„Wächters Runde“ ist eine Stadtführung der besonderen Art – Seit 20 Jahren nehmen die Schauspieler ihr Publikum zu den Originalschauplätzen des Geschehens um das Jahr 1500 mit und überzeugen mit ihrer großen Liebe fürs Detail.
Die Sonne ist eben erst untergegangen, da huschen bereits die ersten Gestalten in mittelalterlichen Gewändern durch die Stadt. Rund 80 Gäste haben sich am Riettor versammelt, die einen haben eine leuchtende Laterne in der Hand, andere einen Klappstuhl unter dem Arm – wohlwissend, dass sie ein dreistündiger Marathon durch die Villinger Stadtgeschichte erwartet. Unter ihnen sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Das kleine hölzerne Schild um den Hals verrät: Sie begeben sich mit dem Wächter auf eine Reise ins mittelalterliche Villingen.
Und dabei wurden sie nicht enttäuscht – die Akteure von „Wächters Runde“ sorgten für die perfekte Mischung aus grausamer Realität und humorvollen Szenen, gaben einen authentischen Einblick in das mittelalterliche Villingen und bewiesen eine große Liebe fürs Detail.
Stadtführung an acht Terminen im Jahr
Zum 154. Mal führten die Akteure von „Wächters Runde“ das Schauspiel am Donnerstagabend in der Villinger Innenstadt auf. Seit 20 Jahren ist die Stadtführung fester Bestandteil im Stadtgeschehen und wird jedes Jahr an insgesamt acht Terminen im Frühjahr und Herbst aufgeführt. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf werden an regionale, soziale Projekte gespendet.
Das Wächter-Team erzählt die Geschichte des Händlers Vatz Wöhrlin (Klaus Richter), der um 1500 nach Villingen kommt. Gemeinsam mit dem Scharrwächter Balthasar Schwarzer (Michael Schonhardt) ist er auf der Suche nach einem Quartier und zieht durch die nächtliche Stadt.
In acht Szenen spurtete das Publikum „hurtigen Fußes“ mit den Schauspielern durch die Stadt. So lauschten die Menschen dem Abendgebet des Juden Salomon im Pfarrgarten des Münsters, wo einst das Judenviertel angesiedelt war. Bei Kerzenschein, Gebeten und Gesang wurde eindrucksvoll geschildert, was es für Juden bedeutete, Anfang 1500 in Villingen zu leben. Unterdrückung, Folter und öffentliche Diskriminierung prägten ihr Leben, bis sie schließlich um 1510 vom damaligen Kaiser Maximilian aus Villingen ausgewiesen wurden. Erst um 1900 siedelten sich die Juden wieder in Villingen an.
Zeuge einer schaurigen Hexenverbrennung
An diesem Abend trafen die Gäste auch auf Compostella-Pilger am „Georgstor“ – das heutige Obere Tor – , mussten die Stadt vor einem großen Feuer retten und erfuhren in der Zinsergasse, was im Mittelalter mit der Notdurft der Menschen passiert war. Und Anselm Säger, der in die Rolle der Barbara geschlüpft war, versuchte Vatz Wöhrlin zu überreden, die Nacht bei ihm zu verbringen.
Die Besucher wurden aber auch Zeuge von einer schaurigen Hexenverbrennung und erfuhren, dass auch in Villingen dutzende Menschen der Hexerei bezichtigt wurden – vorwiegend Frauen aus Unterschichten, wie etwa Anna Morgin, die am Münsterplatz wohnte.
Musiker, Chorsänger sowie ein Feuerkünstler und Jongleur machen das Schauspiel perfekt und die Führung zu einem wahren Erlebnis.
Ausklang in der „Schwarzen Mohrin“
Dass es auch nach 150 Aufführungen zu dem ein oder anderen Versprecher kam, tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Gekonnt humorvoll wussten die Akteure zu improvisieren. Die entsprechenden Seitenhiebe an den Nachbarstadtteil durften in diesem Rahmen auch nicht fehlen: „Die Münstertürme wurden dermaßen hoch gebaut, dass sie ihren Schatten auf Schwenningen werfen“, gewann Anselm Säger gleich eingangs das Publikum für sich.
Und wer glaubte, dass die Reise ins Mittelalter am Romäusturm mit einer wahrlich feurigen Show sein Ende fand, der täuschte sich: Alfons Fritzer in der Rolle des Wirts und sein Küchenteam hatten in der „Schwarzen Mohrin“ für die Gäste etwas vorbereitet. Bei einer Stärkung – unter anderem mit eigenem Wächters-Bier – kamen Gäste und Akteure für eine Zugabe zusammen. Der Jongleur warf nochmals Bälle in die Luft, der Chor sang und tanzte, so dass man kaum in die Gegenwart zurückkehren wollte. Und nach des „Wächters Segen“ wurden die Gäste in die dunkle Nacht entlassen – was bleibt, ist eine Geschichte, die noch lange nachwirkt.
Nächste Termine
Tickets
für „Wächters Runde“ gibt es noch für die Spielungen im Herbst. Diese finden jeweils donnerstags und freitags am 17. und 18. Oktober sowie am 24. und 25. Oktober um 19 Uhr statt. Die Karten sind am WIR-VS-Schalter im Franziskanermuseum erhältlich.