Wie das Jungfernhäutchen genau aussieht, wissen die wenigsten. Foto: imago/Westend61/Antonio Ovejero Diaz

Um das Jungfernhäutchen ranken sich viele Mythen. Einer davon ist: Es hält die Vagina verschlossen wie eine Frischhaltefolie und muss beim ersten Mal durchstoßen werden. In der modernen Medizin weiß man inzwischen: Das ist Unsinn.

Das Jungfernhäutchen galt jahrhundertelang – wie der Name schon sagt – als Zeichen dafür, ob eine Frau noch Jungfrau ist. Man stellte sich dieses als eine Membran vor – also wie eine Art Frischhaltefolie –, welche die Vagina der Frau fest verschlossen hält und die beim ersten Sex vom Mann erst durchstoßen werden muss. Blut auf dem Bettlaken gilt in vielen Kulturen auch heute noch als Beweis dafür, dass eine Frau tatsächlich jungfräulich in die Ehe ging – also quasi unbefleckt war. Auch glaubte man lange, Frauenärzte könnten erkennen, ob es noch verschlossen ist.

 

Das Jungfernhäutchen wird beim ersten Sex nicht „durchstoßen“

Es ranken sich also viele Mythen um das sogenannte Jungfernhäutchen – die wenigsten davon sind wahr. Wird das Jungfernhäutchen tatsächlich beim ersten Sex durchstoßen? „Überhaupt nicht“, sagt die Münchner Gynäkologin Stephanie Eder vom Berufsverband der Frauenärzte. Neben ihrem Beruf als Frauenärztin macht Eder auch viel sexuelle Aufklärung in Schulklassen. „Es ist unglaublich, wie sich das immer noch hält.“ Viele Jugendlichen glaubten auch im Jahr 2022 noch, dass das Jungfernhäutchen beim „ersten Sex reiße und blute wie verrückt“.

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Aber was ist das Jungfernhäutchen dann? Medizinisch ist die Verklärung des Jungfernhäutchens als fest verschlossenes Häutchen an sich schon unlogisch. Oft fragt Stephanie Eder Schülerinnen und Patientinnen, wie Mädchen denn vor dem ersten Sex ihre Tage bekommen könnten, wenn die Vagina doch fest verschlossen sei. Einige werden dann stutzig, andere finden auch dafür Erklärungen. „An sich ist das Wort Jungfernhäutchen schon falsch“, sagt Eder. Sie benutze daher auch den korrekten medizinischen Fachbegriff, nämlich Hymen. Um es plastischer zu machen, vergleichen viele Frauenärzte das Hymen mit einem Scrunchie-Haargummi – es kann sich also auseinanderdehnen und wieder zusammenziehen, ohne dass etwas reißt oder gar blutet.

In Schweden gibt es das Wort nicht mehr

In einigen modernen Gesellschaften ist das Wort Jungfernhäutchen inzwischen abgeschafft worden – um genau diesen Mythen entgegenzuwirken. In Schweden wird es seit 2009 vaginale Korona genannt. Das Vaginalkränzchen sagt nämlich nichts über die Jungfräulichkeit einer Person aus. Ein unbeschädigtes Kränzchen ist kein Beweis für Jungfräulichkeit, ebenso wenig ist ein „beschädigtes“ Kränzchen kein Beweis für die sexuelle Aktivität einer Person.

„Das Hymen ist eine dünne, elastische Membran, die den Scheideneingang teilweise verschließt und die Vagina von der Vulva trennt“, sagt auch Lorena Delle Chiaie, Oberärztin in der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart. Es habe meist die Form eines Ringes und bedecke den Vaginaleingang. Ausfluss und auch Menstruationsblut können über die Öffnung des Ringes abfließen.

Nur in seltenen Fällen sei die Vaginalöffnung völlig vom Hymen verschlossen, sagt die Gynäkologin Delle Chiaie. Da in diesen Fällen nach Einsetzen der Regelblutung das Menstruationsblut nicht abfließen könne, komme es allmählich zu einer Ansammlung von Blut in Vagina und Gebärmutter. „Dies lässt sich durch einen kleinen chirurgischen Eingriff, bei dem das Hymen geöffnet wird, beheben“, sagt die Stuttgarter Oberärztin.

Etwa eines von 2000 Mädchen ist laut der medizinischen Website Netdoktor.de von dieser genitalen Fehlbildung betroffen. Solche Fälle machen sich meist bemerkbar, wenn die Regelblutung einsetzt. Die betroffenen Mädchen und Frauen haben mit jedem Monat zunehmende Schmerzen, eventuell begleitet von Störungen der Blasen- und Darmentleerung.

Eventuell sollte das Hymen vor Keimen schützen

„Wofür das Hymen letztlich biologisch sinnvoll ist, weiß man nicht genau“, sagt Delle Chiaie. Eventuell sei es ein Überbleibsel aus der Evolution, das die Vagina vor Keimen und Schmutz schützen sollte. Beweise dafür gebe es allerdings nicht. Wofür es allerdings definitiv nicht da ist: um die Jungfräulichkeit einer Frau beweisen zu können.

Aber warum hält sich dieser Mythos dann seit Jahrhunderten, obwohl er medizinisch längst widerlegt ist? „Da spielen religiöse und soziale Gründe eine Rolle, die aber je nach Land und Gesellschaft sehr unterschiedlich sein können“, sagt Lorena Delle Chiaie. „ Sie sind zum Teil von Generation zu Generation überliefert worden, manche basieren auf Ängsten oder auf Gerüchten, andere sind emotional gefärbt, ohne jeden sachlichen Hintergrund.“

Dass eine Frau bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr mit einem Mann entjungfert wird, indem sein Penis ihr Jungfernhäutchen durchstößt, ist bei einer normal entwickelten Scheide unmöglich – dennoch hält sich dieser Mythos hartnäckig in vielen Köpfen. Hintergrund ist, dass in vielen Kulturen die Frau bis zur Hochzeit unberührt, also sexuell unerfahren, zu bleiben hat.

US-amerikanische Wissenschaftler haben bei einer Untersuchung von 36 schwangeren Teenagerinnen festgestellt, dass sich das Vaginalkränzchen nur bei zwei von ihnen nach dem ersten Sex verändert hatte. „Es ist auch ein Mythos, dass es beim ersten Mal immer blutet, weil das Jungfernhäutchen gerissen ist“, sagt Stephanie Eder. Dies sei nur bei etwa 50 Prozent der Mädchen und jungen Frauen der Fall. Unter Umstände können zum Beispiel Risse in der Vaginalwand Ursache für eine Blutung sein. Der Schmerz, den manche beim ersten Mal verspüren, wiederum kann auch einfach durch das Verkrampfen der Vaginal- oder Beckenbodenmuskeln ausgelöst werden.

Der Gynäkologe kann nicht erkennen, ob eine Frau bereits Sex hatte

Je entspannter der Sex, desto weniger tut es weh. „Ich kann auch als Gynäkologin nicht sagen, ob eine Frau bereits penetrativen Sex gehabt hat oder nicht“, ergänzt sie. So verändere sich auch die Optik des Hymen je nach Östrogenphase der Frau. „Wenn die Mädchen in die Pubertät kommen, dann wird es ja auch weich und elastisch“, sagt Eder, und zwar so, dass ein Tampon, ein Finger oder ja sogar auch der Penis eines Mannes durchaus daran vorbeikommen.

Dennoch hat der Mythos über das Jungfernhäutchen immer noch einen erheblichen Einfluss auf das Leben von Mädchen und Frauen weltweit – vor allem weil viele Religionen propagieren, Frauen müssen jungfräulich in die Ehe gehen. Für frisch Verheiratete geht es deshalb in der Hochzeitsnacht bis heute nicht überall so privat zu wie in Deutschland. Von Indien über Kambodscha bis zu Südseeparadiesen oder in vielen afrikanischen Ländern wartet häufig die Familie auf ein klares Zeichen nach der ersten Nacht eines frisch vermählten Paares, dass die Ehefrau gerade erst entjungfert wurde.

Das bedeutet konkret: Sie wollen Blut sehen. „Es gibt da die unglaublichsten Tricks, wie manche Frauen an das Blut kommen“, weiß Stephanie Eder. So gebe es kleine Pölsterchen zu kaufen, die rote Farbe freisetzen, die Frauen sich dann vor dem ersten Sex einsetzen. Viele setzten auch auf eine hormonelle Abbruchblutung. „Eigentlich unvorstellbar, dass es dies auch im Jahr 2022 in Deutschland teilweise noch gibt“, sagt Eder. Die Botschaft sei daher: aufklären, aufklären, aufklären.

Traditionelle Kulturen halten an den Jungfräulichkeit-Tests fest

Vor allem in muslimischen Kulturkreisen hält sich der Mythos hartnäckig. Stephanie Eder sagt jungen Musliminnen dann oft: „Wenn du nicht einmal weißt, wo dein Jungfernhäutchen ist, wie soll ein Mann das dann wissen oder gar spüren?“ Die Scheide brauche immer etwas, das sie dehnt. Bei gewolltem Sex werde sie folglich durch die Erregung „unglaublich weich und weit“. Da reiße also gar nichts.

In vielen Kulturen ist es nach wie vor verbreitet, dass junge Mädchen sich schon vor der Hochzeit Tests unterziehen müssen, ob sie bereits penetrativen Sex hatten. „Diese Jungfräulichkeitstests haben keine wissenschaftliche oder klinische Grundlage“, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu. Die WHO und auch die Vereinten Nationen (UN) fordern seit Jahren ein Ende der „medizinisch unnötigen und oft schmerzhaften, erniedrigenden und traumatischen Praxis“, wie sie in vielen Kulturen bei Tausenden Mädchen im Teenageralter noch vorgenommen werden. Diese sogenannten Jungfräulichkeitstests gelten international als Menschenrechtsverletzung.

Barbusig sowie mit Tanz, Gesang und traditionellem Schmuck behängt müssen junge Mädchen in manchen Ländern vor einem Monarchen oder Stammesältesten antreten – wobei laut Kritikern der WHO sowohl die Freiwilligkeit als auch eine Beratung vorab nicht immer garantiert sei. Die Befürworter dieser Tests – bei denen die Mädchen zum Beispiel mit gespreizten Beinen auf dem Rücken liegend von älteren Frauen begutachtet werden – sehen sie aber als Bestandteil der afrikanischen Tradition.

Viele lassen sich das Jungfernhäutchen rekonstruieren

Die Angst, nicht mehr als jungfräulich gelten zu können, ist trotzdem bei vielen Mädchen und Frauen noch weltweit verbreitet. Der Druck um die Jungfräulichkeit hat in vielen Kulturen ein lukratives Geschäftsmodell erschaffen. Weltweit lassen sich Frauen daher sogar operieren. „Das ist absurd“, sagt Stephanie Eder. Dabei wird versucht, das Jungfernhäutchen zu rekonstruieren. „Es ist gar kein medizinisches Thema, sondern schlicht ein religiöses, moralisches und soziales“, sagt die Münchner Gynäkologin.

Operationen gibt es aber nicht nur in fernen Ländern. Sogar in Deutschland und der Schweiz gibt es Schönheitskliniken, die damit werben, das Jungfernhäutchen „wiederherzustellen“. Zwischen 1000 und 4000 Euro kostet der Eingriffe laut den Webseiten einiger Kliniken.

Studien zum Mythos Jungfräulichkeit

Studie
Kann das Hymen wirklich sicher Auskunft darüber geben, ob ein Mädchen oder eine Frau schon Geschlechtsverkehr hatte? Das haben die Wissenschaftlerinnen Rose McKeon Olson und Claudia García-Moreno anhand mehrerer Studien im Jahr 2017 geprüft. Das Ergebnis: nein. Sie fordern, etwa Tests auf Jungfräulichkeit abzuschaffen. Erschienen ist die Zusammenfassung unter „Virginity testing: a systematic review“ in der Zeitschrift „Reproductive Health“.

Masterarbeit
Rosa Bömelburg hat sich an der Hochschule Merseburg im Studiengang Angewandte Sexualwissenschaft mit dem Thema „Vom Mythos ‚Jungfernhäutchen‘ zur vulvinalen Korona“ auseinandergesetzt und die Entstehung der Mythologie in den verschiedenen Religionen aufgearbeitet.