Im Aufsichtsrat der VfB AG tobt ein Machtkampf. Die frühere Landesministerin Tanja Gönner soll diesen noch in der laufenden Woche befrieden. Doch schon stellen sich neue Fragen.
Der Aufsichtsrat der VfB Stuttgart AG ist zuletzt in Deckung gegangen – hinter einer Mauer des Schweigens. Nach einer kontroversen Diskussion hatten die elf Mitglieder ihre letzte, turnusgemäße Sitzung Ende Februar verlassen, ohne ein Wort über die wichtige Frage zu verlieren, ob denn nun künftig das Präsidentenamt und der Aufsichtsratsvorsitz nicht mehr in einer Hand liegen – wie aktuell bei Claus Vogt. Nur eine dünne Erklärung gab es von Seiten des Präsidiums einige Tage später dazu, sodass nun auch die aktive Fanszene in der Cannstatter Kurve im Stadion auf Transparenten Stellung bezog: „Meschke und Co. in die Schranken weisen – der AR-Vorsitz bleibt beim e. V.-Präsidenten!“ Und: „Präsidium habt ihr uns verkauft? Antworten jetzt!“
Gut möglich, dass die VfB-Mitglieder schon bald eine Antwort erhalten. In dieser Woche soll die nächste Aufsichtsratssitzung stattfinden, offenbar ist sie bereits für diesen Dienstag anberaumt. Einziger Tagesordnungspunkt: die mögliche Abwahl von Claus Vogt. Es wird demnach eng für den Präsidenten. Doch kampflos gibt sich der 51-Jährige nicht geschlagen. Noch am Sonntag soll Vogt versucht haben, im Kreise des Kontrollgremiums für sich zu werben.
Wie verhält sich der Aufsichtsrat?
Ob das dem Vereinschef hilft? Denn in den vergangenen Jahren ist wohl die Überzeugung gewachsen, dass Vogt den Aufsichtsrat nicht so führt, wie es sich die meisten Mitglieder vorstellen. Er gilt als entscheidungsschwach. Und nur deshalb ist die Diskussion um den Vorsitz entbrannt. Dabei plädiert die Porsche AG für einen Wechsel an der Spitze. Eigene personelle Bedingungen hat der neue Investor dabei jedoch nicht gestellt und ein Sprecher des Sportwagenherstellers erklärte in diesem Zusammenhang bereits, dass Porsche durch seine zwei Vorstandsvertreter Lutz Meschke und Albrecht Reimold die Führung nicht beanspruche.
Porsche hat dennoch Dynamik in die Angelegenheit gebracht, denn das Unternehmen akzeptiert die bestehenden Verhältnisse nicht. Seither tobt ein Machtkampf hinter den Kulissen. Gerne wird dieser als stellvertretend interpretiert: Kapital gegen Kurve. Die Investoren bringen sich mit viel Geld ein und wollen an Einfluss gewinnen. Die organisierten Fans bringen sich ebenfalls ein und achten auf ihr Mitspracherecht. In Stuttgart geht es darum, dass den Mitgliedern bei der Ausgliederung der Profisparte 2017 versprochen wurde, dass der Präsident gleichzeitig den Aufsichtsratsvorsitz inne hat.
Auf die Einhaltung der Doppelfunktion pochen die aktiven Fans, weil es sich für sie um eine Frage der Ideologie handelt. Selbst wenn sich die Mehrheitsverhältnisse durch die 50+1-Regel grundsätzlich nicht ändern und es speziell im VfB-Aufsichtsrat weiter sieben vom Verein entsandte Vertreter (offiziell gehört auch Tobias Röschl vom Investor und Ausrüster Jako dazu) gegenüber vier von den Investoren gibt. Dabei existieren auch jenseits des Neckars genügend Beispiele in der Bundesliga, wo die beiden Ämter durch zwei Personen besetzt sind. Wie etwa bei Eintracht Frankfurt, wo die Ultras stark eingebunden sind und sich nicht am Modell der Trennung stören. Für sie sind die Protagonisten verlässlich Größen.
Beim VfB ist Vogt bislang die Antwort schuldig geblieben, ob er im vergangenen Sommer im Zuge des 100-Millionen-Deals zugestimmt hat, den Vorsitz im Aufsichtsrat abgeben zu wollen. Es soll ein von Porsche erarbeitetes Papier existieren, das alle Aufsichtsräte unterschrieben haben und aus dem sich ein Verzicht Vogts ableiten lässt. Auf wiederholte Anfrage äußert sich der Präsident zu der Thematik nicht. Er soll in der Debatte auf handschriftliche Vermerke und den großen Zeitdruck verweisen, der vor der Verkündung der Partnerschaft mit Porsche und MHP geherrscht habe. Deshalb ist wohl von unterschiedlichen „Wahrnehmungen“ in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung des Präsidiums die Rede. Vogt will nur Gesprächsbereitschaft signalisiert haben.
Wie kann eine Lösung aussehen?
Um den Streit zu befrieden und in der Sache vorwärts zu kommen, hat Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie, den Auftrag übernommen, den Prozess einer möglichen Absetzung Vogts zu moderieren. Dazu hat die frühere Politikerin in den vergangenen Tagen viele Gespräche mit unterschiedlichen Gremienmitgliedern geführt. Womöglich läuft eine Interimslösung auf die ehemalige CDU-Landesministerin selbst hinaus. Die 54-Jährige verfügt über genügend Erfahrung und Akzeptanz. Zudem ist sie vom Verein in den Aufsichtsrat berufen.
Sollte Gönner diejenige sein, die der Aufsichtsrat aus seiner Mitte zur Vorsitzenden wählt, stellen sich aber schon die nächsten Fragen. Wie lange soll der Übergang dauern? Bis zur Mitgliederversammlung in diesem Herbst – oder bis zur nächsten Präsidentenwahl im Jahr darauf? Denn die Mitglieder sollen einbezogen werden und der VfB müsste über ein Modell zwischen Präsidium und Aufsichtsrat befinden, das funktioniert und in der Satzung verankert wird.