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Villingen-Schwenningen Kuscht das Bürgeramt vor einem Clan?

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Der "Moon Lounge" und "Leo's Bar" wird ein illegaler Discobetrieb vorgeworfen. Eine einflussreiche türkische Unternehmerfamilie sorgt offenbar dafür, dass das Bürgeramt nicht gegen das Treiben vorgeht. Foto: Marc Eich

Villingen-Schwenningen - Seit Jahren fallen zwei Lokalitäten in der Färberstraße immer wieder aufgrund von Lärm und Schlägereien auf. Doch die Stadt geht gegen die offenkundig illegalen Discobetriebe nicht mit aller Härte vor - denn im Hintergrund sitzt offenbar eine einflussreiche Familie, die auch vor Bedrohungen nicht zurückschrecken soll. Warum die Bars offenbar illegal betrieben werden, wie der Bürgeramtsleiter den Clan in Schutz nimmt und wie Eigentümer massiv angegangen werden, lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Färberstraße, Samstagabend zur fortschreitenden Stunde: In der "Moon Lounge" und in "Leo’s Bar" ist mittlerweile Partystimmung angesagt. Nachdem bis zur Schließung der Terrasse noch genüsslich an den Shishas gezogen wurde, verlagert sich das Geschehen nun nach drinnen. Dort dröhnen die lärmenden Bässe des Disc-Jockeys, die auch auf der Straße deutlich wahrgenommen werden. Gleichzeitig dringen zuckende Lichter nach außen, signalisieren dem jungen Partyvolk: Hier drin wird gefeiert. Hier drin wird getanzt.

Eine klassische Kneipe? Das werden zumindest in der Nacht wohl die wenigsten vermuten, die vor den beiden Lokalen in der beliebten Kneipenmeile stehen. Denn das, was dort an Wochenenden abläuft, erinnert eher an einen Club und eine Disco. Doch: Die beiden Lokalitäten laufen als normale Schank- und Speisewirtschaften, andernfalls drohten deutlich höhere Auflagen. Legt man jedoch ein Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts dieser Einschätzung zugrunde, liegt der Verdacht nahe, dass sie in dieser Art illegal betrieben werden.

Verschiedene Merkmale einer Disco

Das Stuttgarter Verwaltungsgericht hatte 2008 einem als Schankwirtschaft betriebenen Lokal den Riegel vorgeschoben. Zur Begründung hieß es damals, dass die Merkmale einer Disco erfüllt seien: eine groß dimensionierte Musikanlage, an die eine Lichtorgel gekoppelt ist, mit entsprechend lauter Musikbeschallung, Auftritte eines Disc-Jockeys, eine "Ausstattung mit Lampen, Tischen und Stühlen, die einer den normalen Essgewohnheiten entsprechenden Nahrungsaufnahme entgegenstehen" sowie vorwiegend Jugendliche oder junge Erwachsene als Besucher.

Bei der Urteilsfindung habe auch die erhebliche Lärmbelästigung und Beschwerden durch Anwohner eine gewichtige Rolle gespielt, wonach es einen "kaum trennbaren Zusammenhang zwischen lauter Musikbeschallung, vermehrtem Alkoholgenuss und den daraus resultierenden Folgen für die Anlieger, was Lärm und Verschmutzung betrifft" geben würde.

Zustände sind für Bewohner nicht zu ertragen

Die Parallelen zu den beiden Lokalitäten in der Färberstraße sind frappierend - nicht nur, was die Club- oder Disco-Ausstattung betrifft. Denn Anwohner berichten schon seit Jahren von massiven Lärmbelästigungen. Eigentümer Thomas D. (Name von der Redaktion geändert), dem Wohnungen in dem betroffenen Gebäudekomplex gehören, macht im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten deutlich: Die dortigen Zustände sind für Bewohner nicht zu ertragen.

Demnach würden die Mieter regelmäßig kündigen, weil an ein normales Leben in den Wohnungen darüber nicht zu denken sei. "Manche Mieter mussten am Wochenende ausziehen", erzählt D.. Zahlreiche Eigentümer hätten zudem ihre dortige Wohnung wieder verkauft. Dass es sich um einen illegalen Discobetrieb handle, ist für ihn offensichtlich. Trotzdem schreite niemand nachhaltig ein. Und das, obwohl nicht nur er und seine früheren Mieter, sondern auch weitere Betroffene sich regelmäßig mit Beschwerden an das zuständige Bürgeramt der Stadt wenden. Mittlerweile steht seine Wohnung leer. "Die ist kaum zu vermieten", sagt er gefrustet.

Das Treiben in den Lokalen bleibt davon jedoch unbeeindruckt. Informationen unserer Zeitung zufolge soll der Betreiber der "Moon Lounge", Ahmet M., zwar die entsprechende Konzession für den Betrieb der Bar verloren haben – zwei in der Art von Strohmännern eingesetzte Bekannte allerdings führen nach Recherchen unserer Zeitung das Lokal im gleichen Stile weiter.

Und nicht nur das: Ein behördlich angebrachter Limiter, der die Dezibelobergrenze für die Musikanlage regeln soll, ist wohl wirkungslos. So berichtet Thomas D., dass dieser zu später Stunde einfach mit einer zweiten Musikanlage umgangen werde – "und dann ist es wieder genau so laut wie zuvor", sagt der Eigentümer.

Lokalbetreiber agieren völlig schamlos

Überhaupt zeigen sich die Betreiber der Lokale trotz der Vergehen, die man ihnen vorwirft, unbekümmert: Woche für Woche kündigen sie Clubveranstaltungen mit DJ an, stellen Videos vom tanzenden Partyvolk als Appetizer ins Internet, und in den sozialen Netzwerken grinsen die Mitarbeiter trotz allgemein bestehender Maskenpflicht ohne Mund- und Nasenbedeckung schamlos in die Kameras.

Unsere Redaktion konfrontierte die Stadt mit den massiven Vorwürfen. Dort bestätigt Pressesprecherin Oxana Brunner, dass die Grundsatzproblematik mit Kneipen und Clubs in VS schon länger Thema sei – es gebe mehrere betroffene Lokalitäten. Die derzeit herrschende Corona-Verordnung würde der Stadtverwaltung helfen, hierbei einzugreifen, man hätte "erst jetzt eine rechtliche Möglichkeit". Brunner beteuert: "Wir werden strenger vorgehen."

Hinsichtlich der Beweisbarkeit gestalte es sich jedoch nicht immer einfach, ein veröffentlichtes Video reiche nicht – der Kommunale Ordnungsdienst müsse die Vergehen vor Ort feststellen. "Das ist ein Personalproblem – wir würden gerne mehr kontrollieren, bräuchten dazu jedoch Personal, dieses haben wir aber nicht", macht die Pressesprecherin deutlich. Zudem sei die Lärmproblematik, so erklärt Brunner, "bekannt".

Bürgeramtsleiter soll nicht die Wahrheit gesagt haben

Dieses Statement steht jedoch im krassen Gegensatz zu den Äußerungen, die Bürgeramtsmitarbeiter und ebenso deren Leiter Ralf Glück gegenüber Anwohnern und Eigentümern immer wieder gebetsmühlenartig getätigt haben sollen. Denn von Amts wegen erfahren die Betroffenen, dass es mit den Lokalen gar keine Probleme gebe und man deshalb auch gegen nichts vorgehen könne. Auch aktuell gebe das Bürgeramt bei telefonischer Rückfrage in dieser Weise Auskunft, wie unserer Redaktion mehrfach bestätigt wurde.

Bei einem runden Tisch mit den betroffenen Eigentümern, Anwohnern und Barbetreibern erklärte Glück vor einiger Zeit im Hinblick auf die massive Lärmbelästigung und die vielen Probleme: "Ich kann nichts machen, weil wir nicht angerufen werden!"

Dieser Darstellung jedoch stehen Recherchen des Schwarzwälder Boten entgegen: Neben den Beschwerden seitens der Anwohner dürften Glück auch die vielsagenden Protokolle des zuständigen Polizeireviers vorliegen.

Wie Polizeisprecher Herbert Storz auf Anfrage unserer Zeitung erklärte, seien alleine im Juni zwei Beschwerden über Lärmbelästigungen in der "Moon Lounge" von den Beamten protokolliert worden. Storz: "Aus den Vorkommnis-Berichten des Polizeireviers Villingen ist ersichtlich, dass der Kommunale Ordnungsdienst der Stadt Villingen-Schwenningen jeweils über die Sachverhalte in Kenntnis gesetzt wurde." So würde die Polizei das zuständige Amt über entsprechende Vorkommnisse immer informieren.

Polizei rückt regelmäßig zu den beiden Clubs aus

Und damit noch nicht genug. Der Polizeisprecher erklärt, dass die Polizei in den vergangenen zwölf Monaten, von denen die Lokale aufgrund Corona zwischenzeitlich gar nicht geöffnet hatten, 18 Mal zu "Leo’s Bar" und der "Moon Lounge" ausrücken mussten. Die Gründe: betrunkene Personen, Schlägereien, Sachbeschädigungen, Bedrohungen, Streitigkeiten und gefährliche Körperverletzungen. Storz geht davon aus, dass diese Einsätze "ebenfalls mit Lärmemissionen aus beiden Gaststätten verbunden waren".

Doch wie kommt es, dass das Bürgeramt und deren Leiter die massiven Probleme und den offensichtlich illegalen Discobetrieb dulden? An dieser Stelle kommt die einflussreiche türkische Unternehmerfamilie B. aus VS ins Spiel, die Eigentümer in dem Gebäudekomplex ist und welcher auch "Leo’s Bar" gehört. Denn ihr wird nachgesagt, dass sie ihre Macht ausspielt – und die Fühler sogar bis in die Amtsstuben ausstreckt.

Clan streckt Fühler bis in die Amtsstuben aus

Immer wieder werden an unsere Redaktion Hinweise herangetragen, dass die Stadt und insbesondere das Bürgeramt bei Familie B. "beide Augen zudrückt". Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Fakt ist: Die Familie hatte selbst bei besagtem runden Tisch zur Färberstraße trotz eklatanter Vorkommnisse vonseiten der Stadt nichts zu befürchten gehabt. Ein Mitglied habe damals mit einem Rechtsanwalt an den Gespräch teilgenommen – sei hierbei aber von Glück hinsichtlich der Beschwerden in Schutz genommen worden.

Das Mitglied indes habe, so berichten Beobachter unserer Zeitung, die Reaktion des Bürgeramtsleiters mit einem wohlwollenden Nicken quittiert – und zwar zum Entsetzen der anwesenden Eigentümer. "Es ist offensichtlich, dass man sich nicht an die ran traut", wird dem Schwarzwälder Boten berichtet.

Da passt es ins Bild, dass es zwischen den türkischen Unternehmern und dem Eigentümer der "Moon Lounge", Ahmet M., ebenfalls eine familiäre Verbindung gibt. Daraus macht der 36-Jährige keinen Hehl – sondern nutzt ganz gezielt deren Einfluss. Gegenüber Gastronomen prahlte er damit, dass er diesem Clan angehöre. Und: "Uns gehört der ganze Schwarzwald".

Eigentümer berichtet von Schlägen und Drohungen

Um jene Vormachtstellung zu sichern, scheint offenbar jedes Mittel Recht. Nach Streitigkeiten mit Eigentümer Thomas D. habe M. diesen im Mai körperlich attackiert, zuvor seien an einem im Hof abgestellten Wagen von D. die Reifen zerstochen, Scheiben zertrümmert und Spiegel abgeschlagen worden. Darüber hinaus fühlt sich der Eigentümer massiven Bedrohungen ausgesetzt. Vor zwei Jahren seien ihm Schläge von besagtem Clan angedroht worden, sollte er seine Wohnungen nicht verkaufen. Weitere Drohungen seien im vergangenen Sommer gefolgt.

Doch verkaufen möchte Thomas D. nicht. Er habe in den vergangenen Jahren zwar nur Ärger gehabt – betont aber, dass angesichts dieser Zustände am "Hotspot" der Straße gegengesteuert werden müsse. Das sehen auch weitere Mitstreiter aus dem Nachbargebäude so. Sie hoffen, dass D. den Bedrohungen und dem Druck weiter standhält. "Wenn er fällt, fällt das Haus", sagt ein Eigentümer aus dem Nebenhaus nachdenklich und ergänzt nach einer kurzen Pause: "Und irgendwann vielleicht die ganze Straße."

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