Thomas Wörle hat eine Jugend-Vergangenheit beim VfB Stuttgart, er war Zweitligaprofi und neun Jahre lang Frauentrainer beim FC Bayern. Nun soll er den SSV Ulm 1846 in die dritte Liga führen.
Ulm - Ob die Partie beim VfB Stuttgart etwas Besonderes sei? „Auf jeden Fall, ich hatte dort eine tolle Zeit, es ist nur etwas schade, dass das Spiel im Gazi-Stadion auf der Waldau stattfindet“, sagt Thomas Wörle. Der Trainer des Fußball-Regionalligisten SSV Ulm 1846 hat vor dem Duell am Samstag (15.30 Uhr) bei der U 21 gute Erinnerungen an das Vereinsgelände an der Mercedesstraße. Zwei Jahre spielte er für die U 17 der Weiß-Roten. Er stand in der Mannschaft, die 1998 das Finale im Stadion Rote Erde bei Borussia Dortmund mit 4:5 im Elfmeterschießen verlor. Mit Mitspielern wie Andreas Hinkel, Ioannis Amanatidis, Angelo Vaccaro und Michael Fink, der immer noch für Regionalligist FC Gießen am Ball ist.
97 Zweitligaspiele
Wörle hat längst seine Erfüllung im Trainerjob gefunden. Nachdem der gebürtige Krumbacher (Landkreis Günzburg) in der U 19 zum FC Augsburg gewechselt hatte, spielte er dort später bei den Aktiven, danach noch bei 1860 München, den Kickers Offenbach und der SpVgg Greuther Fürth. Mit 27 Jahren musste der ehemalige Zweitligaprofi (97 Spiele) wegen Pfeifferschem Drüsenfieber die Karriere beenden.
Nahtlos ging es ins Trainergeschäft über. Da Vater Günther (als Trainer) und Schwester Tanja (als Spielerin) beim FC Bayern waren, bestanden direkte Kontakte zu den Münchnern. „Dass ich dort dann neun Jahre lang das Frauenteam trainiere, war nie der Plan“, sagt Thomas Wörle. Der 39-Jährige feierte die deutschen Meisterschaften 2015 und 2016, blieb in dieser Zeit saisonübergreifend 40 Spiele ungeschlagen mit den FCB-Ladys. 2019 war Schluss. Wörle machte den DFB-Fußballlehrer, hospitierte einige Wochen bei Martin Schmidt (FC Augsburg) und Erik ten Haag (Ajax Amsterdam), verbrachte viel Zeit mit seiner Frau und den beiden Töchtern (10, 12).
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Schon davor hatte sein Entschluss festgestanden: Jetzt geht’s in den Männerfußball. „Ich hatte richtig Lust darauf“, betont Wörle. Im Sommer einigte er sich mit dem SSV Ulm auf einen Vertrag bis 2023. Natürlich gab es auch Skeptiker: „Wer mit elf Frauen zurechtkommt, wird es in Ulm schon meistern“, lauteten sinngemäß die Sprüche auf der Tribüne des Donaustadions. Wörle weiß, dass er in der Frauenfußballtrainer-Schublade steckt, geht damit aber professionell um: „Zum einen kenne ich als Ex-Zweitligaprofi den emotionalen Männerfußball. Zum anderen haben viele, die Vorbehalte haben, gar keinen Zugang zum Frauenfußball, der eine enorme Entwicklung hin zur Professionalität genommen hat.“
Frauen hinterfragen mehr
Für ihn gehe es darum, Leistung zu entwickeln, ein Team zu formen – da mache das Geschlecht keinen Unterschied. „Ich habe die Arbeit mit Frauen immer als sehr angenehm empfunden, da sie unheimlich professionell sind, einen hohen Anspruch an sich selbst haben und sehr selbstkritisch sind“, erzählt Wörle. Wo der größte Unterschied liegt? „Vielleicht hinterfragen Frauen etwas mehr, wollen manche Dinge ganz genau verstehen.“ Und wie sieht es mit den Vorurteilen wie Grüppchenbildung oder Zickenkrieg aus? „Kann ich nicht bestätigen“, sagt Wörle.
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Mit den Ulmer Spatzen steht er vor dem Duell beim VfB II auf Platz zwei (bei einem ausstehenden Nachholspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach), der Aufstieg in die dritte Liga ist das Ziel. „Der SSV ist ein schlafender Riese, ein unheimlich spannender Traditionsverein mit enormem Potenzial“, beschreibt Wörle seinen Arbeitgeber. Er weiß, dass die Station Ulm für einige das Sprungbrett ganz nach oben war: Die ehemaligen Spatzen-Dompteure Ralf Rangnick, Markus Gisdol, Marcus Sorg oder auch Jörg Berger schafften es von Ulm aus zu renommierten Trainern.
Und Thomas Tuchel lernte dort als Spieler Rangnicks Fußballphilosophie. Mit dem aktuellen Coach des FC Chelsea verbindet Wörle der Geburtsort Krumbach. Und auch die Spielidee? „Grundsätzlich will ich Spielkontrolle und stehe für einen mutigen Fußball, der variabel und intensiv ist, aber auch dynamisch-zielstrebig“, sagt der Ulmer Trainer. Einige Grundlagen bekam er schon bei den B-Junioren des VfB Stuttgart mit auf den Weg. Sein Trainer war Rudolf Schöbel. Ein Schüler von Rangnicks Mentor Helmut Groß.