Was tun, wenn der Weihnachtsfrust einfach nicht der Weihnachtslust weichen will? Der Autor unserer Glosse geht aufs Ganze – und verordnet sich selbst knallhartes Weihnachts-Training. Und zur Not gibt es ja auch noch Loriot!
Alle Jahre wieder stelle ich mir in diesen Tagen die Frage, ob mit mir eigentlich noch alles stimmt. Ich meine, wie kann es denn sein, dass sich kurz vor dem zweiten Advent bei mir noch immer keine weihnachtliche Stimmung einstellt?
Dabei geben sich alle so viel Mühe. In Calw zum Beispiel, da war der Weihnachtsmarkt so schön, dass ihn meine Kollegen doch glatt mit einer „Eins mit Stern“ benoteten. Da müsste es mir doch eigentlich ganz warm ums Herz werden. Und dann noch die prächtigen Weihnachtsmärkte in Altensteig und in Wildberg! Und nicht zu vergessen das emsige Treiben beim Schülerweihnachtsmarkt in Nagold. Warum nur lässt mich all dieses rührselige vorweihnachtliche Treiben so erschreckend kalt?
Nun, vielleicht ist da ja so ein ganz klitzekleiner zarter Hauch von etwas vorweihnachtlicher Übersättigung? Nein, glauben Sie nicht?
Professionalität als Schutzschirm
Dann muss es an meiner professionellen Distanziertheit liegen, die eben der Job des Redakteurs mit sich bringt. Da legt sich in diesen Tagen ganz automatisch eine Weihnachts-Stimmungs-Schutzschicht um mich. Da kann ich gar nichts dagegen tun. Alles Selbstschutz! Stellen Sie sich mal vor, wenn ich von jedem weihnachtlichen Lichterglanz, der mir unter die Redakteurs-Augen kommt, auch noch vor lauter Emotionalität ganz feuchte Augen bekomme – dann käme ich ja aus dem Heulen gar nicht mehr raus.
Meine Professionalität ist also mein Schutzschirm. Ach klingt das gut! Wobei das nur bei der Weihnachtsstimmung zu klappen scheint – bei Weihnachtsplätzchen ist bei mir von professioneller Distanziertheit nicht mehr viel zu spüren.
Nagold gibt in diesem Jahr Vollgas
Nagold scheint sich in diesem Jahr übrigens fest vorgenommen zu haben, meinen Weihnachts-Schutzschirm durchbrechen zu wollen. Die geben echt Vollgas. Der mittlerweile ausgetauschte große Christbaum wird mit Lichternacht und Anschaltzeremonie gefeiert, das ehrwürdige Rathaus ist allabendlich mit zuckersüßen lieblichen 3D-Animationen illuminiert – Glockensound und Streichermusik inklusive. Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich auch goldene Lichtlein sitzen – der beleuchtete Weihnachtsbaumswing lässt grüßen.
Und dann ist da ja noch die Eisbahn, unser Winter-Highlight – täglich geöffnet, hübsch beleuchtet, mit viel Musik und Weihnachtsdorf. All das kann man in Nagold erleben. Und genau all das hat seine Wirkung bei mir bis jetzt komplett verfehlt! Sorry, liebe Stadtmarketing-Strategen. Ist leider so!
Beste Trainingsvoraussetzungen
Das kann und darf so nicht weitergehen. Ab jetzt verordne ich mir selbst strengste weihnachtliche Stimmung! Nur gut, dass jetzt in Nagold Weihnachtsmarkt ist. Das sind beste Trainingsvoraussetzungen. Mal sehen, ob’s dann endlich was wird mit der Weihnachtsstimmung. Zur Not muss ich eben auch mal zu Dopingmitteln greifen: Glühwein! Geschmacklich kann ich alkoholischen Heißgetränken zwar so gar nichts abgewinnen. Doch tapfer bleibe ich dran. Versprochen! Eisern ziehe ich das Weihnachtstraining durch! Und trinke mich Glas für Glas in Weihnachtsstimmung.
Ob das funktioniert? Das kann ich natürlich erst nach dem ersten Weihnachtsmarkt-Zirkeltraining verraten. Und das auch nur, wenn ich mich dann überhaupt noch an irgendetwas erinnern kann.
Ansonsten hilft nur noch Loriot. Deutschlands größter Weihnachts- und Humor-Philosoph hat schließlich blitzgescheit erkannt: „Früher war mehr Lametta.“ Ich gebe zu, das klingt jetzt auch nicht wirklich überzeugend – aber gut, was tut man nicht alles für die rechte Weihnachtsstimmung. Also wie wäre es, treffen wir uns doch heute Abend kurzerhand am Glühweinstand unseres Vertrauens. Und dann bestellen wir ganz keck: „Ein Glühwein bitte – aber mit ganz viel Lametta!“