Der WKV stellt Plakatkunst in den öffentlichen Raum, wo sie hingehört. Foto: WKV/Prognose

Plakate zur Lage: „Prognose“, die Mitgliederausstellung des Württembergischen Kunstvereins, wirft auf offener Straße düstere Blicke in die Zukunft.

Stuttgart - Nein, das ist nicht Griechenland! Was da so apokalyptisch glüht wie eines der jüngsten Großfeuer aus dem Mittelmeerraum, liegt bedrohlich nahe an Stuttgart. „Schwarzwald 2030“ beschriftet Christoph Wetzel alias REIZ das Poster mit dem brennenden Baumland, das vor der immer bedrängenderen Klimakatastrophe warnt. Düster und dystopisch, aber auch sozial engagiert und absichtsvoll verwirrend sind die Beiträge in der diesjährigen Mitgliederausstellung des Württembergischen Kunstvereins (WKV).

 

Thema der Schau ist die vielleicht demokratischste Kunstform von allen – das Plakat. Es kostet wenig, lässt sich schnell herstellen und funktioniert am besten im öffentlichen Raum. Nicht zuletzt aufgrund der Pandemie hat sich der WKV für eine Umsonst-und-draußen-Parade am Schlossplatz sowie an der Stauffenbergstraße entschieden. Achtzig kreative Wandanschläge bebildern den Bauzaun, der das großteils geschlossene Kunstgebäude an zwei Seiten versperrt. „Den Vierecksaal“, erläutert Co-Direktor Hans D. Christ, „hätten wir trotz der laufenden Sanierung nutzen können, aber eine coronakonforme Eröffnung wäre dort nicht möglich gewesen.“

Im Zerrspiegel der Kunst

Im Unterschied zu früheren Ausgaben ist die Schau der Künstlerinnen und Künstler diesmal juriert, weswegen sie auch inhaltlich wesentlich prägnanter ausfällt. „Prognose“ lautet das Motto des Ganzen. Denn was die Gegenwart des Jahres 2021 umtreibt, sind die Zukunftsaussichten. Wie geht es weiter mit der Pandemie? Wer gewinnt die Wahlen? Kippt das Klima? Im Zerrspiegel der Kunst suchen die Plakate nach Antworten.

Während Peter Geisselmeiers grotesk mutierte Covid-Fledermaus das Fürchten lehrt, malt sich Tobias Dusche angesichts der Erderwärmung schon mal Reisterrassen in Stuttgarter Hanglagen aus. Ein wenig hoffnungsvolles Statement zur Lage der Nation ist auch die beängstigend hochgerüstete Roboterpolizei, die bei Patricia Otte aufmarschiert. Den subtileren Verästelungen des Überwachungsproblems wiederum ist Charlie Stein nachgegangen. „You are the Product“, du bist das Produkt, warnt das fetischistische Schuhobjekt, das von neugierigen Augen übersät ist. Der Hintergrund: Wer im Internet vermeintlich kostenlose Angebote (wie Sexvideos) nutzt, verkauft sich selbst. Seine Daten sind seine Ware.

Es gibt auch positive Erkenntnisse

Alles in allem, findet Co-Direktor Christ, gebe es für politische Aussagen kaum ein besseres Medium als das Künstlerplakat in der Stadt. „Weil die Menschen direkt in ihrem Alltag angesprochen werden, erreicht man ein breiteres Publikum als mit musealen Präsentationen.“

Dass die Arbeiten dabei mit kommerzieller Werbung oder Wahlpropaganda konkurrieren, erweist sich als zusätzlicher Ansporn, die Bild-Text-Botschaften einerseits zu verdichten und andererseits von flacher Reklameästhetik abzuheben. Das gelingt auch Andrea Zug. Ein Slogan wie „Mehr zu mieten“, der ursprünglich von einem Autoverleiher stammt, verwandelt sich durch die Montage der Künstlerin in einen deftigen Kommentar gegen Wohnungsmangel und Gentrifizierung. So kann man trotz der betont pessimistischen Tonlage der Ausstellung zumindest eine positive Erkenntnis mit nach Hause nehmen: In den Krisen, die der Weltgesellschaft drohen, ist der Straßenkampf mit den Mitteln des Plakats noch die beste und friedlichste Form der Opposition.

Württembergischer Kunstverein: Prognose. Bis 19. September. Schlossplatz 2. 0–24 h.