Zentraler Bau in Stuttgart: das Kunstgebäude. Foto: dpa

Als „Motor des Kunstquartiers Stuttgart“ zwischen Staatsgalerie, Landesmuseum, Kunstmuseum und Innenstadt-Kinos skizzieren die StN seit Jahren das Kunstgebäude am Schlossplatz. Das aktuelle Gastspiel des Landtages provoziert wieder einmal die Frage nach der Zukunft des Ortes.

Als „Motor des Kunstquartiers Stuttgart“ zwischen Staatsgalerie, Landesmuseum, Kunstmuseum und Innenstadt-Kinos skizzieren die Stuttgarter Nachrichten seit Jahren das Kunstgebäude am Schlossplatz. Das aktuelle Gastspiel des Landtages provoziert wieder einmal die Frage nach der Zukunft des Ortes.

Die Gründerjahre

Stuttgart - Aus einem der Aufklärung verpflichteten bürgerlichen Bewusstsein werden in Deutschland von Beginn des späten 18. Jahrhunderts an Kunstverein gegründet. 1792 in Nürnberg, 1805 in Hamburg, 1818 in Darmstadt und Karlsruhe, 1824 in München, 1825 in Berlin. 1827 auch in Stuttgart. Am 18.­November findet die konstituierende Mitgliederversammlung statt. Man will der „ästhetischen Erziehung der Menschen“ dienen und das allgemeine Kunstinteresse fördern. Der Hof, das Haus Württemberg, überlässt dem Kunstverein bis 1839 Räume im sogenannten Offizierspavillon in der Königstraße 12, erstellt 1807 vom königlichen Hofbaumeister Nikolaus Thouret.

1839 bis 1843 residiert der Kunstverein in Nikolaus Thourets „Großem Bazar“, Ecke Königstraße /Kanzleistrasse. Bis 1888 folgen Domizile in der ganzen Stadt. Dann aber das eigene Haus. In der Schellingstraße 6 entsteht ein sympathisches, gut proportioniertes, würdevolles Gebäude der Stuttgarter Architekten Eisenlohr und Weigle.

Am Schlossplatz

1913 wird das von Theodor Fischer an Stelle des 1902 nach einer Aufführung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ abgebrannten Königlichen Hoftheaters errichtete Kunstgebäude mit dem nach Süden schauenden Wappentier Württembergs, dem goldenen Hirsch auf der Kuppel eröffnet. Dieses Hausist ein Versprechen, ist voller Geheimnis und Würde. In der Huldigung heißt es:

„Aus des Tages Lärm und Hast

Tritt in diese stillen Räume

Sei der Kunst geliebter Gast

Sei der Gast der Künstlerträume“

Mit und in diesem Gebäude wird sieben Jahre später ein Stück nationaler Geschichte geschrieben. Stuttgart ist zu Beginn der Weimarer Republik für wenige Tage Reichshauptstadt. Der Kapp-Putsch im Februar/März 1920 des ostpreußischen Generallandschaftsdirektors Kapp und des Generals von Lüttwitz, vertreibt, nachdem die Putschisten Haftbefehle gegen die rechtmäßige republikanische Regierung in Berlin erlassen hatten, die Reichsregierung samt Nationalversammlung über Dresden nach Stuttgart. Am 17. März 1920 tagt die Nationalversammlung im Kuppelsaal des Kunstgebäudes, direkt neben dem Neuen Schloss, Residenz der zwei Jahre zuvor abgedankten Feudalherrschaft. Am 20. März 1920 ist das Berliner Gastspiel vorbei.

Neubeginn nach 1945

In den Kriegsjahren 1944/1945 wird das Kunstgebäude erheblich beschädigt. Der Württembergische Kunstverein wagt seinen Neustart von 1946 bis 1949 mit 30 Ausstellungen im „Künstlerhaus Sonnenhalde“, der Galerie des bekannten Kunstsammlers Hugo Borst im Gähkopf 3. Am 19.Oktober 1946 wurde dort eine erste Ausstellung moderner Kunst, gewidmet dem Gedächtnis Bernhard Pankok mit einem Festvortrag des württembergischen Kultministers Dr.Theodor Heuss, eröffnet, 1947 folgte eine große Kunstausstellung „Extreme Malerei“

1949 bezieht der Kunstverein sein wieder aufgebautes vormaliges Gebäude Schellingstrasse 6 wieder. Ein Juwel in der damals fast völlig zerstörten Innenstadt. Nach Auszug des Kunstvereins wird es Domizil des Philosophen Max Bense. Trotz Protesten in den 1960er Jahren vom Eigentümer Land abgebrochen um sechs Parkplätze zu gewinnen.

Zurück am Schlossplatz

Am 8. September 1961 wird das Kunst­gebäude Stuttgart am Schloßplatz wieder eröffnet. Dieter Honisch, Uwe M. Schnede und Tilman Osterwald als Direktoren ­machen den Württembergischen Kunst­verein Stuttgart zu einer national wichtigen Bühne der Gegenwartskunst. Untermieter des Kunstvereins wird 1961 die ­Galerie der Stadt Stuttgart. Die Städtische Kunstsammlung führt ein Eigenleben im Kunst­gebäude, feiert Erfolge und blüht doch erst mit dem Umzug in das 2005 eröffnete Kunstmuseum Stuttgart wirklich auf.

Eingriff der Politik

Der Auszug der Städtischen Kunstsammlung markiert den Einzug der Politik in das Kunstgebäude am Schlossplatz. Es soll Bühne der Repräsentation des Landes sein. Das Ergebnis: Das Gebäude wird räumlich und organisatorisch wieder geteilt. Der vordere, dem Schloßplatz zugewandte Teil mit Kuppel- und Vierecksaal obliegt dem Land als „Multifunktionshalle“, der hintere, der dem Schloßgarten zugewandte Teil mit Glastrakt und Vierecksaal obliegt dem Kunstverein.

Die Gegenwart

Der Württembergische Kunstverein bemüht sich, „Kunst und Künstler als Seismo­graphen gesellschaftlicher Veränderungen“ darzustellen, Themenausstellungen wie „Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu ­geben“ prägen den Charakter. Das Land spielt keine wesentliche ­Rolle. Große Landesausstellungen wie „Imperium Romanum“ verhallen, entwickeln keine Identität mit dem Ort. Die Teilung des Gebäudes und der Rückzug des Kunstvereins 2004/2005 erweist sich als Fehler für das Kunstgebäude und damit auch für den Kunststandort Region Stuttgart und Baden-Württemberg. Und nun? Belegt das baden-württembergische Parlament den Kuppelsaal. Die Kunst ist verdrängt – für 30 Landtagssitzungen bis 2015.

Die Zukunft

Von Herbst 2015 an soll das dann sanierte Landtagsgebäude dem Parlament wieder zur Verfügung stehen. Daran darf man zweifeln. erweist sich doch die Sanierung des Landtags als ebenso schwierig wie langwierig. So oder so werden die Jahre der erneuten Teilung und die Rolle als Provisorium auf Dauer nicht spurlos am Kunstgebäude vorbeigehen, Bedeutung und Würde beschädigen. Noch immer aber ist diesem Ort, ist dem Kunstgebäude die Chance zu wünschen, seine Rolle als Motor des Kunstquartiers annehmen zu können. In räumlicher und thematischer Nutzungseinheit. Unsere Zeitung hat sich hierzu wiederholt klar positioniert – bis hin zu dem noch immer zu diskutierenden Vorschlag, das Kunstgebäude als eigenständige Betriebsgesellschaft zu einem zentralen Forum der Präsentation und der Diskussion zu machen. Es geht um einen der prominentesten Orte der Stadt. Die Diskussion darüber kann jedoch nicht erst 2015 beginnen. Sie muss jetzt geführt werden. Offen und selbstbewusst.