Kein Triell, sondern nur ein Duell: Da Samuel Speitelsbach nicht im Kurhaus erschien, stellten sich bei der Vorstellung der Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Bad Liebenzell nur Amtsinhaber Dietmar Fischer und sein Herausforderer Roberto Chiari den Fragen des Publikums. Dabei wurde deutlich: Es gibt zwischen beiden Bewerbern klare Unterschiede.
Bad Liebenzell - Als "Verbindung von Tradition und Moderne" charakterisierte Sebastian Kopp die offizielle Vorstellung der Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 17. Oktober. Der stellvertretende Bürgermeister führte durch den Abend, der sich auf zwei verschiedenen Ebenen abspielte: Vor den coronabedingt nur 180 erlaubten Gästen im Kurhaus sowie vor durchschnittlich 200 Bürgern, die die Vorstellung via Stream im Internet verfolgten – organisiert von der Technik-AG der Reuchlin-Realschule.
Klare Regeln waren dabei vorgegeben: Zunächst, so der Plan, hätten sich alle drei Kandidaten – Amtsinhaber Dietmar Fischer (CDU) und seine beiden parteilosen Herausforderer Roberto Chiari und Samuel Speitelsbach – jeweils 15 Minuten lang vorstellen dürfen. Währenddessen mussten die anderen Bewerber den ehrwürdigen Spiegel- und Wappensaal verlassen. Dabei wurde kontrolliert, dass sie nicht heimlich den Stream verfolgen. Anschließend hatten die anwesenden Bürger die Möglichkeit, in jeweils einer Minute maximal zwei Fragen an die Bewerber zu formulieren.
Speitelsbachs Stuhl auf der Bühne blieb frei
Der strikte Zeitplan musste gleich zu Beginn umgeschmissen werden, denn Speitelsbachs Stuhl auf der Bühne blieb frei. Eine echte Überraschung war es jedoch nicht, dass der Dauerbewerber aus Ravenstein (Neckar-Odenwald-Kreis) nicht im Kurhaus erschien.
Bürgermeister Dietmar Fischer hatte das Recht, sich zuerst vorzustellen – er hatte schließlich seine Bewerbung als Erster im Rathaus eingereicht. Als "schönster Saal des Nordschwarzwalds" bezeichnete er den Spiegel- und Wappensaal zu Beginn seiner 15 Minuten, die er vor allem dafür nutzte, die wichtigsten Projekte seiner bisherigen Amtszeit in den Vordergrund zu stellen. Dazu gehören neue Baugebiete und die Ausnutzung bestehender Bauplätze. Die Einwohnerzahl sei während seiner ersten Amtsperiode um 1000 gestiegen. Auch bei der Bildung und Kinderbetreuung sei man in Bad Liebenzell auf einem guten Weg. "Kaum eine Stadt unserer Größe kann mit so einem breiten Spektrum aufwarten", sagte Fischer. Die Unterstützung von Handel und Gewerbe sei für ihn ebenso wichtig wie der Tourismus. "Wir sind die Perle im Nordschwarzwald", betonte der Bürgermeister und verwies auf die Investitionen in Kurhaus und Paracelsus-Therme.
Wohnen im Alter mit dem neuen Ochsen-Areal und einem barrierefreien Zugang zum Stadtsee ("An der Stelle wird eine neue Altstadt geschaffen") nannte Fischer ebenso als wichtiges Projekt, brachte beim ÖPNV ein Minibus-System auf Rufbasis ins Spiel, das die Bürger von der Haustür zur Haltestelle bringt, verwies auf den Breitbandausbau und sprach sich dafür aus, bei den Finanzen ein "umsichtiges Wirtschaften" beizubehalten.
Zum Schluss dankte der Amtsinhaber für die Herzlichkeit, die ihm und seiner Familie in den vergangenen Jahren entgegengebracht worden sei, der "grandiosen Mannschaft im Rathaus" und der Freizeit und Tourismus GmbH. Seine 15 Minuten endeten mit den Worten: "Bad Liebenzell ist eine Herzenssache. Hier steckt Liebe drin."
Chiari möchte zunächst Leitbilder definieren
Roberto Chiari baute seine 15 Minuten anders auf, schaute im Gegensatz zu Fischer aber auch immer wieder auf das vor ihm liegende Konzept. "Ich habe mich sehr auf diesen Abend gefreut", sagte der Herausforderer, der als Ortsvorsteher von Möttlingen kommunalpolitische Erfahrung hat, zu Beginn. Er stellte sich und seine Familie vor, präsentierte sich als gläubigen Christen, unterstrich seine Verwurzelung in Möttlingen, wo er unter anderem im Turn- und Sportverein aktiv ist. "Unglaublich reizvoll" sei es für den in Ehningen aufgewachsenen HP-Mitarbeiter, in seiner "Wahlheimat" – wie er an diesem Abend mehrfach betonte – als Bürgermeister kandidieren zu können. "Bad Liebenzell ist unsere Heimat. Hier wollen wir uns umfassend wohlfühlen", erklärte Chiari seine Devise und machte klar: "Das gilt sowohl für unsere schönen Teilorte als auch die gute Stube, die Kernstadt."
Als Bürgermeister wolle der Möttlinger zunächst einmal Leitbilder definieren, an denen sich künftige Projekte orientieren. Als "Bad Liebenzell 2040" bezeichnete er dieses Vorgehen, bei dem die Bürger mit ins Boot geholt werden sollen. Auch im Rathaus will der Ortsvorsteher einen anderen Wind einkehren lassen. "Die Stadtverwaltung muss ein moderner Dienstleister sein", forderte Chiari. Dort müsse man neue Ideen zulassen. "Auf zwei Aussagen reagiere ich empfindlich: Es goht net und des hemmer scho immer so g’macht."
Zudem sprach der Herausforderer die Pro-Kopf-Verschuldung von 6800 Euro an, mit der Bad Liebenzell in Baden-Württemberg an der Spitze rangiert. Deshalb müsse auch im Gemeinderat ein anderer Wind einkehren. "So viel ist möglich, wenn Bad Liebenzell an einem Strang zieht", meinte Chiari, der von Schuldzuweisungen und verhärteten Fronten im Gemeinderat sprach.
Am Ende seiner 15 Minuten machte der Wahl-Möttlinger deutlich: "Ich kenne die Stadt gut, habe aber einen unabhängigen Blick." Sein Schlusssatz: "Ich bin zur Übernahme dieser großen Verantwortung bereit."
13 Bürger waren vor Ort
13 Bürger machten im Kurhaus von der Möglichkeit Gebrauch, den beiden Kandidaten Fragen zu stellen. Darunter waren ganz spezielle Themen aus den einzelnen Teilorten wie die marode Kanalisation in Unterhaugstett oder die sanierungsbedürftigen Gemeindeverbindungsstraßen in Monakam. Doch natürlich ging es auch um die Dauerbrenner in Bad Liebenzell: der hohe Schuldenstand, das Miteinander in der Kommunalpolitik, der B 463-Ausbau. Wie schon bei ihren 15 Minuten wurden dabei die Unterschiede der beiden Kandidaten deutlich: Amtsinhaber Fischer hatte Zahlen sofort parat, während Herausforderer Chiari keinen Hehl daraus machte, nicht so die Detailtiefe wie der Bürgermeister zu besetzen, und stattdessen eher in die Zukunft blickte. Aber auch inhaltlich liegen die Kontrahenten stellenweise weit auseinander.
Am geplanten dreispurigen Ausbau der B 463 scheiden sich in Bad Liebenzell die Geister – und so geht es auch den beiden Kandidaten. Fischer ist Befürworter und sagte im Kurhaus: "Mobilität ist im ländlichen Raum ein entscheidender Faktor." Aufgrund der schwierigen Topografie rechnet der Bürgermeister nicht mit einer Zunahme des Schwerlastverkehrs im Nagoldtal, wenn die B 463 ausgebaut wird. Der Autoverkehr werde sich dann sogar entspannen, denn: "Vernünftige Infrastruktur entschleunigt."
Anders sieht es Chiari. Er ist gegen den Ausbau und argumentierte: "Ich halte es nicht für zeitgemäß, so viel Geld in so ein Projekt zu stecken." Das Verkehrsaufkommen sei zu niedrig, um einen B 463-Ausbau zu rechtfertigen.
Mehrfach zur Sprache kam in der Fragerunde Bad Liebenzells hoher Schuldenstand. "Wir werden es nicht alleine schaffen", sagte Chiari zu einer Anregung aus dem Publikum, ähnlich wie das einst hoch verschuldete Aulendorf einen Finanzhilfevertrag mit dem Land Baden-Württemberg abzuschließen. Sollte er Bürgermeister werden, komme alles auf den Prüfstand.
"Das waren Investitionen in unsere Zukunft"
Fischer dagegen zeigte auf, dass man durch die Aufnahme von Schulden wichtige Projekte realisiert habe. "Das waren Investitionen in unsere Zukunft", verdeutlichte der Bürgermeister und machte klar: "Bad Liebenzell ist von der Struktur her keine Kommune, die reich werden kann wie Walldorf mit SAP." Zudem zeigte Fischer auf, dass die vergangenen Haushalte von Bad Liebenzell ausgeglichen waren. Man arbeite sich aus der Misere heraus.
Neben den Schulden kam auch immer der Umgangston im Gemeinderat und der Dialog zwischen Bürgern und Rathaus zur Sprache. Eine Möttlingerin beschwerte sich im Kurhaus darüber, vor drei Jahren mit dem Bürgermeister an einem Tisch gesessen zu haben, um neue Konzepte für die Schule zu erarbeiten. Dann habe sie von Fischer aber nie wieder etwas gehört. "Sie waren am Telefon nicht mehr zu kriegen", schimpfte die Bürgerin bei der Kandidatenvorstellung.
Für Chiari sei der Austausch mit den Bürgern "ganz wichtig und essenziell". Ihm schwebt eine, wie er sagt, "Gemeindeverwaltung 2.0" mit einer "deutlich verbesserten" Kommunikation vor. Kommunalpolitisch möchte der Möttlinger künftig die Ortschaftsräte stärker ins Boot holen. Sein Credo: "Offen und transparent im Gemeinderat arbeiten."
Fischer hingegen legte dar, dass in seiner bisherigen Amtszeit schon viele neue Strukturen geschaffen worden seien, die die Kommunikation verbessern. Die Bürgerin, die ihn nicht ans Telefon bekommen habe, beschwichtigte er: "Wenn Sie mich nicht erreichen, dann tut es mir Leid. Vereinbaren Sie beim nächsten Mal am besten einen Termin mit mir."
Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Städtepartnerschaften
Auf die Frage eines Bürgers, wie es um die Städtepartnerschaften mit Villaines la Juhel (Frankreich) und Lourinha (Portugal) weitergehe, betonten beide Bewerber, die Zusammenarbeit fortsetzen zu wollen. Chiari, dessen Eltern in den 1960er-Jahren aus dem norditalienischen Parma eingewandert sind, brachte im Kurhaus sogar die Suche nach einer dritten Partnerstadt ins Spiel – in Norditalien. Denn das liege näher als Portugal und die Normandie und sei besser mit dem Bus erreichbar.
Zum Schluss der öffentlichen Kandidatenvorstellung klärte Moderator Kopp auf, warum eigentlich den ganzen Abend ein Griechenland-Fähnchen vor ihm auf dem Tisch stand. Damit habe der stellvertretende Bürgermeister daran erinnern wollen, dass das Land als Wiege der Demokratie gilt, und rief die Bürger auf, am 17. Oktober von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.
Passend dazu wurde dann der Platz vor dem Kurhaus fast schon zu einer antiken Agora. In kleinen Grüppchen standen die Bürger zusammen und werteten den Abend aus. Dem einen gefiel Fischer besser, dem anderen Chiari, und manch einer kritisierte, dass zu viele Phrasen gedroschen wurden. Unisono wurde aber betont: Schön, dass man sich so hautnah über die Kandidaten informieren konnte.