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Wintersport Ex-Weltmeister sieht Sport kritisch

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Einer der letzten Weltcup-Auftritte vor dem Karriere-Ende: Raid Dittrich startete 1992 in Ruhpolding für das wiedervereinte Deutschland. Foto: privat

Vor 30 Jahren holte Raik Dittrich die letzte Team-Goldmedaille für die Biathleten der DDR. Heute lebt der frühere Mannschaftskollege von Frank Luck in Würzbach - und blickt mit gemischten Gefühlen auf die seit gestern laufende WM in Antholz.

Raik Dittrich sitzt auf seinem weißen Sofa und genießt sichtlich die Wintersonne über Würzbach, deren Strahlen das Wohnzimmer in eine angenehme Wärme tauchen. "Hier stand früher ein Schild: Bauplatz zu verkaufen", erklärt der 51-Jährige, warum es ihn 2003 mit seiner Frau und seinen drei Söhnen ausgerechnet an diesen Ort verschlagen hat. Sicher, solche Schilder standen nicht nur in Würzbach, sondern zum Beispiel ebenso in Agenbach. "Auch dort hatten wir uns ein Grundstück angeschaut", sagt Dittrich, "und das war nicht weit weg von der Langlaufloipe, aber auch teurer und nicht so schön in der Abendsonne gelegen wie hier."

Zu gefährlich fürs Gewehr

Dittrich wurde im Oktober 1968 im nahe der tschechischen und polnischen Grenze gelegenen Sebnitz geboren - in der DDR. Schon früh wollte er Biathlet werden. "Schießen war mein Ding. Als Kind war ich in der Sächsischen Schweiz ständig mit Pfeil und Bogen unterwegs", erinnert sich Dittrich. Das Problem: "Mich wollte damals keiner haben. Ich war ein schwieriges Kind, hatte in Betragen nur eine Drei. Die haben sich wohl gedacht: Der ist zu gefährlich für ein Gewehr."

Mit neuneinhalb Jahren ließ sich der spätere Weltmeister dann aber nicht mehr vertrösten. "Ich habe mich einfach selber angemeldet", lacht Dittrich, der kurz darauf an seiner ersten Kreismeisterschaft teilnahm - auf alpinen Ski seiner Schwester, weil nur die zur Verfügung standen. Wenig überraschend wurde Dittrich mit großem Abstand Letzter, machte aber mit guten Ergebnissen am Schießstand auf sich aufmerksam. Dem Talent wurde schließlich eine richtige Ausrüstung zur Verfügung gestellt – und die guten Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten. Drei Jahre später nahm ihn die Kinderjugendsportschule in Zinnwald auf. Der erste Schritt in Richtung Profikarriere.

Die ersten WM-Medaillen

Dass man auf das richtige Pferd gesetzt hatte, bewies Dittrich Ende der 80er-Jahre. Bei der Junioren-WM 1987 im finnischen Lathi holte der heutige Wahl-Würzbacher seine ersten beiden Medaillen: Silber mit der Staffel und Bronze im Einzel. Ein Jahr später folgte in Chamonix Gold mit der Junioren-Staffel der DDR. 1989 ging der nun 20-jährige Dittrich bei der Biathlon-WM in Feistritz erstmals bei den Männern an den Start und holte im Mannschaftswettbewerb Bronze für die DDR.

Es folgte der Wende-Winter 1989/90: Dittrich befand sich gerade mit den DDR-Biathleten in Schweden, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Kontakt mit der Heimat war an diesem turbulenten Abend für die Sportler nicht möglich. Dittrich: "Wir hatten nur die Bilder im schwedischen Fernsehen. In der DDR war niemand erreichbar. Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Aber alle wussten: So wie bisher wird es nicht weitergehen."

Als im Februar und März 1990 in Oslo die Biathlon-WM stattfand, war die deutsche Wiedervereinigung bereits in Sichtweite. Die DDR - ein untergehendes Land, für das Dittrich dennoch antrat. "Das war mein Land und es war für mich klar, dass ich nicht davonlaufe, nur weil die Grenze offen ist. Das war für mich genauso normal, wie danach für das wiedervereinte Deutschland aufzulaufen", meint Dittrich, der mit seinen Landsleuten für einen denkwürdigen Abtritt der DDR von der Biathlon-Bühne sorgte: Mark Kirchner holte Gold über zehn Kilometer Sprint, die Mannschaft mit Raik Dittrich, Mark Kirchner, Birk Anders und Frank Luck wurde Weltmeister. Dittrich strahlt noch heute: "Wenn man zehn Jahre lang auf etwas hinarbeitet, von dem man nicht weiß, ob man es erreicht, und dann die Nationalhymne läuft - das ist ein unglaublich emotionaler Moment."

Nicht mehr im Kader

Die Wiedervereinigung bedeutete allerdings auch das Karriere-Ende für Dittrich. BRD und DDR legten ihre Nationalkader zusammen, womit sich die Zahl der zu vergebenden Plätze halbierte. Weltmeister Dittrich schaffte es nicht unter die besten acht gesamtdeutschen Biathleten und flog aus der Kern-Nationalmannschaft. Im Winter 1991/92 war der Sachse nur die Nummer 20 in Deutschland und damit überhaupt nicht mehr im Kader vertreten. Heute sagt Dittrich: "Ich war kein überragender Sportler. Ja, ich war Weltmeister, aber ich hätte noch zwei bis drei Jahre für den großen Durchbruch gebraucht. Albertville 1992 und Lillehammer 1994 – das wären meine Olympiaden gewesen." Stattdessen folgte 1992 das offizielle Karriere-Ende. Dittrich: "So ist nun mal der Sport. Ich hatte meinen Leistungsauftrag nicht erfüllt."

Froh über den Mauerfall

Ohne Frage: Sportlich kam die Wiedervereinigung für Dittrich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Dennoch ist der 51-Jährige froh, dass die Mauer gefallen ist: "In der DDR wäre ich wahrscheinlich der zweite Mann hinter dem Olympia-Sieger gewesen, aber hier in diesem Land konnte ich zum Geschäftsführer werden. Das gefällt mir besser." Denn beruflich lief es für Dittrich im widervereinigten Deutschland ganz nach Plan: Von 1992 bis 1998 war er zunächst als Techniker beim Deutschen Skiverband tätig. Anschließend drückte er bei der Fachakedemie für Wirtschaft der Bundeswehr in München ein weiteres Mal die Schulbank und wechselte in die Wirtschaft – stets mit Bezug zum Wintersport. Seit Oktober 2008 ist er Geschäftsführer der norwegischen Firma Brav, unter deren Dach mehrere Wintersport-Marken vereint sind. Dittrichs Büro befindet sich in München. Am Montagmorgen fährt er in die bayerische Hauptstadt, am Donnerstagabend wieder nach Hause.

Sohn tritt in die Fußstapfen

Dittrichs Wochenenden sind fest für die Familie reserviert. Nachdem sein ältester Sohn Patrick (22) Geigenbauer wurde und sein mittlerer Sohn Christopher (20) den Fußball vorzog und in der U17 des 1.  FC Kaiserslautern spielte, entschied sich mit Gregor (17) zumindest der jüngste Sprössling dafür, in die Fußstapfen des Ex-Weltmeisters zu treten und Biathlet zu werden. Allerdings betont der Vater: "Ich möchte, dass jeder seiner Bestimmung folgt. Jeder meiner Jungs soll seinen Weg gehen."

Der Vater hält sich raus

Sohn Gregor, der für dem WSV Schömberg antritt, unterstreicht jedoch: "Das ist echt praktisch, so einen Papa zu haben." Im Verein werde er zwar oft auf seinen Vater angesprochen, dennoch verdeutlicht der 17-Jährige: "Es zählt nicht, was mein Papa gemacht hat, sondern was ich mache."

An den Wochenenden im Winter verbringen Vater und Sohn so viel Zeit wie möglich auf dem Kaltenbronn beim Langlaufen. Ansonsten hält sich der Weltmeister so gut wie möglich heraus. Selbst seine Ski wachst der Sohnemann selbst. "Ich möchte, dass Gregor seinen Weg selber geht. So hätte ich das früher auch gewollt", sagt der 51-Jährige und lobt seinen Sprössling: "Er hat das größere Talent als ich."

Auch beim WSV Schömberg hält sich der letzte Medaillengewinner der DDR heraus. Vielleicht könne er es sich als Rentner einmal vorstellen, Trainer zu werden, bislang fordere ihn aber der Beruf zu sehr. Dennoch fällt Dittrich auf, dass sich im Nachwuchsbereich vieles geändert habe - und zwar nicht im positiven Sinne. "Was die Eltern heute leisten müssen, ist unvorstellbar. Und was dann bei all dem Aufwand am Ende nur herauskommt, verstehe ich nicht", bemängelt Dittrich. Er vermisst vor allem ein Internat im Schwarzwald, in dem jedes Jahr die besten sechs, sieben Athleten im Alter von 13 Jahren zusammengezogen werden. Ebenso kritisiert Dittrich, dass nicht mehr in der Gruppe, sondern individuell trainiert werde. "In der Gruppe weiß man jeden Tag, was das Training wert war. Man muss schon ein extremer Dickschädel sein, um das alles alleine durchzuziehen", meint der Würzbacher und verweist auf seinen Sohn, an dem man genau diese Defizite ablesen könne: "Ihm fehlen zwei bis drei Sekunden."

Schlechte Prognosen

Doch nicht nur seinem Sohn, sondern dem gesamten deutschen Biathlon-Team fehle inzwischen das entscheidende letzte Bisschen. "Deutschland spielt im Biathlon nicht mehr die erste Geige", bedauert Dittrich, der für das deutsche Team bei der gestern in Ant­holz gestarteten WM eine schlechte Prognose ausspricht. Seine Beobachtung: "Mir ist aufgefallen, dass viele deutsche Biathleten sehr massiv sind. Da machen die Norweger bei der Ernährung vieles anders. Wenn man den Berg hinaufläuft und der Schnee nass ist, zählt jedes Kilo." Ernährung sei ein wichtiges Thema, auf das auch er selbst während seiner Karriere mehr hätte achten müssen, räumt Dittrich ein - und grinst: "Frank Luck hat vor den Wettkämpfen ein Steak mit Spiegelei gegessen."

Kein Medienrummel

Doch nicht nur Training und Ernährung haben sich im Biathlon geändert, sondern der gesamte Sport an sich. Früher, erinnert sich Dittrich, seien 4000 Zuschauer nach Ruhpolding gekommen, "heute sind es 20.000 - pro Tag". Ein Medienrummel habe nach seinem WM-Titel nicht stattgefunden, nur kurz sei darüber im Fernsehen berichtet worden. "Den Beitrag habe ich noch. Den habe ich nach der Hälfte ausgeschaltet, weil er so langweilig war", schmunzelt Dittrich und vergleicht: "Damals landete ich kurz vor der Olympiade auf Platz 21. Das war ein Vollversagen. Heute ist man als Einundzwanzigster zweitbester Deutscher und wird interviewt." Dem Sport an sich tue die Eventisierung in manchen Punkten zwar durchaus gut, findet der Sachse, in vielen aber auch nicht. Er rechnet ohnehin damit, dass sich das mit dem ausbleibenden Erfolg Deutschlands wieder ändern werde, denn: "Die meisten Sponsoren sind deutsch."

Dennoch: Zumindest an den Wochenenden werde Dittrich die WM in Antholz vor dem Fernseher in Würzbach anschauen und mitfiebern. Dort, wo er sich im Kreise seiner Familie und als Geschäftsführer mit Firmenwagen vor der Tür pudelwohl fühlt. Dittrich blickt noch einmal in die Wintersonne und strahlt: "Alles, was mich mein ganzes Leben lang begleitet hat, darf ich jetzt beruflich machen. Das ist wunderschön."

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