Nicht alle Menschen leben seit der Pandemie gesünder oder bewusster. Foto: IMAGO/imagebroker/Oleksandr Latkun

Während der Pandemie drehte sich alles um Gesundheit. Inzwischen ist Corona für die meisten Menschen zwar nicht mehr bedrohlich, aber hat das körperliche Wohlbefinden einen höheren Stellenwert bekommen? Der Gesundheitssoziologe Matthias Richter zweifelt das an.

Herr Richter, achten wir aktuell mehr auf die Gesundheit von uns und unserer Mitmenschen – und nehmen Krankheiten deshalb verstärkt wahr?

 

Wie gesund unsere Gesellschaft ist, wissen wir. Jedoch nicht, wie gesundheitsbewusst sie wirklich ist, also wie sehr sich die Einzelnen um ihre Gesundheit sorgen und sich entsprechend verhalten. Dazu gibt es nur wenige belastbare Daten. Was Gesundheitsbewusstsein genau bedeutet, ist nicht klar definiert. Manche denken, sie sind gesundheitsbewusst, wenn sie sich ausgewogen ernähren, andere wenn sie nicht rauchen oder trinken. Wieder andere, wenn sie Vorsorgetermine wahrnehmen und zum Arzt gehen, wenn ihnen etwas auffällt.

Sie erforschen, welche sozialen und ökonomischen Faktoren die Gesundheit bedingen. Was wissen Sie darüber?

Wie wichtig einem die Gesundheit ist, unterscheidet sich nach gesellschaftlichem Status. Kinder von bildungsferneren Eltern mit geringerem Einkommen kommen etwa deutlich seltener zu den U-Untersuchungen. Ob man zur Krebsvorsorge geht, seinen Impfstatus kontrolliert oder Check-ups machen lässt, hängt ebenso davon ab. Männer sind dabei übrigens deutlich nachlässiger als Frauen. Auch das Alter ist entscheidend. Je eingeschränkter die Gesundheit im Alter ist, desto mehr sorgen wir uns um sie.

Matthias Richter ist Gesundheitssoziologe. Foto: TUM

Wegen der Pandemie stand unsere Gesundheit mehr im Fokus denn je. Hat das einen nachhaltigen Effekt?

Bei jenen, die die Pandemie bewusst geleugnet haben, sicherlich nicht. Bei sehr krankheitsängstlichen Personen vielleicht schon. Die Pandemie ist für die meisten aber vorbei. Für viele gesundheitliche Risiken wurde die Aufmerksamkeit währenddessen auch nicht geschärft; etwa für Unfallgefahren oder die Krebsprävention. Was bleiben könnte, ist der Wunsch nach gesünderem Arbeiten. Für einige ist finanzielle Sicherheit und ausreichend Zeit mit der Familie auch in Zukunft wichtig – auch das wirkt sich vor allem auf die psychische Gesundheit aus.

Welche Rolle spielt ein besseres Informationsangebot bei der Wahrnehmung von Krankheiten?

Gesundheitsinformationen treffen primär gesundheitssensible Personen. Nur wer sich bewusst ist, dass man für etwas vulnerabel ist, wird sich Zeit dafür nehmen und zum Beispiel Kampagnen wie die für die Impfung gegen Gürtelrose wahrnehmen. Wenn nicht, blendet man so etwas einfach aus.

Der Experte

Soziologe
Matthias Richter ist Professor am Lehrstuhl für Soziale Determinanten der Gesundheit an der Technischen Universität München.