In unserer Serie „Wie geht es eigentlich . . . ?“ beleuchten wir Menschen, die aus dem Rampenlicht getreten sind. Heute: Dieter Hundt, früher Arbeitgeberpräsident – und einst Retter des Autozulieferers Allgaier, der jetzt insolvent ist.
Dieter Hundt steht am Fenster im Büro im 3. Stock seines ehemaligen Unternehmens in Uhingen und zeigt auf eine Anhöhe: „Dort, wo Sie die Kräne sehen, steht mein Elternhaus“, sagt der frühere Chef des Autozulieferers Allgaier. Hundt wohnt nicht mehr dort, sondern im fünf Kilometer entfernten Wangen. Und Allgaier hat Hundt im Sommer 2022 an den chinesischen Westron-Konzern verkauft. Sein Lebenswerk befindet sich in der Insolvenz.
Doch eines zieht sich für Hundt bis heute durch: „Ich bin immer ein echter Urigner geblieben“ – gleichgültig, welches wichtige Amt er innehatte, in der Welt rum kam oder mit Bundeskanzlern an wirtschaftspolitischen Strippen zog. „Urigner“, zu sein, wie die Uhinger ihren Ort nennen – das war eine Konstante in seinem Leben. „Die Schwaben sind ein prächtiges Volk“, meint er zu seiner Heimatverbundenheit, „bei den Älteren gilt noch der Handschlag“.
Umsatz bei Allgaier hoch geschraubt
Für eine Arbeit zu Hause hat er sogar eine gute Stelle beim Siemens-Konzern aufgegeben. Auch aus heimatlicher Verbundenheit „habe ich mich 1975 entschieden, die Verantwortung bei Allgaier zu übernehmen“. Dem Unternehmen ging es damals nicht gerade gut, der Umsatz lag bei umgerechnet 25 Millionen Euro. Hundt, der bis 2008 an der Spitze stand, schraubte den Umsatz auf 300 Millionen Euro hoch. Und als er 2022 auch sein Amt als Aufsichtsratschef niederlegte, war mit 2000 Beschäftigten in der Gruppe ein Umsatz von rund 630 Millionen Euro erreicht worden.
Jetzt sind seine Tage ruhiger geworden. „Jeden zweiten oder dritten Tag bin ich noch in meinem Büro, das ich noch bei Allgaier habe“, berichtet er. Und auch die „intensive Reisetätigkeit“, vor allem zu den ausländischen Tochtergesellschaften „fällt jetzt weg“. Statt dessen hat er jetzt auch Zeit, „mal ein Buch zu lesen“. Skifahren hat er schon vor einigen Jahren aufgegeben, „statt wie früher zu Wandern gehen wir jetzt spazieren“. Fit halten er und sein Frau Christine sich durch ihre Sportgeräte im Haus und durch Schwimmen. Und da ist dann auch noch das Ferienhaus in der Steiermark und das Segelboot auf dem Bodensee.
Wichtige Weichenstellungen
Früher musste er eher rastlos unterwegs sein. Sei es in seiner Zeit als Vorsitzender des Verbands der Metallindustrie (VMI) in Baden-Württemberg oder als Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).Zusammen mit dem damaligen stellvertretenden IG-Metall-Vorsitzenden Walter Riester hat er 1995 den letzten Schritt bei der Einführung der 1984 vom ehemaligen Stihl-Chef Hans Peter Stihl und dem damals stellvertretenden IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler ausgehandelten 35-Stunden-Woche gemacht. „Dafür habe ich aus dem Unternehmerlager mächtig Prügel bekommen“, erinnert er sich. „Aber es war der Einstieg in eine ausgedehnte Flexibilisierung der Arbeitszeit“.
Als BDA-Präsident kam er in engen Kontakt mit Bundeskanzler Helmut Kohl, dessen Einsatz für Europa „mir imponiert hat“. Und auch mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem man „auf Augenhöhe“ begegnen konnte. „Ich habe auch an der Agenda 2010 mitgewirkt, die uns rund 15 wirtschaftlich äußerst gute Jahre beschert hat“. Die Zusammenarbeit mit Angela Merkel als Kanzlerin sei dagegen weniger von besonderen Ereignissen geprägt gewesen.
Auch persönliche Kontakte aus dieser Zeit sind geblieben: „Einmal im Jahr treffe ich mich mit meinen Mitstreitern vom VMI in Stuttgart im Verbandshaus in der Türlenstraße zum Spaghetti- und Trüffelessen.“ Und ebenfalls einmal im Jahr winkt der Unternehmertag in Berlin. Diesem erweist nicht nur der Kanzler seine Referenz, es gibt auch ein Stelldichein zu dem alle ehemaligen Präsidiumsmitglieder eingeladen sind: „Das ist eine sehr schöne Sache“.
Probleme erfordern neue Agenda
So wie früher die Agenda 2010 wäre jetzt eine Agenda 2030 nötig, meint Hundt. Inflation, zu hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel und Migration, mit diesen Stichworten umreißt er die heutige Lage. Ein umweltpolitischer Sündenfall sei es gewesen, die Atomkraftwerke abzuschalten und Kohlemeiler weiterlaufen zu lassen. Die Stromsteuer müsse gesenkt werden und auch in der Migrationspolitik müsse etwas geschehen. Vielleicht eine Obergrenze von 200 000 Menschen im Jahr einführen. Die aktuellen Probleme seien Wasser auf die Mühlen der AfD. „Und diese Partei ist eine Gefahr für die Demokratie“, sagt Hundt. Natürlich treibt ihn auch das Schicksal seines eigenen Unternehmens um. „Der Verkauf an den chinesischen Westron-Konzern war richtig“, meint er. Die Insolvenz sei ein schwerer Schlag gewesen, „das hat mich schon sehr belastet und tut dies heute noch – auch wegen der Mitarbeiter. Das Unternehmen habe nicht ich aufgebaut, sondern die Beschäftigten unter meiner Führung“. Er sehe „gute Chancen, dass Allgaier fortgeführt werden kann“, meint er zu den Perspektiven für den Autozulieferer.
Insolvenz als schwerer Schlag
Unternehmer, Funktionär und Freunde des Sports
Lebenslauf
Der 1938 geborene Dieter Hundt studierte nach dem Abitur in Göppingen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich,wo er auch promovierte. Dort spielte er nicht nur Fußball bei den Grasshoppers, sondern lernte auch seine Frau Christina kennen. 1975 wurde er Chef bei Allgaier. Von 2008 bis 2022 war er dort Vorsitzender des Aufsichtsrats. Von 1988 bis 1996 war er Vorsitzender des Verbands der Metallindustrie (VMI) in Baden-Württemberg. Anschließend war Hundt bis 2013 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
VfB
Für den VfB Stuttgart, bei dem er auch Aufsichtsratschef war, schlägt sein Herz noch immer. „Die Chancen, dass der VfB in der Bundesliga bleibt, sind größer als in den vergangenen Jahren. Wir werden wohl eine zufriedenstellende, vielleicht sogar eine gute Saison erleben. Hoffentlich!“