Meryem Kara kann aufgrund einer Augenkrankheit nur sehr schlecht sehen. Was ihr im Alltag oft Schwierigkeiten bereitet, erweist sich als Segen für viele Frauen und auch Männer. Die Oberndorferin macht ihre vermeintliche Schwäche zu ihrer größten Stärke und hilft bei der Früherkennung von Tumoren in der Brust.
Einen sensiblen Tastsinn hatte Meryem Kara schon immer. „Kleider habe ich früher auch schon durch das Berühren ausgesucht. Ich habe immer gleich gespürt, wenn irgendwo eine Naht offen war oder Ähnliches“, erzählt die 41-Jährige. Sie leidet unter einer angeborenen Augenkrankheit und sieht alles nur sehr verschwommen.
Der beschwerliche Alltag „Ich lebe wie in einer Nebelwelt“, sagt die Oberndorferin. Als Kind merkte sie anfangs nicht, dass mit ihrer Sehfähigkeit etwas nicht stimmte. „Für mich war das normales Sehen.“ Erst später merkte sie, dass sie manche Dinge, anders als ihre Freunde, nicht erkennen konnte. „Ich habe den Gedanken daran, dass etwas anders ist, auch lange unterdrückt aus Angst davor, ich müsste dann operiert werden“, erzählt Kara.
Auch wenn die Mutter zweier Kinder, 14 und zwölf Jahre alt, gut mit ihrer Einschränkung zurechtkommt, gibt es immer wieder Hürden im Alltag. Wenn sie beispielsweise etwas suche oder Hilfe benötige, müsse sie stets erklären, warum – unangenehm für die Oberndorferin. In anderen Fällen habe man sie schon – im Bestreben, bei der Straßenüberquerung zu helfen – ohne Vorwarnung am Arm gepackt und über die Straße gezogen.
Beim Einkaufen auf dem Markt habe man ihr schon gesagt, sie solle doch bitte nicht alles anfassen. „Anders erkenne ich aber gar nicht, welches Gemüse ich vor mir habe“, sagt Kara. „Die Gesellschaft ist auf Menschen mit eingeschränktem Sehen leider nicht so gut eingestellt“, so ihr Eindruck.
Die Ausbildung Die Corona-Zeit hat die gelernte Flechtwerkgestalterin dazu genutzt, eine blindentechnische Grundausbildung zu absolvieren. Bei der Internet-Recherche stieß sie auf „Discovering Hands“. Dort werden blinde und sehbehinderte Frauen zu Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) ausgebildet, die im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt werden.
Meryem Kara durchlief eine neunmonatige Ausbildung, in der unter anderem Anatomie gelehrt, der Tastsinn weiter geschult wurde und sie drei Monate lang als Praktikantin in Arztpraxen arbeitete.
Nun ist sie fest für drei Praxen tätig. An einem Montag pro Monat ist sie im Medizinischen Versorgungszentrum in Herrenberg, jeden Mittwoch bei Annett Geitner in St. Georgen und jeden Donnerstag bei Stefanie Zingerle in Empfingen.
„Ich wäre gern auch in einer Praxis in Rottweil vertreten“, sagt Kara. Bei Interesse kann man sich bei ihr unter E-Mail meryem.kara@discovering-hands.de oder über „Discovering Hands“ melden.
Das Abtasten Wichtig ist Meryem Kara zu betonen, dass sie keine Alternative zur Mammografie oder einem Ultraschall bietet. Stattdessen sei das Abtasten eine Ergänzung, ein erster Schritt, ehe man zur weiteren Abklärung übergehe. Kommen darf jeder, der das Angebot wahrnehmen möchte, auch wenn er kein Patient der Praxis ist. Kara hat bereits Patienten aus Ulm oder dem Bodensee-Raum behandelt.
Bevor es ans Abtasten geht – der ideale Zeitpunkt dafür ist drei bis sieben Tage nach der Periode – übernimmt Kara erst einmal die Anamnese und spricht mit den Patienten über Medikamente, Vorsorgeuntersuchungen, mögliche Symptome, Lebensumstände und andere Faktoren.
Danach streicht und tastet sie über Hals, Schlüsselbein und Brust, ehe sich die Patienten erst auf den Rücken und dann auf die Seite legen. Meryem Kara klebt dann mehrere Taststreifen, die mit Blindenschrift versehen sind, als Orientierungshilfe auf und tastet dann Reihe für Reihe, Zentimeter für Zentimeter in drei Tiefen ab.
Der Befund Viele Patienten seien nervös und ängstlich, aber es sei besser, etwas zu ertasten, wenn es sich noch im kleinen Stadium befinde, als es erst später zu entdecken, wenn sich schon Metastasen gebildet haben könnten. „Es ist wichtig, sich selbst einmal im Monat abzutasten“, erklärt Meryem Kara. So könne man Veränderungen schnell feststellen.
Was viele nicht wüssten: Auch Männer können an Brustkrebs erkranken. „Das ist leider noch ein Tabu-Thema“, sagt Kara. Umso wichtiger findet sie es aufzuklären. „Es ist schade, dass man immer erst dann hellhörig wird, wenn es ernst wird.“
Ihr Tastsinn ist so fein, dass sie Tumore ab 0,5 Zentimetern Größe spüren kann. „Ich habe aber auch schon einmal einen etwa zwei Millimeter großen ertastet“, erzählt sie. Ein zwei Millimeter großer Tumor brauche, bis er eine Größe von drei Zentimetern habe, in der Regel etwa acht Jahre.
Wie oft es sich bei ihren Befunden dann um einen bösartigen Tumor handelt, kann Kara nicht sagen. „Manchmal kommen Patienten und danken mir. In anderen Fällen erfahre ich nicht, wie es weiterging.“ Nach dem ersten Befund werde ein Arzt hinzugezogen, der weitere Untersuchungen vornehme und die Diagnose erstelle.
Am meisten liebt Meryem Kara an ihrem Beruf, dass sie den Menschen helfen kann. Und auch ihr hilft es: „Meine Schwäche wird zu meiner Stärke. Ich kann etwas ganz Besonderes. Das macht mich glücklich und gibt mir Selbstbewusstsein.“
„Discovering Hands“
Brustkrebs
Jedes Jahr erkranken in Deutschland 70 000 Frauen an Brustkrebs. Bei rund 18 000 verläuft die Erkrankung tödlich. Lebensgefährlich ist aber nicht der Tumor selbst, sondern seine Streuung in den Körper. Deshalb ist Früherkennung wichtig: Werden bösartige Veränderungen in der Brust durch eine gute Vorsorge rechtzeitig erkannt, können sie durch eine Therapie an der Ausbreitung gehindert werden.
Vorsorge
Das Mammographie-Screening wird Frauen als gesetzliche Vorsorgeleistung zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr nur alle zwei Jahre angeboten. Die Tastuntersuchung ist hingegen Kernbestandteil der Brustkrebsvorsorge für alle Frauen.
Die Taktile Brustuntersuchung
Die Taktile Brustuntersuchung Blinde und sehbehinderte Frauen verfügen über eine besondere Gabe: einen überragenden Tastsinn. „Discovering Hands“ bildet diese Frauen zu professionellen Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen aus. So können sie bereits sehr kleine Veränderungen im Brustgewebe frühzeitig entdecken. Die Taktile Brustuntersuchung dauert zwischen 30 und 60 Minuten. Je nach Gegebenheit und Kassenzugehörigkeit liquidiert die Praxis für die Untersuchung zwischen 52,50 und 64,75 Euro. Private Krankenversicherungen (auf Basis des individuell gewählten Kostenerstattungstarifes) und 35 gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten. Weitere Informationen gibt es auf www.discovering-hands.de