Silke Weißenrieder ist Lehrerin an einer Werkrealschule. Ihre Schüler berichten teils von abschätzigen Kommentaren über die Schulform. Sie räumt mit den Vorurteilen auf – und nimmt ihre Schüler in Schutz.
Wenn Menschen erfahren, dass ich Lehrerin bin, ernte ich zuerst meist ein interessiertes Lächeln. Wenn sie aber erfahren, dass ich Werkrealschullehrerin bin, kann es sein, dass dieses Lächeln gefriert, die Luft scharf eingesogen wird und ich zum Beispiel zu hören bekomme: „Das könnte ich nicht! Sind ja bestimmt üble Zustände da!“
Die Werkrealschule hat ein gewaltiges Imageproblem. Als in Baden-Württemberg die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung wegfiel, sanken die Anmeldezahlen an den Werkrealschulen rapide. Viele Eltern der Kinder mit Werkrealschulempfehlung schienen diese Schulart zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Um dann einige Zeit später festzustellen, dass ihre Kinder an der gewählten Schule die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Das ist übrigens bis heute so. Wir bekommen in den höheren Klassen immer wieder neue Schülerinnen und Schüler, die an Realschule oder Gymnasium „gescheitert“ sind. Ein Gefühl, das im Rucksack der Heranwachsenden bleibt.
Kinder tragen schwer an den Erwartungen
Manchmal tragen auch Grundschulkinder schon schwer an den Erwartungen an sie. Grundschullehrer/-innen, mit denen ich deutschlandweit vernetzt bin, berichten mir von Kindern, denen die Nerven durchgehen, während sie eine Klassenarbeit schreiben oder wenn sie eine schlechte Note bekommen, denn: Sie wollen oder sollen doch aufs Gymnasium. Oder zumindest auf die Realschule. Die Frage, auf welche Schule es das Kind schafft, hat in vielen Familien eine solche Schwere, als werde zu diesem Zeitpunkt schon über das Lebensglück entschieden.
Ich habe Schülerinnen und Schüler meiner zehnten Klasse gefragt, wie es war, als sie sich für die Werkrealschule entschieden haben. Viele berichteten mir von abschätzigen Kommentaren ihrer damaligen Mitschüler. Es brauchte manchmal Jahre, bis sich dieses Gefühl der Abwertung aufgelöst hatte – wenn überhaupt.
Ein Querschnitt der Gesellschaft
Wenn ich versuche, meine Schülerschaft zu beschreiben, muss ich dazu sagen, dass sich meine Schule im ländlichen Raum befindet und ich weiß, dass Werkrealschulen in Städten womöglich anders zusammengesetzt sind. Meine Schülerschaft ist bunt! Manche haben Migrationshintergrund oder sind unlängst geflüchtet, ohne Deutschkenntnisse. Manche sind Lehrerkinder, andere Schwaben mit Superpower, die nichts Schöneres kennen, als stundenlang in der Landwirtschaft zu helfen.
Manche von ihnen frühstücken erst einmal in meinem Deutschunterricht, weil sie nachts Schnee geräumt oder Kälbern auf die Welt geholfen haben. Und natürlich haben wir auch Schülerinnen und Schüler, die in einem Video des Rappers Apache 207 nicht auffallen würden. Kurzum: Die Jugendlichen sind ein Querschnitt der Gesellschaft. In ihren Elternhäusern hat Bildung mal einen hohen, mal einen sehr geringen Stellenwert, ist manchmal viel Geld da und manchmal nur wenig. Ich habe mit sehr engagierten Eltern zu tun und mit solchen, die den Regiestuhl in der Familie aus verschiedenen Gründen bereits verlassen haben.
Wer bezahlt die Klassenfahrt?
Dieser Heterogenität zu begegnen ist eine Herausforderung. Das fängt bei kleinen Dingen an, etwa, wenn ich Klassenfahrten oder Ausflüge kalkulieren muss. Ich muss mich fragen: Welcher Betrag ist die Schmerzgrenze? Wo kann ich noch Zuschüsse beantragen? Nicht nur einmal standen meine Klasse und ich im Schneetreiben auf Weihnachtsmärkten oder vor Kuchenbüfetts herum, um Geld für die Abschlussfahrt zu verdienen.
Manchmal staune ich darüber, wie das am Gymnasium eines meiner eigenen Kinder läuft. Da wird nach kurzer Information halt einfach der Betrag für die Klassenfahrt vom Konto abgebucht. Dass das klappt, wird einfach vorausgesetzt.
Es gibt Grundregeln
Komplexer wird es bei Erziehungsfragen. Eltern erziehen heute sehr unterschiedlich. Ich will das nicht werten, aber das macht es nicht einfacher, denn viel Erziehungsarbeit liegt inzwischen bei den Lehrerinnen und Lehrern. Es kostet Zeit, Kraft und Nerven. Die Arbeit beginnt schon dabei, wie man miteinander umgeht und dass es Grundregeln gibt: sich zu grüßen zum Beispiel oder sich zu erklären, wenn man zu spät kommt.
Und ich will meinen Schülerinnen und Schülern eine grundlegende Haltung anderen Menschen gegenüber beibringen: dass Konflikte nicht mit Gewalt gelöst werden. Damit zusammen hängt, dass sie lernen müssen, wie man miteinander spricht.
„Sie sind ein Penner!“
Ein Beispiel. Die Schülerschaft ärgert sich über die sehr kurzfristig angesetzte Klassenarbeit des Kollegen und erklärt mir, das sei doch „der allerletzte Penner, Diggah, kaum zu glauben, Alter“! Dann setzen wir uns hin und überlegten gemeinsam, wie man seinem Ärger Luft machen könnte, ohne zu beleidigen. Und so, dass der Kollege am Ende bereit ist, sich auf Verhandlungen einzulassen. Also statt: „Ich finde, dass Sie ein Penner sind“, könnte es heißen: „Wir schreiben gerade so viele Arbeiten und eine zusätzliche bringt uns noch mehr unter Druck.“
Damit Erziehung und Bildung gelingen (das ist der Auftrag der Schule), ist Beziehung Voraussetzung. Und der Alltag ist voller Beziehungsangebote zwischen den Schülern und mir: Das fängt beim Small Talk auf dem Gang an und geht weiter mit einem Bottleflip-Contest in der Toilettenpause. Dabei wirbelt man eine halb volle Plastikflasche durch die Luft. Sie muss so aufkommen, dass sie steht – das ist sehr lustig, ich habe übrigens gewonnen. Manchmal zeigt sich Beziehung auch hemdsärmeliger, in Form eines Hausbesuchs zum Beispiel oder in einem Besuch am Krankenbett. Und manchmal eben auch darin, sich auseinanderzusetzen und Konsequenzen zu ziehen.
Das muss man aushalten
Ich bin sehr dankbar, dass ich an meiner Schule keine Einzelkämpferin bin und mich mit der Schulleitung, der Schulsozialarbeiterin und den Kolleginnen und Kollegen austauschen und abstimmen kann. Sonst wäre auch mir der Rucksack an manchen Tagen zu schwer. An Werkrealschulen hat sich eine besondere Form der Teamarbeit entwickelt, ohne die wir schon viele Jugendliche verloren hätten. Wenn ein Kind gefährdet ist, sich selbst oder anderen gefährlich wird, funktioniert der Austausch schnell und auch zu unkonventionellen Zeiten. Trotzdem kann es passieren, dass jemand von der Schule fliegt oder Jungen und Mädchen die Schule abbrechen. Das muss man aushalten.
So bunt wie die Schülerschaft sind auch die Wege nach Klasse 9 oder 10. Viele gehen in die Ausbildung, andere besuchen ein weiterführendes berufliches Gymnasium. Ich freue mich immer sehr, wenn Ehemalige von sich hören lassen oder zu Besuch kommen. Ganz besonders freue ich mich über zwei Schülerinnen, die heute fast fertige Lehrerinnen sind. „Ich will Lehrerin sein wegen Frau X, Frau Y (beides Kolleginnen) und wegen Ihnen“, sagte eine der beiden. „Wissen Sie noch, als Sie mich umarmt haben, als ich in dieser Prüfung eine Eins hatte?“ Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Aber ich war und bin sehr stolz auf sie.
Die Lehrerin
Silke Weißenrieder
ist in Ostfildern aufgewachsen. Die 48-Jährige lebt heute mit Mann und zwei Kindern in der Nähe von Ravensburg.
Poetry Slams
Als „Die kleine Paukerin“ erzählt sie auf Instagram und in Kolumnen aus ihrem Alltag und tritt bei Poetry-Slams auf. Am 30. April ist sie im Scala in Ludwigsburg, am 5. Juni in der Rosenau in Stuttgart zu sehen. Infos unter instagram.com/diekleinepaukerin