Die deutsche Abwehr: Mauer oder Mäuerchen? Foto: imago/Matthias Koch

Kehren Mats Hummels und Jérome Boateng bei der EM im Sommer zur Nationalelf zurück? Überzeugt die aktuelle deutsche Abwehr in den ersten drei Länderspielen des Jahres nicht, ist das wahrscheinlich.

Düsseldorf - Matthias Ginter hat die Nacht des Grauens auch vier Monate später nicht vergessen. Schlimmer als jeder Albtraum war dieses 0:6 von Sevilla gegen Spanien am 17. November, und als der Abwehrmann der DFB-Elf damals irgendwann in der Nacht in seinem Hotelzimmer ankam, war an Schlaf nicht zu denken. „Das war eine unruhige Nacht“, sagt Ginter heute: „Denn diese Niederlage war anders als normale Niederlagen.“ Auch der Linksverteidiger Philipp Max hat kein Auge zugemacht, damals, im andalusischen Hotelbett. „Am liebsten“, sagt er heute, „hätte ich ein paar Stunden später wieder auf dem Platz gestanden, um diesen Auftritt zu korrigieren.“

 

Wie das aber so ist im Leben eines Nationalspielers, steigt die nächste Partie anders als auf Vereinsebene nicht schon ein paar Tage später – da kann es Monate dauern. Jetzt ist es so weit: Das erste Länderspiel des Jahres steht an, an diesem Donnerstag geht es in Duisburg in der WM-Qualifikation gegen Island (20.45 Uhr/RTL) – und es ist wohl nicht übertrieben, zu behaupten, dass Ginter, Max und ihre Abwehrkollegen im Kreise der DFB-Elf im Fokus stehen.

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Denn Gegentore satt hatte es ja schon vor dem 0:6 gegen Spanien gegeben. Im vergangenen Herbst gab es Tage des offenen Tores bei der Nationalelf. 3:3 gegen die Türkei und 3:3 gegen die Schweiz, das waren zwei weitere Ergebnisse. Die Eindrücke der Defensivreihe waren teils verheerend. Weshalb Bundestrainer Joachim Löw mit Blick auf die EM nun den Druck erhöhte – allgemein. Aber speziell auch auf seine Jungs in der Abwehr.

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Allein die Mannschaft entscheide mit ihren Auftritten gegen Island, dann am Sonntag in Rumänien und am Mittwoch darauf gegen Nordmazedonien selbst mit, ob sie bei der EM die aussortierten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels oder Jérôme Boateng doch als Führungskräfte braucht oder nicht, so sagte das Löw.

Großer Druck

Und da Hummels und Boateng bekanntlich Abwehrspieler sind, darf diese Aussage als Drohkulisse interpretiert werden. Ergo: Wenn es hinten nicht klappt in den nächsten drei Partien, ist die Rückkehr von Hummels und Boateng zur EM nicht unwahrscheinlich. Um es vorsichtig auszudrücken.

Ginter und seine Abwehrkollegen also stehen beim Länderspiel-Dreierpack unter Druck, vielleicht ist es für sie so etwas wie die ultimative Reifeprüfung vor der EM. Wie also geht man damit um? Zumindest Ginter hat da ein Rezept: Brust raus! „Es wird wie vor jedem großen Turnier so sein, dass über verschiedene Namen spekuliert wird“, sagte Ginter am Mittwoch unserer Zeitung.

Kleine Kampfansage

Wichtig sei es da, dass man immer bei sich bleibe, ergänzte der Innenverteidiger von Borussia Mönchengladbach: „Und ich bin ja auch jemand, der nicht neu dazugekommen ist, ich bin bei der Nationalelf schon länger dabei.“ Das also war zumindest eine kleine Kampfansage des Weltmeisters von 2014, der weiter Werbung betrieb. In eigener Sache – und für seine aktuellen Kollegen in der Defensive der DFB-Elf.

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„Es gibt viele Abwehrspieler, die jetzt alle in die K.-o.-Phase der Champions League eingezogen sind“, sagte Ginter weiter – und widersprechen konnte man ihm da nicht. Denn er schaffte das mit Gladbach, und die restlichen Verteidiger aus dem aktuellen DFB-Kader zählte Ginter selbst auf.

Robin Gosens (Atalanta Bergamo) sowie die Leipziger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg standen ebenfalls im Achtelfinale – den Sprung ins Viertelfinale schafften Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Emre Can (Borussia Dortmund) und Niklas Süle (FC Bayern). Allein schon das zeige, so sagte das Ginter weiter, wie groß die Konkurrenz in einem Fußballland wie Deutschland immer sei: „Das ist normal.“

Gut genug?

Dass es ihm dabei nicht mal mehr um die Abwehr im Speziellen ging, unterstrich Ginters Selbstverständnis. Denn was er ausdrücken wollte, aber öffentlich so sicher nie sagen würde, geht in diese Richtung: Hey, die Konkurrenz ist wie immer da, aber wir sind auch noch da auf unserer Position – und wir sind gut genug.

Daran freilich gibt es längst große Zweifel, und spätestens nach dem 0:6 von Sevilla gehört auch Trainer Löw zu den Skeptikern. Dabei gibt es in der Innenverteidigung Hoffnung. So scheint sich Niklas Süle nach einer Talsohle wieder stabilisiert zu haben. Antonio Rüdiger wiederum erlebt unter seinem neuen Trainer Thomas Tuchel einen Aufschwung, den er sich vor knapp zwei Monaten wohl selbst kaum vorstellen konnte, als er beim FC Chelsea noch außen vor gewesen war.

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Und Ginter, nun ja, er ist und bleibt ein echter Ginter: meist hochsolide, unspektakulär und verlässlich, so tritt der flexibel einsetzbare Defensivmann auf, der zuletzt in der DFB-Elf als Rechtsverteidiger aushalf – auf jener Position also, für die Bundestrainer Löw am Mittwochmittag einen weiteren Kandidaten ins Spiel brachte.

Der Mann hört auf den Namen Joshua Kimmich, ist beim FC Bayern und der DFB-Elf der Chef im zentralen Mittelfeld und will nicht mehr hinten rechts ran. Vielleicht aber muss er es bald wieder unter Löw. Weil der keinen Besseren hat. Angesprochen auf eine mögliche Rochade Kimmichs, erklärte der Coach vielsagend dies: „Ich denke darüber nach.“