Wenig weiß man im politischen Berlin über die Heimatstadt von Saskia Esken, denn von Calw spricht die SPD-Chefin dort so gut wie nie. Das hat sich bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags der Ampel-Parteien geändert. Was bedeutet das für die Stadt, in der jetzt die Vorsitzende der Kanzler-Partei lebt? In unserer Redaktion haben wir uns Gedanken gemacht – mit einem Augenzwinkern.
Calw - Deutschlands Spitzenpolitiker haben oft einen besonderen Bezug zu ihrer Heimat. Der CDU-Wirtschaftsexperte Friedrich Merz etwa ist bekennender Sauerländer, Bald-Kanzler Olaf Scholz steht wie kaum ein anderer für die hanseatische Gelassenheit Hamburgs und selbst bei Corona-Erklärer Karl Lauterbach schimmert zwischen all den Hiobsbotschaften auch immer wieder die rheinländische Frohnatur hindurch.
Aber Saskia Esken? Die Parteivorsitzende der SPD ging in Berlin öffentlich immer sehr defensiv mit ihrer Heimatstadt Calw um. Es scheint manchmal so, als wisse die Republik gar nicht so richtig, woher das Oberhaupt der deutschen Sozialdemokraten eigentlich stammt. "Die kommt doch aus Baden-Württemberg, oder?", heißt es da nur lapidar in den Talkshows, wenn über die frühere Softwareentwicklerin aus dem Nordschwarzwald gesprochen wird. Und auch schon in den TV-Runden gehört: "Was ist das eigentlich für ein Dialekt, den sie spricht? Ist das Schwäbisch?" Wohl wissend, dass man sich nördlich des Mains besser zurückhält, um nicht in das Fettnäpfchen zu treten, die Sprache der Württemberger und Badener miteinander zu verwechseln. Mehr weiß man über die Heimat der SPD-Chefin halt einfach nicht.
Umso mehr sorgte Esken jetzt für Verwunderung, als sie zusammen mit den anderen Vorsitzenden der Ampel-Parteien vor die Kameras trat, um den neuen Koalitionsvertrag zu präsentieren. Die SPD-Chefin nahm dabei Bezug auf einen am Morgen erschienen Presseartikel, in dem ein Zitat von Hermann Hesse genannt wurde: "Gegner bedürfen einander oft mehr als Freunde, denn ohne Wind gehen keine Mühlen." Und inmitten dieser historischen Stunde, dem Beginn der ersten Drei-Parteien-Koalition in der Geschichte des Bundesrepublik, greift dann auch Esken auf den großen Sohn der Stadt Calw zurück und sagt vor der versammelten Berliner Journaille: "Ich als Calwerin möchte noch ein weiteres Hesse-Zitat hinzufügen: ›Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.‹"
Hört, hört. "Ich als Calwerin." Jetzt – als Vorsitzende der Kanzler-Partei – scheint sich einiges für die Stadt zu ändern. Wird Calw also zu einem zweiten Großburgwedel, das einst als Wohnort von Bundespräsident Christian Wulff so sehr für Schlagzeilen gesorgt hat? Oder entsteht ein Hype wie um den Kanzlerbungalow von Helmut Kohl in Oggersheim? Und wenn wir schon bei Hesse sind: Reisen demnächst sogar Staatsgäste mit der Hessebahn an? Bis zur geplanten Inbetriebnahme im Jahr 2023 wäre noch Zeit, einen eigenen Bahnhof aus dem Boden zu stampfen, an dem die Sonderzüge von Joe Biden oder der Queen anhalten könnten. Bauvorhaben sollen künftig ja ohnehin schneller realisierbar sein, sagt die Ampel-Koalition. Wäre nach der Genfer Konvention, dem Schengener Abkommen und dem Klimagipfel von Glasgow nicht auch ein Calwer Vertrag denkbar, der zum Beispiel den politischen Status der Antarktis neu regelt?
Das Motto des Koalitionsvertrages lautet: Mehr Fortschritt wagen. Das hat sich Esken offenbar auch ganz persönlich zu Herzen genommen. Seit fast auf den Tag genau zwei Jahren ist sie Vorsitzende der SPD, doch das Wörtchen "Calw" schien ihr in Berlin nie über die Lippen zu gehen. Und jetzt, gleich am ersten Tag der Ampel-Koalition, outet sie sich vor einem Millionen-Publikum in einer live übertragenen Pressekonferenz als Calwerin. Willkommen, Frau Esken, im Kreise der Spitzenpolitiker mit besonderem Bezug zur Heimat.