Herr Chow und Frau Chan in Wong Kar-wais Filmklassiker „In the mood for Love“ aus dem Jahr 2000. Foto: Imago stock&people/Imago

Was passiert mit uns beim Flirten? Ein kleiner Hirnschaden, sagen manche. Andere fürchten: Der Flirt passt nicht mehr in unsere Zeit. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Nagel erklärt, warum das Faszinierende am Flirt die Ungewissheit ist.

Die Hand des Mannes nähert sich langsam der Hand der Frau. Sie zieht ihre Finger zurück. Doch dann, beim nächsten Mal, lässt sie sie liegen, ihre Finger verschränken sich, sie lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter. Der Filmklassiker „In the mood for love“ von Wong Kar-wai seziert 100 Minuten lang das süße Gefühl des Flirtens: kleine Momente, Blickkontakt, Zweideutigkeiten – die unerfüllte Liebesgeschichte zwischen Herrn Chow und Frau Chan, die immer im Ungefähren bleibt.

 

Der Reiz des Uneindeutigen kann groß sein. Dabei sind die körperlichen Auswirkungen des Flirtens nicht zu unterschätzen, sagen Experten. Die Symptome gleichen denen eines kleinen Hirnschadens. Das haben Forscher um den Neurowissenschaftler António Damásio vor einigen Jahren herausgefunden. Offenbar trifft diese Form der gegenseitigen Wahrnehmung den Menschen wie ein Schlag.

Das klingt durchaus furchteinflößend. Doch der Flirt gilt Forschern als natürlich, denn auch in der Tierwelt ist er üblich. Die Amsel, die kunstvoll auf dem Nachbarsdach trällert, scheint dem Artgenossen zu sagen: Hier bin ich, wenn du mich willst, dann komm mal her! Wissenschaftler des bayerischen Naturkundemuseums erklären in ihren preisgekrönten Podcasts amüsant, wie kunstvoll die Tänze der Tintenfische sind, eine richtige Performance, um einander zu beeindrucken.

Es ist nie vollkommen sicher, wie der andere empfindet

Und warum flirtet der Mensch? Schließlich geschieht es nicht unbedingt mit der klaren Absicht, einander noch näher zu kommen, im Gegenteil, meint die Literaturwissenschaftlerin Barbara Nagel, die in Berlin und Princeton das Flirten in der Literaturgeschichte erforscht. Der Flirt genüge sich selbst. „Ein Duell zweier Gegenüber, ein Spiel nach Regeln, eine Herausforderung, ein kristallklarer Zustand“, schrieb der Soziologe Jean Baudrillard. Das Faszinierende sei die Ungewissheit, sagt Barbara Nagel. Es ist nie vollkommen sicher, wie der andere empfindet: „Zugegeben ist Flirten ohne Risiko undenkbar. Ein Flirt ist nie harmlos.“

Der Soziologe Georg Simmel schrieb von der Eigenart „des Vorläufigen, des Schwebens und Schwankens“, die den Flirt ausmache. Wie weit geht der andere in seinen Mehrdeutigkeiten? Was wird er als nächstes tun, wie schnell antwortet er auf meine Nachricht – und zu welchen Tages- und Nachtzeiten? Oder interessiert er sich doch nicht auf diese Weise? Bin ich zu weit gegangen? Habe ich mich selbst offenbart?

Im „Zauberberg“ zählt Hans Castorp die Blicke von Frau Chauchat. „Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig nach jenem Tisch umgewandt hatte und jedes Mal den Augen Hans Castorps begegnet war, blickte sie zum vierten Mal mit Vorbedacht hinüber und begegnete seinen Augen auch diesmal“, schreibt Thomas Mann. Und weiter: „In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar; er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, dass sie ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, dass sie sich lächelnd abwandte. Misstrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts dieses Lächelns.“

Man möchte nichts mehr dem Zufall überlassen

Der Flirt ist ein Spiel mit Ambiguitäten, zwei Menschen begeben sich in eine Grenzsituation. „Im Flirt deuten wir permanent Zeichen, wir werden alle zu Literaturwissenschaftlerinnen,“ hat Barbara Nagel beglückt festgestellt. Bei ihren Recherchen fand sie auch heraus, dass Frauen in früheren Jahrhunderten Flirten durchaus als Machtinstrument nutzen konnten. Im 19. Jahrhundert etwa reizten sie bei solchen Begegnungen das zweideutige Gehabe der Anziehung beliebig aus. Das sei eine emanzipatorische Form der Selbstermächtigung gewesen.

Viele fürchten jetzt, dass die Zeit der Ambiguitäten und damit auch des Flirtens vorbei sei. Man möchte nichts dem Zufall überlassen: „Im Internet häufen sich die Ratgeberartikel, welche mal mit mehr, mal mit weniger Ironie vor allem den Männern das ABC der feinen Unterschiede zwischen Flirt und Belästigung zu erklären suchen“, schreibt Barbara Nagel. Viele glauben spätestens seit Metoo, dass Flirtverhalten heute schnell als Stalking oder Belästigung verstanden werden kann. Und eine Handlung mit klarem Ziel – zum Beispiel zusammen im Bett zu landen – , wäre ohnehin das Ende des Flirtens, das im Spielerischen lebt. Barbara Nagel betrachtet den Flirt als „eine historische Diskursform“, die verschwinden könnte. In einer Zeit, in der alles auf Optimierung und Zielführung ausgerichtet sei, habe eine Kulturpraxis, die sich selbst genüge, wenig Chancen. Längst wolle man sich gegenüber allen Ambiguitäten und Risiken absichern und verhindern, dass etwas schief gehe. Das wäre dann der sichere Tod für den Flirt.