Das Bürgerforum empfiehlt Geschwindigkeitskontrollen und „Lärmblitzer“ an der Schwarzwaldhochstraße. Foto: VRD - stock.adobe.com

Der Empfehlungskatalog des Bürgerforums zur Weiterentwicklung des Nationalparks ist ein an vielen Stellen bemerkenswertes Dokument. Und manchmal fragt man sich: Warum sind die Verantwortlichen nicht selbst und schon früher drauf gekommen?

Ein wenig erinnert die jüngste Pressemitteilung des Nationalparks Schwarzwald an das Schutzgebiet selbst: Auch dem Leser wird es schwer gemacht, zur Kernzone vorzudringen. Aber die Mühe lohnt sich: Je tiefer man sich vorarbeitet, desto deutlicher schimmert Kritik durch an den Verantwortlichen des Großprojekts – am Ruhestein, im Landratsamt und in Stuttgart.

 

Nach mehreren Sitzungen seit dem vergangenen Jahr habe das Bürgerforum nun seine Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Nationalparks abgestimmt, teilt der Nationalpark mit – und stellt Fragen vor, mit denen sich die zufällig ausgelosten Bürger befasst hatten. Antworten finden sich in der Mitteilung selbst nicht.

Zum Kern des Ganzen gelangt man erst über einen Link zur Beteiligungsplattform, einen weiteren Link und noch einen Link, mit dem schließlich ein 22-Seiten-Dokument heruntergeladen werden kann. Dieses wiederum hat es in sich – nicht nur, weil es darin wiederholt um geeignete Kommunikation und mehr Transparenz geht, die der an Ergebnissen interessierte Leser auch in diesem Moment vermisst.

Empfehlungen zum Thema Prozess- und Artenschutz

Erst einmal angekommen bei den 36 Empfehlungen des Bürgerforums, birgt der erste Themenkomplex vergleichsweise noch wenig Sprengkraft. Offenbar ist der Prozess- und Artenschutz nicht allen Gästen des Nationalparks und Menschen in der Region gleichermaßen vertraut. Um die Akzeptanz zu steigern, schlägt das Forum also vor, Informationen auf vielfältige Art bereitzustellen: über Tafeln, QR-Codes, Kartenmaterial oder Wanderapps. Weiter werden Veranstaltungen angeregt, vom Rangertag bis zu Vortragsreihen, auch mit örtlichen Firmen. Zudem soll das Thema Prozess- und Artenschutz stärker kommuniziert werden – in den (sozialen) Medien und vielleicht mit einem Nationalpark-Infomobil, auch überregional.

Um die Akzeptanz für die Einteilung des Parks in Zonen mit unterschiedlichen Schutzstufen zu steigern, sei es zentral, die Sinnhaftigkeit transparent zu machen, heißt es weiter. Die Bevölkerung müsse verstehen können, was in der Kernzone mit der höchsten Schutzstufe vor sich geht. Hierzu soll der Nationalpark Webcams installieren, damit Tiere und Natur beobachtet werden können, ohne die Flächen zu betreten.

Um den Prozessschutz im Nationalpark zu gewährleisten, soll sich die Zonierung an Besucherschwerpunkten orientieren. Dazu sollen Wegeangebote außerhalb der Kernzonen so ansprechend gestaltet sein, dass kein Anreiz besteht, diese zu betreten. Der Nationalpark soll den Prozessschutz sogar ausweiten. Dazu sollen die Kernzonen erweitert und der Zugang, etwa durch weniger Wege, eingeschränkt werden.

Empfehlungen zum Thema Verkehr

Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel soll attraktiver werden. Dazu gehören der Ausbau digitaler Angebote, auch an den Haltestellen, ein grenzübergreifendes ÖPNV-Angebot mit besser abgestimmten Anschlusszeiten, möglichst nah an beliebten Wanderwegen liegende Haltestellen, aber auch eine neue Preisstruktur, etwa durch Kombitickets in Verbindung mit dem Nationalparkzentrum oder dem Sessellift.

In Sachen Reduzierung des Verkehrslärms im Höhengebiet und auf den Zufahrtsstraßen empfiehlt das Forum, verschiedene Zielgruppen durch Kampagnen für Lärmbelästigung zu sensibilisieren, aber auch verstärkt zu kontrollieren und die Strafen für Verstöße zu erhöhen. Neben stationären Blitzern sollen dafür auch flexible Geräte genutzt werden. Darüber hinaus wird der Einsatz von sogenannten Lärmblitzern empfohlen, die die Schallemissionen der Fahrzeuge messen.

Um die Parkplatzsituation zu entspannen, sieht das Bürgerforum Verkehrs- und Parkleitsysteme an den Zufahrtsstraßen vor, aber auch zusätzliche Parkplätze für Wohnmobile und Autos. Zudem sollen, insbesondere für E-Biker, mehr Radwege zum Nationalpark angelegt und es soll die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen gestärkt werden, auch durch „Mitfahrbänkle“. Nicht in den Empfehlungskatalog geschafft hat es der Vorschlag, zusätzlich Seil- oder Bergbahnen einzusetzen.

Empfehlungen zum Thema Freizeitnutzung

Die Ziele und Arbeit des Nationalparks befinden sich im Spagat zwischen Naturberuhigung und einer attraktiven Freizeitnutzung. Um die Rücksichtnahme der Besucher gegenüber der Natur zu steigern, sollen die Besonderheiten bei der Freizeitnutzung und die Gründe für die Regeln und Einschränkungen, zum Beispiel Prozessschutz oder Forstarbeiten, stärker kommuniziert werden.

Möglicherweise könnten in Pilotprojekten auch einzelne Wege nur für bestimmte Nutzergruppen ausgewiesen werden, um die verschiedenen Nutzungen zu kanalisieren und Konfliktpotenziale zu reduzieren, heißt es weiter, allerdings ohne zusätzliche Wege.

Um die Fläche des Nationalparks weiter zu beruhigen, soll die Nationalparkverwaltung attraktive Wege und Besuchsangebote schaffen – Aussichtspunkte, von denen Tiere und Natur beobachtet werden können, oder ein Baumwipfelpfad. Außerdem soll es Naturspielplätze geben, der Nationalpark soll Filme produzieren und Webcams installieren. Stark nachgefragte Führungen sollen häufiger angeboten werden.

Empfehlungen zum Thema Nationalpark und Region

Der vierte und letzte Themenkomplex offenbart, was in den neun Jahren seit der Gründung des Nationalparks suboptimal gelaufen ist, insbesondere im Verhältnis derer oben am Ruhestein und derer in den Tälern. Statt als „Unser Nationalpark“ werde der von der Region teilweise wie ein „Glocke“ wahrgenommen, heißt es deutlich in dem Empfehlungskatalog.

Um die Glocke zu öffnen, soll die Nationalparkverwaltung gezielt auf die Bürger zugehen, durch Sprechstunden und Ansprechpersonen, einen Stammtisch oder ein Infomobil, das auf Wochenmärkten präsent ist. Darüber hinaus soll die Verwaltung regelmäßig in den Austausch mit den regionalen Verantwortungsträgern treten, insbesondere bei Interessenskonflikten zwischen Nationalpark und Bürgern.

Gezielte Anreize für Anrainer

Für Anrainer soll es gezielte Anreize geben – kostenloses oder ermäßigtes Parken, die kostenlose Nutzung des ÖPNV, ermäßigten oder freien Eintritt in die Ausstellung oder besondere Öffnungszeiten des Nationalparkzentrums. Die Nationalparkverwaltung soll durch Kooperationen mit dem Naturpark, mit Schulen und Vereinen die Nähe zur Region „aktiv suchen und aufbauen“.

Die oft emotional geführten Debatten zu Konfliktthemen sollen zum Beispiel durch eine Mediation versachlicht werden, um für alle Seiten verträgliche Lösungen zu finden. Die Nationalparkverwaltung soll „gemachte Fehler eingestehen und gegebenenfalls korrigieren“. Um in einen konstruktiven Dialog zu treten, brauche es einen Raum, in dem Kritik geäußert werden könne und ernst genommen werde. Aus den Anrainergemeinden werde insbesondere kritisiert, „dass ihre Anregungen zwar gehört, aber nicht erhört wurden“.

Nationalparkrat soll öffentlich tagen

Bekanntlich entstand in der Bevölkerung großer Unmut durch die Wegekonzeption. Wegsperrungen in direkter Umgebung zu Ortschaften sollen künftig überdacht und gegebenenfalls überarbeitet werden. Weiter empfiehlt das Bürgerforum mehrheitlich Sonderregelungen für Anrainer bei der Wegekonzeption.

Um über aktuelle Themen informiert zu sein, sollen wichtige Inhalte und Ergebnisse aus den Sitzungen des Nationalparkrats „besser und transparenter in die Region kommuniziert“ werden. Dafür sollen die im Gremium vertretenen Bürgermeister ihren Gemeinderäten aus den Sitzungen berichten. Zudem soll darüber nachgedacht werden, Sitzungen des Nationalparkrats öffentlich abzuhalten. Auch dies war immer wieder ein Kritikpunkt.

Umweltministerin nimmt Ergebnisse am 21. Juli entgegen

Das Bürgerforum: Seit Mai 2022 kam das Forum mit Menschen aus ganz Baden-Württemberg, auch aus den Anrainergemeinden des Nationalparks, zusammen. In Kleingruppen wurden die im November vorläufig formulierten Empfehlungsvorschläge in der letzten Sitzung nochmals geprüft. Dabei wurden auch die Ergebnisse einer ergänzenden Online-Beteiligung berücksichtigt: Weitere Bürger konnten dort Anregungen zu den Empfehlungsvorschlägen einbringen und dem Bürgerforum so Rückmeldung zu dessen Überlegungen geben. Nationalparkleiter Thomas Waldenspuhl und Michael Kretzschmar vom Umweltministerium begleiteten das Forum bei seiner Abschlusssitzung, wie der Nationalpark mitteilt. Die finalen Empfehlungen wurden unter nationalpark-schwarzwald-im-dialog.de veröffentlicht.

So geht es weiter: Am 21. Juli übergibt das Bürgerforum die Empfehlungen an Umweltministerin Thekla Walker. Auch der Nationalparkrat wird dann seine gemeinsam mit dem Nationalparkbeirat erarbeiteten Empfehlungen übergeben. Das Umweltministerium will die Empfehlungen als Grundlage für die weiteren Überlegungen zur inhaltlichen Weiterentwicklung des Nationalparks aufnehmen.