuten, nachdem das Schiff losgefahren war. Heute erfolgt die Sicherheitseinweisung „nach der Einschiffung für alle Passagiere verbindlich“, erklärt Ulf Kaspera, Leiter der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in Deutschland. Seine in Hamburg ansässige Behörde hat wegen der hohen Zahl deutscher Opfer die Geschehnisse um den 13. Januar 2012 ausgewertet.

 

Kommandobrücke ist neu gestaltet

Für Passagiere kaum wahrnehmbar ist die Veränderung auf der Kommandobrücke. Sie wurde zum einen räumlich umgestaltet. Die Sitzplätze sind heute so angeordnet, dass jeder den Kollegen im Blick hat und die Kommunikation besser läuft. Zum anderen: „An Bord der Kreuzfahrtschiffe hat es unter den Besatzungen einen Wandel bei der Arbeitskultur hin zu mehr Teamarbeit gegeben“, sagt Unfallexperte Kaspera.

Kapitäne und Offiziere müssen regelmäßig zum Training

Das Kreuzfahrtunternehmen Costa reagierte zusammen mit den Reedereien im Verbund des Carnival-Konzerns und stellte die Auswahl und die Ausbildung der Brückenbesatzungen auf ein neues Fundament. Im niederländischen Almere baute man 2009 ein Zentrum, wohin jeder Offizier und jeder Kapitän der Carnival-Schiffe einmal im Jahr zum Training hin muss.

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Durch die verbesserte Zusammenarbeit soll es eine Situation wie auf der „Costa Concordia“ nie wieder geben, als auf der Brücke es drei Menschen mit nautischer Ausbildung nicht wagten, den Kapitän energisch auf das Risiko bei Wahl des Kurses hinzuweisen. „Es geht darum, alle Mitglieder des Brückenteams zu animieren, laut zu denken“, sagt Hans Hederström, der Vater des Zentrums in Almere am Ijsselmeer. Die Zeiten, in denen ein Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes eine gottähnliche Gestalt war, sind vorbei.

Kollegen an Land empfehlen Route

Zusätzlich installierten die großen Reedereien nautische Zentralen an Land. Bei den Kreuzfahrtunternehmen Costa und Aida heißt diese Einrichtung Carnival Maritime. In der Hamburger Hafencity befindet sich seit 2015 ein sogenanntes Fleet Operation Center (FOC). Rund um die Uhr sitzen hier Kapitäne am Rechner und schauen ihren Kollegen auf den Schiffen virtuell über die Schulter. Die Technik erlaubt den direkten Dialog über Kurse, Geschwindigkeit und Risiken mit den Brückenbesatzungen.

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Für jede Reise empfiehlt das FOC der Besatzung eine Route. Zwar hat der Kapitän an Bord immer noch die Verantwortung und das letzte Wort, er muss aber stets mit Fragen aus Hamburg rechnen. „Unser festes Bestreben ist es, dass sich so etwas nie vor Giglio nie wiederholen darf“, so Costa-Chef Michael Thamm bei der Eröffnung in Hamburg. Bislang sind schwere Havarien durch menschliches Versagen bei den Schiffen der Carnival-Gruppe auch ausgeblieben.

Teuerste Bergung der Geschichte

Experten
Die Bergung der „Costa Concordia“ ist extrem aufwendig. Eine Verschrottung vor Ort, von den Versicherungen als kostengünstig favorisiert, kommt nicht infrage. Der südafrikanische Bergungsexperte Nick Sloane rückt mit einem internationalen Expertenteam an, zwei Jahre lang gleicht Giglio einem Heerlager für Bauhelmträger. Dieser weltweit zusammengetrommelte Haufen wählt das sogenannte Parbuckling-Verfahren.

Genua Die „Costa Concordia“ wird am Stück wieder aufgerichtet. In einem zweiten Akt bekommt das Schiff gewaltige Sponsons angeschweißt – Schwimmtanks, die aussehen wie übergroße Schwimmflügel. Im Juli 2014 holen Schlepper die an ihren Schwimmtanks hängende „Costa Concordia“ ab und ziehen sie zur Verschrottung nach Genua. Es ist mit Kosten von 1,5 Milliarden Euro die teuerste Bergung in der Geschichte der Seefahrt. Dann wird die Unglücksstelle in Giglio wieder hergerichtet und der vom Schiffsrumpf zerstörte Unterwasserhang der Küste renaturiert.