„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Schule klaut!“, skandierten die Schüler am Dienstagmorgen auf dem Schulhof. Schüler und Lehrerkollegium protestierten und legen dar, warum die Werkrealschule nicht nur erhalten werden soll, sondern muss.
113 Schüler in sechs Klassen sowie eine Vorbereitungsklasse in Deutsch beherbergt die Werkrealschule – ohne Grundschule. Von den Schülern kommen rund zwei Drittel aus Bad Dürrheim, der Rest vor allem aus Tuningen und Brigachtal. Die Schulsprecherin Raya Diesler erläutert an ihrer eigenen Biografie, warum sie die Schule benötigt.
Im Gemeinderat geht es am Donnerstag, 18. Januar, in der Abstimmung zum Bildungskonzept unter anderem um die Abschaffung der Werkrealschule vor Ort, die Schüler sollen auf andere Schulen in Schwenningen oder auch Donaueschingen.
Persönliche Biografien zeigen Erfolge
Raya Diesler würde man es nicht Ansehen, was für eine Phase sie hinter sich hat. Nach einer schwierigen Kindheit, in der sie fünf unterschiedliche Schulen besuchte, landete sie am Schluss an der Werkrealschule in Bad Dürrheim. Hier fühlte sie sich aufgehoben, verstanden, das Lerntempo konnte sie mithalten, der Bezug zu den Lehrern gestaltete sich positiv und schlussendlich befindet sie sich heute auf einem guten Weg und blickt positiv in die Zukunft. Auch Tomasz Gralag war zuvor an einer anderen Schule und erst als er nach Bad Dürrheim kam wurden seine schulischen Leistungen besser und das Mobbing gab es nicht mehr.
Werkrealschüler fühlen sich benachteiligt
Nastja Steffen war im Zuge der Schülerbeteiligung an der Realschule. „Bei der Realschule ist alles schöner, besser und moderner“, hat sie den Eindruck und es fließt mehr Geld in die Schule. Jamie Sonderegger wünscht sich, dass die Werkrealschule in Bad Dürrheim erhalten bleibt. Er weiß: Die Werkrealschüler werden von den Realschülern nicht akzeptiert und ist sich sicher, dass sie mit dem Lerntempo dort nicht mitkommen würden.
Christiane Schell schaut auf die aktuelle Entwicklung: Die Schülerzahlen steigen, sie macht das an einem aktuellen Faktor fest, der Investition in die Kindertagesstätten, momentan wird Stadtkäfer II gebaut. „Kinder, die im Kindergarten sind, lösen sich nicht mit sechs auf, sie kommen in die Grundschule und mit zehn Jahren lösen sie sich auch nicht auf.“ Auch wenn nicht alle die Werkrealschule besuchen werden, ein Teil davon bestimmt. Diese Kinder „brauchen einen Lernplatz“. An der Werkrealschule könne man mehr auf die Schüler eingehen. Schell erklärt: Die Frustration und der Lerndruck auf die Schüler dürfe nicht unterschätzt werden.
Mit Bad Dürrheimer Firmen gut vernetzt
Ein weiterer Punkt führen die stellvertretende Schulleiterin Stephanie Schweizer an: Durch eine gute Vernetzung mit Unternehmen in Bad Dürrheim können viele Praktika in der Berufsorientierung vermittelt werden und immer wieder werden daraus auch Ausbildungsplätze. Es bestehe die Gefahr, dass diese Auszubildenden fehlen.
Schell zeigt sich zudem überzeugt: Es gibt gelungene Konzepte für eine Verbundschule. Hier bekommt sie Unterstützung von Verena Wiedemer. Sie war einige Jahre an der Verbundschule in Löffingen tätig, bevor sie vor fünf Jahren nach Bad Dürrheim wechselte. Aus der damaligen Erfahrung weiß sie, dass es Schülern der Realschule, die eigentlich an die Werkrealschule gehörten, leichter fällt zu wechseln. Auch die Eltern können eher von einem Wechsel überzeugt werden. Die Schüler verlieren keine Freunde und die Lehrer seien in der Regel die gleichen.
Heinz Kriebel plädiert für Erhalt
In der Diskussion meldet sich auch der Vorgänger im Amt von Christian Schell zu Wort. Heinz Kriebel war zwei Jahre Konrektor und 28 Jahre Rektor an der Grund- und Werkrealschule hat in drei Jahrzehnten viele Phasen erlebt.
Die Existenz der Werkrealschule wurde schon oft in Frage gestellt, vor allem damals, als es um die Gemeinschaftschulen ging, erinnert er sich. Doch hält er es mit der Aussage eines Politikers: „Man kann eine Schulart abschaffen, aber nicht die Schüler, die diese Schulart brauchen.“
Er ergänzt: „Die Werkrealschule ist einer Ansicht nach in der Bildungslandschaft von Bad Dürrheim dringend erforderlich, das kann ich aus Erfahrung sagen.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf die Erfolge von Schülern. Es freue ihn, wenn ein ehemaliger Schüler ihn bei einem zufälligen Treffen auf der Straße erzählt, dass er nun eine Lehre als Elektriker absolviere. „Ich kann dieses Pauschalurteil nicht nachvollziehen, dass es Werkrealschüler weitaus schwieriger haben als Schüler anderer Schularten“, ärgert er sich über eine weitläufig verbreitete Meinung. Wesentlich ist für ihn, dass es Schüler gibt, die für eine gute Biografie mehr Hilfe benötigen, als Schüler, die aus dem Bildungsbürgertum kommen.
Er habe es erlebt, was es für einen Ort bedeute, wenn die Werkrealschule abgeschafft werde, erzählt er mit Blick auf Brigachtal und Tuningen. Für die drittgrößte Stadt im Landkreis sieht er die Werkrealschule als notwendig an. „Für die Größe von Bad Dürrheim wäre es ein echter Verlust auch als Lebensraum und Standortfaktor.“
Stephanie Martin gegen Verbundschule
Stephanie Martin, Rektorin der Realschule spricht sich in einem dreiseitigen Brief an den Bürgermeister und an die Fraktionen gegen die Verbundschule an der Realschule aus. Ihre Kollegin Christiane Schell kann es durchaus verstehen, dass man gewisse Befürchtungen hat, wenn Neues auf einen zukommt. Martin zeigt auf, dass für das vergangene Schuljahr 20 Kinder in der Klassenstufe fünf abgewiesen werden mussten, aufgrund fehlender Raumkapazität. Sie pocht ebenfalls auf eine persönliche und enge Beziehung zwischen Schülern und Lehrern, die bei einem großen Schulzentrum nicht gegeben sei.