Neun Tage nach dem Drama um ihren Mitspieler Christian Eriksen bejubeln die Profis der dänischen Nationalelf den Einzug ins EM-Achtelfinale. Foto: dpa/Jonathan Nackstrand

Der ehemalige VfB-Profi William Kvist erlebt im Parkenstadion mit, wie die Elf von Trainer Kasper Hjulmand mit ihrem 4:1-Erfolg über Russland für ein nationales Glücksgefühl sorgt. „Dieser Sieg hat uns Dänen ganz besondere Emotionen geschenkt“, sagt Kvist.

Kopenhagen - Ganz Dänemark lag sich nach dem Triumph im Gruppenfinale gegen das überforderte Team aus Russland freudig in den Armen – und auch das Wetter passte. Es war ein wunderschöner, lauer Sommerabend in Kopenhagen. Das allein ist ja schon etwas Besonderes, „weil wir hier oben mit gutem Wetter nicht so verwöhnt sind wie ihr in Stuttgart“, wie William Kvist findet. Der 81-fache dänische Nationalspieler muss es ja wissen: Schließlich war er zu Zeiten des Cheftrainers Bruno Labbadia zwischen 2011 und 2014 in 68 Bundesliga-Partien eine Stütze im Mittelfeld des VfB.

 

Das strahlende Blau des Himmels über der dänischen Hauptstadt kurz vor Mittsommer, wo die Tage im Norden Europas sowieso nicht enden wollen, bildete also am Montagabend den passenden Rahmen zu einem Fußballfest, in dem Dänemark nicht nur sportlich überzeugend mit 4:1 gewann – und somit ins Achtelfinale der EM einzog. Mehr noch: Auch für William Kvist sind die Szenen im und ums Tollhaus Parkenstadion jeden Superlativ wert: „Es war der größte Tag im dänischen Fußball seit unserem gewonnenen EM-Finale von 1992“, sagt der Ex-Fußballer, der in der Vorsaison als Interimslösung für sechs Monate als Sportdirektor des Erstligisten FC Kopenhagen tätig war – und der aktuell im Vorstand des Clubs sitzt.

Der Sieg löst Emotionen aus

Wie zu Beginn des EM-Turniers, als der dänische Mittelfeldspieler Christian Eriksen in der letztlich mit 0:1 verlorenen Finnland-Partie kollabierte, ist William Kvist auch im turbulenten Gruppenfinale gegen die Russen im Stadion gewesen. „Dieser Sieg hat uns Dänen ganz besondere Emotionen geschenkt. Was mit Eriksen passiert ist, hat die Liebe der Fans für das Nationalteam noch einmal gesteigert – ich habe so etwas als Erwachsener noch nie zuvor erlebt“, sagt der 36-Jährige.

Aus unserem Plus-Angebot: Der neue Herr der Zahlen beim VfB

Bereits vor Beginn des Turniers ist die Beziehung zwischen den Dänen und ihren Fußballern eine sehr intakte gewesen. Das liegt auch daran, dass der Trainer Kasper Hjulmand, der einst den 1. FSV Mainz in der Bundesliga trainierte, ein Sympathieträger ist. Dann aber folgte zum EM-Auftakt in der guten Fußballstube Dänemarks, dem Parken, erst die Tragödie um Eriksen, dann die Posse um die Spielfortsetzung gegen die Finnen – und nun nach einer weiteren Niederlage gegen die starken Belgier der große, auch sportliche Befreiungsschlag.

Starke Gefühle – starker Auftritt auf dem Platz

Längst, so erzählt Kvist, sind in Dänemark sämtliche Fenster in den Nationalfarben Rot und Weiß dekoriert – und der Ex-Fußballer weiß auch, warum. „Unser Team war stark genug, seine verletzliche Seite zu zeigen“, sagt William Kvist: „Als sie dann aber auf den Platz kamen, haben sie ganz stark gespielt.“ So habe die Partie gegen die enttäuschenden und letztlich ausgeschiedenen Russen für ihn die schönste Seite des Fußballs zum Vorschein gebracht. „Wir haben als Nation ein gemeinsames Mitgefühl entwickelt. Das ist schön wie im Märchen.“

Auch die britische „Times“ sah ein Spiel, „so atemberaubend und bezaubernd wie jedes Märchen von Hans Christian Andersen“. Nur neun Tage nach dem Drama um Eriksen gingen die Spieler im Parken nach ihrem Triumph mit vier eigenen Toren auf eine halbstündige Ehrenrunde. „Wir werden mit allem kommen, was wir haben, und dann werden wir auch nach diesem Spiel weitermachen“, sagte Mikkel Damsgaard, der mit seinem sehenswerten Distanzschuss zum 1:0 den Bann gebrochen hatte.

Aus unserem Plus-Angebot: Die Uefa macht den Bückling – wieder einmal

Im Achtelfinale der Euro treffen die Dänen nun am Samstag (18 Uhr) auf das Team aus Wales. Das ist vom Niveau her kein unschlagbarer Gegner, die Dänen halten also weitere sportliche Höhepunkte für durchaus möglich. „Dass Christian Eriksen einen frischen Eindruck erweckt, macht es für das Team einfacher“, sagt William Kvist.

Ein Armband als Zeichen der Verbundenheit

Eriksen hatte die Mannschaft bereits besucht. Ob es weitere Stippvisiten geben wird, hält man geheim. Die Verbundenheit ist ohnehin groß. So trägt Kasper Hjulmand zu Ehren seines Mittelfeldspielers ein Armband mit einem silbernen Fußballer – und platzte nach Abpfiff schier vor Stolz. „Wenn es jemand verdient hat, dann sind es diese Spieler“, schwärmt der 49-jährige Chefcoach: „Vor dem Mut, dem Zusammenhalt, der Kameradschaft und der Fähigkeit, einfach an einem Strang zu ziehen, ziehe ich meinen Hut.“

„Wenn wir unser Niveau halten können, haben wir sportlich gegen Wales eine Chance“, ergänzt Kvist. Erfolgsdruck gebe es bei aller Euphorie keinen für das Team, das die Heimatmosphäre nun aber hinter sich lassen muss. Für die Dänen stehen keine weiteren Partien in Kopenhagen an, gegen Wales spielt man in der Amsterdam-Arena – doch Kvist ist sich sicher: „Die Spieler wollen mit weiteren Erfolgen gerne etwas von der positiven Energie an die Fans zurückgeben.“

Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie: Das dänische Fest der Emotionen