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Porträt / Ullrich Hahn setzt sich als Rechtsanwalt für Geflüchtete ein / Mer als 40 Jahre in Gremien der badischen Landeskirche

"Ich bin gegen Strafe, aber dafür, dass Unrecht wieder gut gemacht wird." Ullrich Hahn weigerte sich als einer der ­ersten, den Anwaltseid auf die Staatsgewalt abzulegen und erstritt sich seine Zulassung 1978 vor dem Bundesverfassungsgericht. Jetzt hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel "Vom ­Lassen der Gewalt".

VS-Villingen. Gewaltfreies Handeln zieht sich durch die vergangenen fünf Jahrzehnte seines Lebens wie ein roter Faden. In Oldenburg als viertes Kind von aus ­Schlesien vertriebenen Eltern geboren, kam er 1952 nach Villingen, "wegen der guten Luft", wie er sagt.

Nach dem Abitur 1968 am Romäusring-Gymnasium meldete er sich freiwillig zum Bundesgrenzschutz. Dort wurde ihm – nach der erst­maligen Lektüre des Neuen Testamentes – sein weiterer Lebensweg klar. "Was darin stand, klang für mich sehr vernünftig, nicht nur aus religiöser, sondern vor allem aus ethischer Sicht." Er kündigte und verweigerte den Kriegsdienst, wollte eigentlich einen Sozialberuf ergreifen, ließ sich von einem Pfarrer dann aber zum Studium der Rechtswissenschaft überreden.

Danach in den Staatsdienst zu treten, verbat ihm seine inzwischen erlangte Überzeugung, mit seiner Arbeit die Staatsgewalt nicht zu legitimieren. "Ich bin gegen Strafe als Reaktion auf Unrecht", sagt er. Reagiert werden müsse trotzdem und der Delinquent sich verantworten. Schadensersatz, gegebenenfalls Führerscheinentzug oder Berufsverbot sind für Ullrich Hahn aber sachdienlichere Alternativen als "Wegsperren".

Anwaltseid auf Staatsgewalt verweigert

Selbst den Anwaltseid auf die Staatsgewalt verweigerte der junge Ullrich Hahn mit der Begründung, dass er seinem Glauben und Gewissen als evangelischer Christ eher folgen würde als staatlichen Gesetzen. Das war damals einmalig – und entsprechend groß die Aufregung. Ullrich Hahn blieb eisern, bekam die Zulassung schließlich trotzdem und war damit Vorreiter für etliche nachfolgende Berufskollegen.

Als Rechtsanwalt ließ er sich 1978 in Villingen nieder. Seine ersten Mandanten waren Kriegsdienstverweigerer. Ab 1980 vertrat er auch Flüchtlinge, und sein Schwerpunkt wurde das Migrations- und Asylrecht. Ende der 1980er-Jahre erhielt er vom Deutschen Roten Kreuz einen Beratervertrag zur Fortbildung und Beratung der in diesem Bereich tätigen Sozialarbeiter. Bis heute kommen hauptsächlich Flüchtlinge in seine Kanzlei, die er auch ­kostenlos berät.

Reich zu werden, das sei nie sein Ziel gewesen, sagt Ullrich Hahn. Er geht sogar so weit, dass er seine Rücklagen schon immer zinslos anlegt, weil er nicht will "dass andere für mich arbeiten". Seine Familie konnte er immer ernähren, sagt der vierfache Familien- und sechsfache Großvater rückblickend.

Im Rahmen seiner Kriegsdienstverweigerung, die seinerzeit noch ein bewusstes "Nein" voraussetzte, stieß der junge Ullrich Hahn auf den Internationalen Versöhnungsbund, von Theologen am Vorabend des Ersten Weltkrieges gegründet mit dem eigentlichen Ziel, den drohenden Krieg zu verhindern. Die weltweit agierende Vereinigung mit Martin Luther King und weiteren Friedensnobelpreisträgern als berühmte Mitglieder, sucht Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Ullrich Hahn war von 1996 bis 2010 Vorsitzender des Versöhnungsbundes Deutschland und ist seither dessen Präsident. Er war zudem Mitbegründer des Sozialkaufhauses "Jumbo" und des Lebenshauses in Trossingen, bekannter als "Nudelhaus". Er saß im Ausländerbeirat der Stadt und im Stiftungsrat der "Neuen Hoffnung" in Schwenningen, die Unterkünfte für Flüchtlinge bietet.

Mehr als 40 Jahre lang wirkte er in verschiedenen Gremien der badischen Landeskirche, wurde 1971 als damals jüngster Kirchenältester in den Pfarrgemeinderat der Markus- später der Johannesgemeinde gewählt. Bis vor fünf Jahren war er 24 Jahre lang zudem Vorsitzender der Bezirkssynode. "Mit 65 habe ich alle Ehrenämter niedergelegt", sagt der 70-Jährige.

Nach dem Eintritt seines Sohnes Oskar in die Gemeinschaftskanzlei wollte er sich eigentlich "schrittweise zurückziehen", doch die Vielzahl der Geflüchteten, die es plötzlich zu betreuen galt, verhindert das noch eine Weile. "Gerade beginnen die Gerichte damit, unsere Klagen von 2017 zu bearbeiten". 2021 noch, so hofft Hahn, dann könne er sich in den Ruhestand zurückziehen, hat mehr Zeit zum Lesen und Joggen.

Umweltbewusstsein liegt Ullrich Hahn am Herzen

Die in der Bibel gepredigte "Wahrung der Schöpfung" hat Ullrich Hahn schon vor vielen Jahren zu einem Menschen mit Umweltbewusstsein gemacht. Er hat keinen Führerschein und in seiner Studentenzeit einen Lebensstil gewählt, bei dem er mit wenigen Dingen auskommt.

Zu seinem runden Geburtstag im März machten ihm seine Familie und Freunde ein ganz besonderes Geschenk. Sie hatten die Skripte seiner Vorträge der vergangenen 20 Jahren zu Themen des Friedens, der Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gesammelt und zu einem Buch zusammengefügt. "Vom Lassen der Gewalt", eine Ermutigung zum gewaltfreien Leben, ist gerade erschienen.