Beim Neujahrsempfang wurde kräftig gefeiert: Landesjustizministerin Marion Gentges (Dritte von links) und Bürgermeister Jochen Paleit (Vierter von links) schnitten den Geburtstagskuchen an. Heinz Renter (von links), Johannes Lehmann, Bruno Jäger und Helmut Dold begleiteten das mit Tischfeuerwerk und Anfeuerungsrufen. Foto: Decoux

Der Neujahrsempfang stand ganz im Zeichen der Fusion der beiden Orte vor 50 Jahren. Was 1974 als „Zwangsheirat“ begann, ist nun eine Liebesbeziehung geworden.

„Zum Geburtstag viel Glück“, stimmte Helmut „Hämme“ Dold an, als er beim Neujahrsempfang in der Halle Kappel die Bühne betrat. Während der Moderator und Komiker begeistert sang, ging das Publikum eher zögerlich mit. Doch nach einem Geburtstagsgedicht Hämmes zur Fusion vor 50 Jahren von Kappel und Grafenhausen begann das Eis zu brechen und die Gäste verfolgten den Abend ausgelassen und mit vielen Lachern.

 

Lange Gästeliste: Als Bürgermeister Jochen Paleit die zahlreichen Ehrengäste mit persönlichen Worten begrüßte, schwang durchaus Wehmut im Hinblick auf seine endende Amtszeit mit. Zu Gast waren zahlreiche Rathauschefs der Nachbargemeinden, auch Rhinaus Bürgermeisterin Marianne Horny-Gonier, Kappel-Grafenhausens Ehrenbürger Hilmar Singler, AfD-Bundestagsabgeordneter Thomas Seitz sowie zahlreiche Vertreter des gesellschaftlichen Lebens in Kappel-Grafenhausen wie Polizei, Kita-Leiterinnen, Vereinsvertreter, Bauunternehmer und nicht zu vergessen: die Feuerwehr, die in großer Anzahl in Uniform Präsenz zeigte. Wer an diesem Abend fehlte, war Bürgermeister-Stellvertreterin Rebecca Wild, die ihr Amt als Gemeinderätin in der Sitzung vom 22. Januar niederlegen wird.

Ausflug in die Ortsgeschichte: Nachdem „Hämme“ betont hatte, dass Paleit ein guter Redner und „a rechter Kerle“ sei, folgte die Neujahrsrede des Bürgermeisters. Anlässlich des Gemeindejubiläums blickte er auf die Anfänge der beiden Orte Kappel und Grafenhausen zurück. In Bezug auf Kappel ist anhand des gefundenen Keltengrabs bekannt, dass es 600 vor Christus ein Herrschaftssitz der Kelten war. Im 6./7. Jahrhundert nach Christus soll der Glaubensbote Fridolin in Kappel eine christliche Gemeinde angetroffen haben. So leitet sich der Name „Kappel“ von „capella“ ab. Grafenhausen hingegen leitet seinen Namen von „Grabenhusen“ ab. Denn um dem vielen Wasser dort Herr zu werden, war der Ort einst von Gräben durchzogen gewesen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Grafenhausen 1111. Gemocht hatten sich die beiden Orte wohl schon immer. So wussten die Ortssippenbücher nur Gutes über den jeweiligen Nachbarn zu berichten. Ebenfalls kurios: Beide Orte hatten am selben Tag – 22. Februar 1845 – mit dem Neubau eines Rathauses begonnen. „Ein Paartherapeut würde jetzt sagen, dass es Im Geheimen schon immer den Wunsch nach einem Ort mit einem Rathaus gegeben hat“, scherzte Paleit.

Paleits Wunsch nach Frieden: „Kriege hat es am Oberrhein immer viel zu viele gegeben und sie haben beide Orte stets schwer getroffen“, betonte Paleit . „Für uns am Rhein ist die europäische Einigung wichtig, damit so etwas nie mehr passiert“, betonte er. So wünschte er der Doppelgemeinde zum 50., dass der Gemeinderat und sein Bürgermeister-Nachfolger Philipp Klotz weiter „ein gutes Händchen“ haben mögen und dass „wir weiterhin mit unseren Nachbarn in Rhinau und anderswo in Frieden leben mögen!“

Das Badner Lied spielten die Musikkapelle Kappel und die Musikkapelle Grafenhausen gemeinsam. Foto: Decoux

Land als Heiratsvermittler: Landesjustizministerin Marion Gentges war die Nächste, die der Gemeinde Glückwünsche zur „Goldenen Hochzeit“ überbrachte – ihre persönlichen und die des „damaligen Heiratsvermittlers“, der Regierung Baden-Württemberg. Diese wollten in den 1970ern gleichwertige Lebensverhältnisse und deshalb die 3800 Gemeinden Baden-Württembergs reduzieren. Als Mitgift hatte es für die Gemeinden 75 DM pro Einwohner gegeben. Die Zielzahl waren 1080 Gemeinden gewesen, erreicht wurden 1101 Städte und Gemeinden. Was Gentges wichtig war, zu betonen: „Kappel-Grafenhausen ist mehr als die Summe der beiden Teilorte.“ Dank des großen Engagements der Menschen dort – die mehr tun als sie müssten – und des reichen Vereinslebens sei Kappel-Grafenhausen in besonderer Weise zusammengewachsen. „Sie machen diesen Ort aus!“, erklärte sie dem Publikum. „Möge Kappel-Grafenhausen blühen, wachsen und gedeihen – ad multos annos!“

Keine Liebesheirat: Wie war es aber zum Zusammenschluss der beiden Gemeinden gekommen? Darüber berichteten Bruno Jäger und Bürgermeister-Stellvertreter Heinz Renter vom Historischen Arbeitskreis. „Die Bürger waren überfordert: Zuerst kam die Kreisreform und dann die Gemeindereform“, erinnerte sich Jäger, der damals Kappeler Gemeinderat war. Dass aus Kappel und Grafenhausen einmal ein Ort werden würde, sei keineswegs sicher gewesen. Die Regierung aus Stuttgart hatte sich einen Ort mit dem Namen „Ruppelhausen“ gewünscht – bestehend aus Rust, Grafenhausen und Kappel als Verwaltungssitz. Das wollten jedoch Rust und Grafenhausen nicht. Kappel hatte sich nach Ettenheim orientiert, doch der Zusammenschluss kam nie zustande. Grafenhausen wollte zu Neustein – wie der Zusammenschluss zwischen Kippenheim, Orschweier und Mahlberg heißen sollte – doch auch dieser kam nie zustande. Unter dem Druck Stuttgarts, das drohte, den bindungsunwilligen Gemeinden für die nächsten zehn Jahre sämtliche Landeszuschüsse zu streichen, und mit Blick auf den notwendigen Bau von Hallen, entschlossen sich die beiden Orte doch noch zum Zusammenschluss am 1. Juli 1974 (wir berichten darüber noch ausführlich). Natürlich sei die Zusammenarbeit am Anfang schwierig gewesen. „Es ist wie in einer jungen Ehe, wo man sich aneinander reiben muss“, so Jäger. Doch in seinen Augen sei zusammengekommen, was zusammengehört. „Seit dem Mittelalter haben sich Kappel und Grafenhausen nicht gestritten“, erklärte Jäger – und erntete dafür Spontanapplaus.

Die Teilnehmer des Neujahrsempfang hatten viel Freude an den einzelnen Beiträgen. Foto: Decoux

Gemeinsam viel erreicht: Heinz Renter erläuterte, wie es nach dem Zusammenschluss weiterging. „Es war keine Liebeshochzeit, eher eine Zwangsehe gewesen“, machet er deutlich. Der erste gemeinsame Bürgermeister war Raimund Halter, der frühere Kappeler Rathauschef. Wichtig war für die beiden Gemeinden der Bau einer Sporthalle, den man mit der Zusammenschlussprämie von 250 000 DM ermöglichen wollte. Doch in der Mitte der beiden Ortschaften ging das nicht und zwei Hallen wollte das Landratsamt 1975 zunächst nicht erlauben – bis es dann doch 1979 nachgab, so dass der Hallenbau in beiden Gemeinden zeitgleich starten konnte. 1979 wurde Taubergießen zum Naturschutzgebiet erklärt. Sorgfältig gab Renter über die weitere Entwicklung der Doppelgemeinde Auskunft, listete Wahlen, Baugebiete, die Entstehung von Kindertagesstätten und Radwegen sowie Gemeindejubiläen auf – und natürlich den Bau des gemeinsamen Feuerwehrgerätehauses 2010 bis 2011, mit dem der Zusammenschluss der beiden Feuerwehren einherging. Dazu kamen etwa 2021 der Bau der Pflegeeinrichtung Haus Taubergießen, die Entwicklung der Gemeinschaftsschule, die Wilden Weiden und der Neubau des Edeka. Insgesamt ist die Einwohnerzahl Kappel-Grafenhausens seit 1974 von 3583 auf 5336 gestiegen. Was jedoch interessant ist: Die Zahl der Unter-15-Jährigen war in dieser Zeit von 1116 auf 761 gesunken, die der Einwohner über 65 Jahren hatte sich jedoch von 421 auf 966 erhöht.

Kommunalpolitisches Engagement gefragt: Bürgermeister-Stellvertreter Johannes Lehmann wies im Gespräch mit „Hämme“ auf das Erreichte 2023 hin: So seien etwa im Rathaus sechs neue Mitarbeiter eingestellt worden. Im Februar sollen in der Waldstraße die Kanalarbeiten starten, der Glasfaserausbau gehe voran, erste Grundstücke im Gewerbegebiet Rhinova seien verkauft worden, es gebe einheitliche Kita-Anmeldemappen und da sei da ja noch die Bürgermeisterwahl gewesen. Auch für die Kommunalwahl machte Lehmann kräftig Werbung – und dafür als Kandidat mitzumachen. „Als Gemeinderat ist man mittendrin statt nur dabei, jede Entscheidung betrifft das eigene Lebensumfeld. Das ist pure Basisdemokratie.“

Feier mit Geburtstagskuchen und Tischfeuerwerk: Zum Schluss bewiesen die Kappel-Grafenhausener, dass sie durchaus zu feiern wissen: Marion Gentges und Jochen Paleit schnitten den Geburtstagskuchen an, während die übrigen Mitwirkenden des Abends mit Tischfeuerwerk für Stimmung sorgten. Die Musikvereine Kappel und Grafenhausen und die zuvor unter dem Dirigat von Angela Pace und Steffen Jäger einzeln den Neujahrsempfang mit bereichert hatten, spielten nun gemeinsam das Badnerlied, bei dem alle Anwesenden leidenschaftlich mitsangen. Weiter gehen die Feierlichkeiten zum Gemeindejubiläum mit dem Jubiläumskonzert am 6. Mai. Auch ein Jubiläumswochenende im Juni ist noch geplant.

Schweigeminute

Paleit bat um Gedenken an „einen, der die Gemeinde in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich begleitet hat“: Für den verstorbenen Ehrenbürger Walter Batt, der mit seiner wertschätzenden Art und seinem großen Engagement wesentlich zum Gelingen des Zusammenschlusses von Kappel-Grafenhausen beigetragen hatte, erhoben sich die Besucher zu einer Schweigeminute.