Wolfgang Niedecken hat am Killesberg Bob Dylan gewürdigt und das eigene musikalische Leben Revue passieren lassen.
Stuttgart - Stuttgart ist nicht New York und der Killesberg nicht der Central Park. Vom Greenwich Village, wo Bob Dylan seine Karriere begann, sind es 6291 Kilometer bis in die schwäbische Metropole. Doch am sommerlich warmen Dienstagabend kann man das fast vergessen, als der Kölner Künstler und Singer-Songwriter Wolfgang Niedecken zusammen mit Hund und dem Pianisten Mike Herting die Bühne betritt.
Bob Dylan auch auf Kölsch
Der inzwischen 70-jährige BAP-Vorstand hat nämlich Songs seines Idols im Gepäck. „Niedecken liest und singt Dylan“, lautet der Tour-Titel, eng verknüpft mit einer Doku über Dylans Amerika, die Niedecken mit dem Sender Arte 2018 gemacht hat. Ein Buch ist dazu entstanden, und Dylan-Songs gehörten von Anfang an zu Niedeckens Lieblingsrepertoire, teils als pure Coverversionen, teils umgedichtet auf Kölsch. „Wir dürfen wieder was, et is herrlich!“, strahlt Niedecken, als er in die Menge vor sich schaut. „Dat is mein bester Freund Mike, den kenn ich länger, als es BAP jibt!“ Statt amerikanischer Lässigkeit gibt es erst einmal eine extragroße Portion rheinischer Herzlichkeit. Niedecken plaudert aus dem Nähkästchen, über sein Buch – „dat is der Butterfahrten-Teil der Veranstaltung“, scherzt er.
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Zwischenfall mit Hund und Frau
Dann gibt es noch einen erst ulkigen, kurz heiklen Zwischenfall mit Niedeckens „Mädchen“, seinem hübschen blonden Hund, und Ehefrau Tina, die das widerwillige Tier von der Bühne pflücken will, dabei aber mit dem Hund in ihren Armen rücklings stürzt. Aber Gott sei Dank, „et hätt noch immer jot jejange“, wie der Kölner sagt.
Dann erst geht es los mit der Musik, mit dem Song „Sinnflut“ von 1979, deutlich von Dylans Folk inspiriert mit Mundharmonika, Akustikgitarre und Klavier. Der Text ein lustig-böses Poem über einen Traum von der Arche Noah, die das lyrische Ich beim Stapellauf mit einer Sektflasche zum Kentern bringt, darauf Leute wie Heino, die Bundeswehr-Big-Band und „dänne Lück/ Wo ich noch nie jet met ahm Hoot hatt/ Jottseidank bess hück“.
Es geht um die Essenz
Niedecken ist ein begabter Texter, dessen Lyrik westdeutschen Zeitgeist und Mentalität transportiert, auch wenn die Musik nach weiter Welt klingt, nach Amerika, dem Sehnsuchtsort vieler Teenager in der deutschen Nachkriegszeit. Einer Phase, in der Niedecken als Konviktschüler erst Musik der Beatles, der Rolling Stones oder der Shirelles hört. Durch einen Freund entdeckt er „The Times they are a-changin’“, das einzige reine Dylan-Cover an diesem Abend. Songs wie „Like a rolling Stone“ spielt er in eigener Umdichtung, mit der berühmten Zeile „wie küsste dir vüür?“ statt Dylans zornig nölendem „How does it feel?“.
Für apodiktische Dylan-Fans ein Sakrileg, doch wer mit vorurteilsfreiem Ohr hinhört, merkt, mit wie viel Begeisterung und Sachverstand sich Niedecken Musik und Texten seines Idols genähert hat. Dass er der schwierigen Realperson Dylan auf Distanz begegnet, hört man aus den Anekdoten, die er zwischen den Songs zum Besten gibt. Etwa, wenn er erzählt, wie Dylan mit übler Laune ein Konzert seines Kollegen Tom Petty sprengte.
Man muss weder Dylan- noch Niedecken-Fan sein, um zu erkennen, dass hier ein Künstler die Quintessenz des Werkes eines anderen verinnerlicht hat und auch noch in der Lage ist, daraus etwas Eigenständiges zu erschaffen. Respekt!
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