Die beiden Orte Grafenhausen (links) und Kappel sind vor 50 Jahren eine Gemeinde geworden. Foto: Ullrich

Die Doppelgemeinde feiert ein Jubiläum: 50 Jahre ist es am 1. Juli her, dass Kappel-Grafenhausen gegründet wurde. Doch dass die beiden Orte einmal einer werden würden, war zu Beginn alles andere als sicher, schildern Heinz Renter und Bruno Jäger vom historischen Arbeitskreis.

Eigentlich seien Kappel und Grafenhausen schon immer für eine Fusion prädestiniert gewesen, findet Jäger. Das jeweilige Ortssippenbuch belegt, dass die beiden Gemeinden sich schon immer sympathisch fanden. Und: Während die Kappeler seit dem Mittelalter häufiger Streit mit anderen Gemeinden ausfochten, taten sie es gegen Grafenhausen kein einziges Mal. So ganz freiwillig fand sich „das Traumpaar“ aber vor 50 Jahren dann doch nicht zusammen, berichten Jäger und Bürgermeister-Stellvertreter Renter.

 

Grafenhausen und Rust erteilten „Ruppelhausen“ eine Absage: Die Baden-Württembergische Landesregierung hatte den Zusammenschluss bei der Gemeindereform von Kappel und Grafenhausen von Anfang an anvisiert. Nach der Kreisreform von 1967 bis zum Januar 1973 sollte ab 1968 die Gemeindereform folgen. Aus 62 Landkreisen Baden-Württembergs wurden damals 35, aus mehr als 3000 Gemeinden schließlich 1101, schildert Renter. Im Ortenaukreis wurden aus 160 Gemeinden schließlich 51. Jäger spricht bezüglich der Gemeindezusammenführungen von „freiwilligen Zwangsfusionen“: Zwar sollten sich die Gemeinden sich bis zum 1. Juli 1974 freiwillig zusammenschließen, jedoch wurde von Seiten der Regierung gehörig Druck auf sie ausgeübt, dass sie tatsächlich mit anderen fusionierten. Vorgeschlagen hatte die Regierung damals eine Fusion von Kappel, Rust und Grafenhausen zur neuen Gemeinde „Ruppelhausen“ mit Verwaltungssitz Kappel. Ein Szenario, mit dem sich die Kappeler durchaus anfreunden konnte, die Grafenhausener und Ruster jedoch nicht. Bei der vorgeschriebenen Befragung der Bürger – ohne deren Mehrheit nichts ging – fiel dieser Vorschlag krachend durch. Es war nicht der einzige, bei dem es so lief: „Die Pläne Stuttgarts hatten das Volk überfordert, in manchen Gemeinden waren 90 Prozent der Bevölkerung gegen Zusammenschlüsse“, berichtet Jäger über das damals herrschende politische Klima.

Mehrheit der Grafenhausener wollte zu Kippenheim: Grafenhausen fragte daraufhin die Bürger nach ihrem Lieblingsfusionspartner. Das Ergebnis: Kippenheim beziehungsweise Neustein. So sollte der Zusammenschluss zwischen Mahlberg und Kippenheim lauten, der damals im Gespräch war. Doch diese Fusion zerschlug sich: Mahlberg fusionierte mit Orschweier, Kippenheim mit Schmieheim. Grafenhausen stand wieder ohne Verhandlungspartner da.

Heinz Renter (links) und Bruno Jäger vom historischen Arbeitskreis ließen die Zeit um den Zusammenschluss vor 50 Jahren wieder aufleben. Foto: Göpfert

Verhandlungen Kappels in Ettenheim scheiterten: Auch Kappel sah sich nach einem neuen Fusionspartner um. Der damalige Bürgermeister Josef Kößler hatte Ettenheim im Visier. Alles lief gut – bis zu einem gemeinsamen Treffen der Räte und der Bürgermeister. Jäger, der damals als jüngster Kappeler Rat dabei war, schildert, dass sich die Bürgermeister zuerst sehr herzlich begrüßten und sich zu einem Gespräch zurückzogen. Von Seiten der Ettenheimer Räte wurde den Kappelern jedoch ein eher frostiger Empfang bereitet – abgesehen von einem herzlichen, jungen Ettenheimer Rat. „Doch dann änderte sich die Miene des Ettenheimer Bürgermeisters plötzlich von freudig zu steinern und der Kappeler Bürgermeister bekam einen roten Kopf. Es wurde heftig gestikuliert. Irgendetwas lief offensichtlich schief. Dann wandte sich Kößler an uns und sagte: ,Männer wir gehen!‘“, so Jäger. Einer Aufforderung, der die Kappeler Räte nur zu gerne folgten. Zurück in Kappel habe Kößler nur erklärt, er wolle nie mehr etwas von einer Fusion mit Ettenheim hören. „Aber was genau damals passiert ist, habe ich bis heute nicht erfahren“, so Jäger.

Geldsorgen zwangen Kappel und Grafenhausen zur Fusion: In Kappel und Grafenhausen war die Versuchung groß, selbstständig zu bleiben. Doch es scheiterte am Geld: Beide Gemeinden brauchten dringend eine Sporthalle – und beide hatten dafür nicht genug Geld. Bei einem Zusammenschluss gäbe es eine Prämie. Die Landesregierung erklärte zudem, dass die Gemeinden in den nächsten zehn Jahren auf keine Zuschüsse von ihrer Seite zu hoffen bräuchten, wenn sie keinen Fusionspartner fänden. Ein enormer Druck, unter dem man sich dann doch zur Fusion entschloss. 90 Prozent der Kappeler stimmten dafür. In Grafenhausen erreicht mit 51 Prozent Zustimmung der Bürger knapp die erforderliche Mehrheit. Sieben Ja-Stimmen gaben den Ausschlag.

Badische Sturheit besiegt die Landesregierung: Neben vielen anderen Dingen, die zu regeln waren, musste man sich auf einen gemeinsamen Namen einigen. Das geschah Anfang 1974: Kappel-Grafenhausen sollte die gemeinsame Doppelgemeinde fortan heißen. Doch das Land verweigerte seinen Segen dazu: Mit 19 Buchstaben und einem Bindestrich sei das zu lang. Selbst der Landesname Baden-Württemberg habe nur 17 Buchstaben. „Doch da erlebten sie in Stuttgart dann, was badische Sturheit ist“, so Jäger. Kappel und Grafenhausen wollten eher die Fusion platzen lassen, als sich einen anderen Namen geben. Mit Verweis auf das noch vor der Gemeindereform freiwillig fusionierte Villingen-Schwenningen mit 22 Buchstaben und einem Bindestrich stimmte Stuttgart schließlich zähneknirschend zu. Die beiden Gemeinden schlossen sich gerade noch rechtzeitig zum 1. Juli 1974 zusammen. „Es war keine Liebesheirat, sondern eine Zwangsehe“, schilderte Renter. Jedoch mit üppiger Mitgift: Pro Einwohner gab es 75 Deutsche Mark, insgesamt also rund 250 000 Deutsche Mark. Laut dem Fusionsvertrag sollte damit eine gemeinsame Festhalle zwischen Kappel und Grafenhausen gebaut werden. Doch das erlaubten die Behörden nicht, da sich eine solche auf dem Grünstreifen befände. So habe man eben einfach zwei Hallen gleichzeitig gebaut, in jedem Ortsteil eine – wenn auch das Landratsamt vier Jahre gebraucht habe, um sich mit dieser Idee anzufreunden. „Und jetzt sind beide ausgelastet“, so Renter.

Straßen mussten umbenannt werden: Aus heutiger Sicht sei „die Gemeindefusion absolut gelungen, so vollkommen gelungen, wie man es selten antrifft“, bilanziert Jäger. Auch dadurch, dass die beiden Orte ungefähr gleich groß seien, fühle sich keine untergebuttert. Dennoch: Am Anfang sei es schlimm gewesen, das Ortsteil-Denken habe in vollen Zügen geherrscht. „Es ist wie in einer jungen Ehe, man musste sich erst aneinander reiben“, so Jäger als Vergleich. Einer der Punkte war, wer der neue Bürgermeister der Doppelgemeinde werden sollte: Der vorherige Kappeler Bürgermeister Raimund Halter setzte sich bei der Wahl durch. Doppelte Straßennamen wurden ausgelost, schildert Renter. So wurde die Kappeler Kirchstraße zur Rathausstraße und die Eisenbahnstraße in Grafenhausen wurde in Sportplatzstraße umbenannt.

Beide Orte näherten sich langsam an: Einen großen Beitrag zur Verständigung habe sicherlich die Schulreform von 1971 gespielt, sind sich Renter und Jäger einig. Denn die Hauptschüler der beiden Nachbarorte waren durch diese schon vor dem Zusammenschluss in gemeinsamen Klassen unterrichtet worden. Auch wurden gemeinsame Vereine wie der Turnerbund gegründet. Altbürgermeister Jochen Paleit sieht den Zusammenschluss der beiden Feuerwehren mit einem gemeinsamen Gerätehaus ab 2011 als entscheidenden Faktor. Denn als er 2008 kam, hatte er noch ein polarisierte Gemeinde vorgefunden. Doch wie sah es nach seinem Amtsende aus? „Der Abstand zwischen Kappel und Grafenhausen ist nicht minimal geworden, er ist vollkommen weg. Und was mich freut, ist, dass wir den einstigen Reformstau in der – sozialen wie technischen Infrastruktur – der durch Streit und Ortsteildenken und Polarisierung begründet war, aufgelöst haben“, lautete Paleits Bilanz im Februar 2024.

Und ist es für Grafenhausen noch schlimm, dass es kein Verwaltungssitz ist? „Ich glaube, das spielt inzwischen keine Rolle mehr. Es ist den Eltern wichtiger, dass die Kinder gut betreut werden und zur Schule gehen können. Und es ist allen Bürgern wichtiger, dass das Wasser sauber aus dem Wasserhahn kommt, als die Frage, ob der Personalausweis jetzt in Kappel oder Grafenhausen ausgestellt wird“, lautete Paleits Einschätzung vor seinem Weggang.

Weitere Jubiläen

Nicht nur die Doppelgemeinde selbst, feiert mit ihrem Zusammenschluss ein Jubiläum, auch andere Vereine im Ort haben 2024 ein Jubiläumsjahr. „200 Jahre“ Musikkapelle Grafenhausen
wird am Samstag, 6. April, ab 20 Uhr in der Halle Grafenhausen gefeiert

Ein Schauturnen zum 50-jährigen Bestehen veranstaltet der Turnerbund Kappel-Grafenhausen
am Wochenende, 20. und 21. April, in der Halle Grafenhausen.

Ein Jubiläumswochenende veranstaltet die Musikkapelle Grafenhausen
vom 15. bis 17. Juni in Halle Grafenhausen

„50 Jahre“ Volkssportfreunde Grafenhausen
wird am 28. September in der Halle Grafenhausen gefeiert.