Vor den Vorwürfen: Till Lindemann (Mitte) mit seiner Band Rammstein bei einem der Konzerte in Stuttgart im Vorjahr. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zu leicht bekleidet, naiv, auf der Suche nach Ruhm: Frauen, die Rammstein-Frontmann Till Lindemann sexuelle Übergriffe vorwerfen, werden zum Teil selbst dafür verantwortlich gemacht. Dahinter steckt das gefährliche Phänomen Victim Blaming.

Wer sich rund um die Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann in den Kommentarspalten der sozialen Medien rumtreibt, liest solche Sätze: „Die Rammstein-Songtexte waren also nicht Hinweis genug, dass da jemand einen an der Waffel hat? Und was erwartet man sich von Band-Afterparties, wenn man sich auf diese einlässt? Philosophische Unterhaltungen? Gruppen-Blitzschach?“ Und: Was wolle man denn erwarten, wenn man da als Groupie leicht bekleidet hingehe?

 

Ein Rammstein-Fan zeigt sich in einem Interview mit Focus Online betroffen über den etwaigen Missbrauch, und sagt dann: „Als Frau heutzutage sollte man doch alleine vielleicht nicht auf Partys gehen.“ Auf den Erfahrungsbericht der Youtuberin Kayla Shyx vom Rammstein-Backstage-Bereich reagiert jemand auf Twitter: „Aufmerksamkeitsgeil hoch 100 und die #Rammstein Sache war ihre perfekte Chance.“

Wer den Opfern die Schuld gibt, hat oft selbst Angst

Die Botschaft also: Die Betroffenen waren selbst schuld. Was immer auch Frauen mit Rammstein-Frontmann Till Lindemann widerfahren sein mag – es geht etwa um Aufforderungen zu Sex, den Einsatz von K.o.-Tropfen und Machtmissbrauch – die Frauen waren wohl zu naiv, zu leicht bekleidet oder wollten ein bisschen Ruhm.

Es geht an dieser Stelle nicht um die Schuldfrage, die wird juristisch erst zu klären sein. Es geht um ein Muster, das häufig zu beobachten ist, wenn es um Vorwürfe sexuellen Missbrauchs geht: Die Schuld und damit die Verantwortung für die Tat wird von den Tätern und Täterinnen auf die Opfer abgewälzt, heißt es etwa bei der Beratungsstelle Hate-Aid. Expertinnen und Experten nennen das Victim Blaming (Opfer-Beschuldigung) oder Täter-Opfer-Umkehr.

Betrieben werde das Victim Blaming oft durch dritte, am Vorfall eigentlich unbeteiligte Personen, heißt es bei Hate-Aid weiter. Und das sei oft in der Angst begründet, einem selbst könne so etwas passieren. „Wenn man sich sagt, eine Person habe durch ihr Verhalten dazu beigetragen, was ihr passiert ist, macht man sich auch selbst klar: Mir könnte das nicht passieren, denn ich bin ja ganz anders. Deswegen bleibt die Welt für mich ein sicherer Ort“, sagt Jonas Kneer, der als psychologischer Psychotherapeut an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig ist und in dem Projekt „I Can Change“ (Ich kann mich ändern) zur Prävention von sexueller Gewalt bei Männern arbeitet.

Beschuldigung kann bei Opfern Suizidgedanken auslösen

Dieses Victim Blaming führe mitunter dazu, dass sich die Opfer von sexuellen Übergriffen tatsächlich fragten, ob sie selbst schuld daran seien, sagt Kneer. „Das wird zum Nährboden für vielfältige psychische Erkrankungen: Depression, Angsterkrankungen, bis hin zur Suizidalität.“

Ebenso wird Frauen, die über sexuellen Missbrauch berichten, häufig eine Falschbeschuldigung unterstellt. Eine europaweite Studie kam im Jahr 2009 zu dem Schluss, dass der Anteil an Falschbeschuldigungen bei einem bis neun Prozent liegen, gefolgt von einem großen Graubereich, bei dem weder Schuld noch Unschuld klar nachzuweisen sind. Öfter als eine Falschbeschuldigung kommt es vor, dass Frauen sexuelle Gewalt nicht anzeigen. Laut einer Erhebung des Kriminologen Christian Pfeiffer von 2019 werden nur etwa 15 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt. Auch das würde durch Victim Blaming begünstigt, sagt Kneer.

Victim Blaming bestärkt potenzielle Täter

Kurz könnte man zusammen fassen: Victim Blaming bringt Opfer zum Schweigen und bestärkt potenzielle Täter, dass sie auch so davon kommen. Jonas Kneer macht dazu klar: „Wenn sexuelle Gewalt ausgeübt wird, gibt es nur einen Verantwortlichen: den Täter.“ Immerhin, auch das gehört zur Realität in den sozialen Medien: Es gibt viele Menschen, die auf Victim Blaming aufmerksam machen, wenn sie es in den Kommentarspalten entdecken.