Seit Sommer 2022 sind zahlreiche Stuttgarter auf die Insel gewechselt. Wie fällt die bisherige Bilanz für Naouirou Ahamada, Orel Mangala und Co. aus?
In kein anderes Land sind zuletzt so viele Profis des VfB Stuttgart gewechselt: Gleich sieben Spieler zog es in den vergangenen 15 Monaten nach England. Manche gingen für eine hohe Summe, andere ablösefrei. Einige sind inzwischen Leistungsträger, andere dürften ihren Wechsel eher bereuen. Ein Überblick.
Orel Mangala (25, Nottingham Forest / seit Juli 2022) – Der Belgier ist längst angekommen in der Premier League. In der Rückrunde der Saison 2022/23 erarbeitete er sich in Nottingham einen Stammplatz im zentralen Mittelfeld – den er immer noch innehat. Zuletzt stand Mangala viermal in Folge in der Startelf der „Tricky Trees“ und holte sich in dieser Saison auch schon drei Gelbe Karten ab. Derzeit liegt sein Team auf Platz 11.
Mangala war 2017 von der U19 von Borussia Dortmund nach Stuttgart gekommen. Knapp zwei Millionen flossen an den RSC Anderlecht, der ihn damals an den BVB verliehen hatte. Für den VfB absolvierte er 109 Pflichtspiele und reifte in dieser Zeit zum belgischen Nationalspieler. Vergangenen Sommer ging Mangala für 13 Millionen Euro Sockelablöse nach England. Mit relativ leicht erreichbaren Boni kann die Summe schnell um weitere vier Millionen steigen, zudem beinhaltet der Vertrag aus VfB-Sicht eine Weiterverkaufsbeteiligung von 15 Prozent.
Darko Churlinov (23, FC Burnley / seit August 2022) – An Fußball war für den Flügelstürmer in den vergangenen Monaten nicht zu denken. Im Sommer lag Churlinov mehrere Wochen wegen einer Lebensmittelvergiftung auf der Intensivstation, sein Zustand war ernst. Am 10. September gab es dann erfreuliche Nachrichten: Burnley vermeldete seine Rückkehr auf den Trainingsplatz.
Der Weg zurück ins Team ist aber noch ein weiter – zumal Churlinov auch in der Vorsaison wenig spielte. Er kam auf nur sieben Einsätze unter Trainer Vincent Kompany, der mit Burnley als Meister der 2. Liga in die Premier League aufstieg. Ob Churlinov seinen bis 2026 gültigen Vertrag in Burnley erfüllt, ist deshalb ungewiss. Spekulationen gibt es immer wieder um eine Rückkehr zum FC Schalke 04, für den er 2021/22 leihweise gespielt hatte. Churlinov war im Januar 2020 vom 1. FC Köln zum VfB gekommen und hatte in 25 Pflichtspielen drei Tore erzielt. Vergangenen Sommer kaufte ihn Burnley für rund drei Millionen Euro.
Sasa Kalajdzic (26, Wolverhampton Wanderers / seit August 2022) Nach einem Start zum Vergessen – Kreuzbandriss im ersten Spiel, ein Jahr Pause – kommt der Österreicher so langsam wieder in Gang. Wenn auch in behutsamen Schritten. Im August gab Kalajdzic sein Comeback, seitdem kam er zu drei Einwechslungen in der Schlussphase, wobei ihm beim FC Everton immerhin per Kopf der Siegtreffer zum 1:0 gelang. Zuletzt blieb er aber in der Liga dreimal in Folge ohne Einsatz und bekam Spielpraxis im EFL-Cup – dem weniger prestigeträchtigen Pokalwettbewerb im Vergleich zum FA-Cup. In der dritten Runde schieden die Wolves hier bei Ipswich Town (2:3) aus.
Der Österreicher war 2019 für rund zwei Millionen Euro von Admira Wacker Mödling zum VfB gewechselt, hatte aber wegen eines Kreuzbandrisses (2019) und einer Schulterverletzung (2021) mehrfach lange gefehlt. In 60 Pflichtspielen erzielte der Zwei-Meter-Mann und Publikumsliebling 24 Tore, vergangenen Sommer ging er für 18 Millionen Euro in die Premier League.
Naouirou Ahamada (21, Crystal Palace / seit Januar 2023) – Es läuft nicht rund für den jungen Franzosen im Süden Londons, wo seit März Trainer-Oldie Roy Hodgson (76) das Sagen hat. Schon in der Rückrunde der Saison 2022/23 kam Ahamada kaum zum Zug (acht Spiele, keines von Beginn an), auch in der laufenden Spielzeit hat sich das nicht geändert (drei Kurzeinsätze). Eine unzufriedenstellende Bilanz mit Blick auf die zwölf Millionen Euro Ablöse, die Crystal Palace im Januar für den VfB-Profi bezahlte. Der elffacher französische U-Nationalspieler steckt in einer Sackgasse.
Der VfB hatte Ahamada 2020 von Juventus Turin zunächst ausgeliehen und ein Jahr später für 1,5 Millionen Euro fest verpflichtet. In der Saison 2021/22 war er dann dauerverletzt (Zehenbruch, Probleme mit Achillessehne und Wade), startete aber in der Hinrunde 2022/23 als Stammspieler durch – mit zwei Toren und zwei Vorlagen in der Bundesliga.
Wataru Endo (30, FC Liverpool / seit August 2023) – In der Premier League wartet der frühere VfB-Kapitän noch auf seinen Durchbruch. Ein Startelf-Einsatz im August bei Newcastle United (2:1) steht bisher zu Buche, Endos September-Bilanz fällt dagegen eher mau aus: Dreimal wurde er im zentralen Mittelfeld in der Schlussphase eingewechselt, einmal gar nicht. Die Nase vorn hat derzeit Alexis Mac Allister (24), seines Zeichens Weltmeister mit Argentinien 2022 und 40-Millionen-Euro-Neuzugang von Brighton & Hove Albion.
Reds-Trainer Jürgen Klopp sieht das Ganze nicht dramatisch: „Er muss sich erst an die Dinge hier gewöhnen. Wataru ist sehr ruhig und höflich, das hat ihn vielleicht die ersten zwei Wochen gekostet.“ Endo werde in Zukunft auch in der Startelf stehen und sei „kein kurzfristiges Projekt“, so Klopp vor einer Woche. Eigenwerbung machte der Japaner am vergangenen Mittwoch im EFL-Cup gegen Leicester City (3:1) mit einem starken Auftritt und einer Torvorlage.
Auch beim VfB hatte Endo nach seinem Wechsel 2019 vom belgischen Erstligisten VV St. Truiden einige Monate gebraucht, ehe er Stammspieler wurde. Dann aber startete er durch: Im Sommer 2020 verpflichtete ihn der VfB für 1,7 Millionen Euro fest, in den folgenden drei Bundesliga-Saisons verpasste er jeweils nur eine Partie. Die Gründe: Gelbsperre, Corona, Gehirnerschütterung. In 133 Pflichtspielen gelangen ihm für einen Mittelfeldspieler starke 15 Tore, im Sommer erfüllte er sich seinen Premier-League-Traum. 20 Millionen Euro zahlte der FC Liverpool.
Konstantinos Mavropanos (25, West Ham United / seit August 2023) – Am Samstag feierte Mavropanos sein Premier-League-Debüt, als er kurz vor Schluss gegen Sheffield United (2:0) eingewechselt wurde. Davor kam er viermal nicht zum Einsatz – der 20-fache griechische Nationalspieler muss erst noch ankommen beim Club aus dem Londoner Osten. Spielpraxis gab ihm Coach David Moyes bislang nur in der Europa League: Beim 3:1 gegen den serbischen Vizemeister FK TSC Backa Topola spielte Mavropanos über 90 Minuten durch als rechter Innenverteidiger in der Viererkette. Sein Nebenmann als Außenverteidiger: der gebürtige Tübinger Thilo Kehrer.
Mavropanos war 2020 vom FC Arsenal zum VfB gewechselt – erst leihweise für zwei Saisons, 2022 folgte dann die feste Verpflichtung für rund drei Millionen Euro. In 89 Pflichtspielen gelangen dem Verteidiger mit dem großen Vorwärtsdrang acht Tore. Im August wechselte er für 20 Millionen Euro zuzüglich möglicher Boni zu West Ham.
Clinton Mola (22, FC Reading / seit September 2023) – Der Verteidiger bildet einen kleinen Sonderfall: Im Gegensatz zu den anderen sechs Ex-VfB-Profis wechselte er nicht direkt von Bad Cannstatt nach England – sondern war dazwischen für einige Tage vereinslos. Ende August wurde Molas Vertrag in Stuttgart mangels Perspektiven in beiderseitigem Einvernehmen vorzeitig aufgelöst, Anfang September fand er mit dem Drittligisten FC Reading einen neuen Arbeitgeber. Dort kommt er bislang auf drei Einsätze.
Mola war im Januar 2020 von der zweiten Mannschaft des FC Chelsea für rund 200.000 Euro nach Stuttgart gekommen – und hatte gleich zu Beginn seine beste Phase beim VfB, als er in der Rückrunde mit acht Einsätzen (davon fünf von Beginn an) am Aufstieg in die Bundesliga beteiligt war. In der folgenden Saison musste er mit einer langwierigen Hüftverletzung monatelang aussetzen und spielte seitdem kaum mehr eine Rolle. 14 Pflichtspiele stehen für den 33-fachen englischen Juniorennationalspieler zu Buche, der in der Vorsaison an die Blackburn Rovers ausgeliehen war.
Eine komplette Einbahnstraße sind die England-Transfers aber nicht: Im zurückliegenden Sommer ist mit Deniz Undav ein Profi aus der Premier League zum VfB gestoßen – leihweise für ein Jahr von Brighton & Hove Albion. Am vergangenen Samstag gelangen Undav beim 2:0-Auswärtssieg gegen den 1. FC Köln seine ersten beiden Pflichtspiel-Tore für die Stuttgarter.