Es ist ein Stuttgarter Stadtderby, dazu ein Spitzenspiel in der Fußball-Regionalliga. Das brisante Duell VfB II gegen Kickers ist auch für die beiden Trainer etwas Besonderes. Wir haben Markus Fiedler und Mustafa Ünal zum Doppelinterview getroffen.
Das Interesse ist groß: Für das Stuttgarter Regionalliga-Derby VfB II gegen Kickers an diesem Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) sind bereits 6400 Tickets weg. Die beiden Trainer schätzen die Lage ein.
Meine Herren, das Stadtderby als Spitzenspiel des 13. Spieltags – hätten Sie damit vor Saisonbeginn gerechnet?
Ünal Das, was uns am Samstag erwartet, hätte man sich nicht besser wünschen können. Für uns gibt es nichts Schöneres, als so viele Punkte bereits auf dem Konto zu haben. Wir gehen mit positivem Druck und riesiger Vorfreude ins Derby.
Fiedler Da mir die Erfahrungswerte in dieser Liga fehlten, war es schwierig für mich, das Leistungsvermögen einzuschätzen. Zwingend gerechnet habe ich mit diesem Spitzenspiel sicher nicht, aber es auch nicht kategorisch ausgeschlossen.
„Alles ist hart erarbeitet“
Stimmen Sie zu, dass eine Platzierung nach 13 Spieltagen kein Zufallsprodukt mehr ist?
Ünal Die Tabelle sagt nach dieser Anzahl von Spielen schon etwas aus. Mit Glück und Zufall hat das nichts mehr zu tun, sondern alles ist hart erarbeitet. Ob man das Niveau halten kann, wird sich zeigen. Die Saison geht noch sehr lange.
Fiedler Das sehe ich genauso. Die Punkteausbeute von beiden Teams spiegelt die erbrachten Leistungen wider.
Gilt das auch für Überraschungstabellenführer SGV Freiberg?
Fiedler Auch der SGV hat eine sehr gute Form, sich in einen Flow gespielt und dadurch Spiele auf seine Seite gezogen.
Ünal Es wäre vermessen zu sagen, wir und der VfB stehen zu Recht da oben – und die Freiberger nicht. Sie haben genauso viel richtig gemacht, denn so viele Punkte holt man nicht einfach so über Nacht.
Herr Fiedler, Ihr Team hatte ein 1:8 wegzustecken. Haben Sie nicht befürchtet, dass nach diesem Heimdebakel etwas zurückbleibt?
Fiedler Nein, weil wir alle Spiele sehr nüchtern analysieren. Wir haben nach diesem Ausreißer nach unten gegen den FC 08 Homburg eine beeindruckende Reaktion bei unserem 2:2 in Offenbach gezeigt. Das spricht schon für den Charakter der Mannschaft.
„Bessere Verteidigungsmentalität“
Die mit mehr Intensität und körperlicher Robustheit dagegenhält – im Gegensatz zu früheren Zeiten.
Fiedler Wir wollen mutigen, attraktiven Offensivfußball zeigen. Aber wir legen großen Wert darauf, keine Ballverluste in sensiblen Räumen zu haben und insgesamt eine bessere Verteidigungsmentalität an den Tag zu legen.
Der VfB hat ein Torverhältnis von 34:25, die Kickers 25:8. Wie aussagekräftig ist der Unterschied?
Ünal Wenn man die acht VfB-Gegentore gegen Homburg abzieht, relativiert sich das Ganze. Aber die Offensivqualität, die Effizienz vor dem Tor und die Spielfreude sind schon beachtlich. Was uns betrifft, haben wir vor der Saison ein großes Augenmerk auf eine gute Organisation gelegt und die Sinne für ein stabiles Verteidigen geschärft. Wir wollten gegenüber der Oberliga einen Zahn zulegen, weil andere Kaliber auf uns zukommen.
In der Offensive tut man sich gegen kompakt stehende Teams etwas schwer.
Ünal Zuletzt haben wir die Erfahrung gemacht, dass manche Gegner plötzlich ihr System und die Spielweise komplett umstellen. Das spricht aber auch für die Qualität in der Liga. Wir haben es aber auch gegen solch defensiv eingestellte Mannschaften geschafft, Chancen rauszuspielen und wenig zuzulassen.
Also steht Ihre Taktik für Samstag ja schon fest, Herr Fiedler?
Fiedler (Lacht) Ich glaube, dass wir eine klare Idee von Fußball haben und uns über das Spiel mit dem Ball definieren wollen. Hinten reinzustehen und auf den zweiten Ball zu lauern ist nicht unser erklärtes Spielziel. Unabhängig davon haben sich die Kickers den Respekt der Gegner durch ihr Pressing und ihre Qualität im Umschaltspiel auch verdient.
„Vorgeschmack auf Profibereich“
Welche Rolle wird die Zuschauerkulisse spielen?
Fiedler Wir sind es nicht gewohnt, aber wir freuen uns darauf. Die Jungs wollen in den Profibereich, und das am Samstag wird ein kleiner Vorgeschmack dessen, was den einen oder anderen hoffentlich künftig noch häufiger erwarten wird.
Da wäre doch die dritte Liga eine noch bessere Plattform, die Spieler für höhere Aufgaben vorzubereiten, oder?
Fiedler Das muss man individuell sehen. Manche Spieler wären in der dritten Liga, manche in der Regionalliga besser aufgehoben. Das Wichtigste ist die Wettkampfpraxis auf hohem Niveau.
Aber der VfB II würde auf einen Aufstieg nicht verzichten?
Fiedler Das haben wir intern noch nicht diskutiert. Grundsätzlich hat der Verein keine schlechten Erfahrungen mit der dritten Liga gemacht, aber es gibt keinerlei Gedankenspiele in diese Richtung. Zumal das Pendel in dieser sehr ausgeglichenen Liga schnell in die andere Richtung ausschlagen kann.
Gerade weil es kein Ausnahmeteam gibt, sprechen manche Fans der Blauen von der Gunst der Stunde und träumen vom Durchmarsch. Zu Recht?
Ünal Mir ist es lieber, solche Aussagen zu hören, als dass es heißt, alles ist schlecht und wir steigen sowieso ab. Auf solch ein Schwarz-Weiß-Denken haben wir keinen Einfluss. Die Fans haben lange genug leiden müssen, sie dürfen träumen, aber das beeinflusst unsere Arbeit null Komma null. Unser Ziel bleibt es, eine sorgenfreie Saison zu spielen. Wenn wir das erreicht haben, dann gibt es neue Ziele, die ehrgeizig sind. Aber wir werden nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun.
„Die Menschen sind gut drauf“
Welche Bedeutung hat das Stadtderby für Sie persönlich?
Fiedler Ich kenne die Rivalität von der Jugend, wo die Derbys immer heiß umkämpft sind. Da wird auch am Samstag viel Würze drin sein, das Interesse ist um einiges größer, auch medial.
Ünal Ich bin ja jetzt auch schon lange in Stuttgart. Ich erinnere mich an den Trauertag im Mai 2016, als die VfB-Profis, der VfB II und die Kickers abgestiegen sind. Jetzt herrscht eine ganz andere Atmosphäre, und unser Derby am Samstag passt zu der glückseligen Stimmung in der Stadt. Aktuell ist jeder stolz auf seine Farben, und ich lebe lieber in einer Region, in der die Menschen gut drauf sind. Das genieße ich sehr.
Fiedler Die Stadt ist auf jeden Fall groß genug, zwei Vereine im Profifußball zu haben. Und wir beim VfB sind stolz darauf, die U 21 wiederbelebt zu haben, mit sieben oder acht Eigengewächsen, die Woche für Woche in der ersten Elf stehen. Von diesem Weg waren wir ein Stück weit abgekommen.
Wann gibt’s ein Punktspiel Kickers gegen VfB-Profis?
Ünal Ich habe wahrlich keine Planspiele im Kopf, wie dass wir jetzt schnellstmöglich aufsteigen und dass der VfB in den kommenden zwei Jahren zweimal absteigt, damit wir gegeneinander spielen können. Das wäre auch nicht gut für die Region. Das Thema müssen wir nicht vertiefen.
Wer steigt aus der Regionalliga am Ende auf?
(Beide lachen) Fiedler: Musti, du zuerst.
Ünal Stark wäre es jetzt von mir, wenn ich sage: VfB. Aber dann sagst du ja: Kickers. Im Ernst: Ich kann mir gut vorstellen, dass die Favoriten wie Homburg, Steinbach oder Offenbach noch ins Rollen kommen und oben angreifen werden.
Fiedler Auch ich habe diese Topteams noch lange nicht abgeschrieben.
„Es wird eine heiße Kiste“
Wie geht’s am Samstag aus?
Fiedler Ich habe gute persönliche Erinnerungen ans Gazi-Stadion. Wir haben das Halbfinal-Hinspiel um die deutsche Meisterschaft 2022 gegen Hertha mit 1:0 gewonnen, daher tippe ich auf einen Sieg mit einem Tor Unterschied für uns.
Ünal Ich tippe eigentlich nie. Aber ich mache mal eine Ausnahme. Es wird eine heiße Kiste – und wir gewinnen 1:0.
Zur Person
Markus Fiedler
Markus Fiedler kam am 6. Februar 1986 in Leonberg zur Welt. Er selbst spielte bis zur Landesliga beim TSV Eltingen. Dort begann er auch seine Trainertätigkeit in der U 14. Von 2010 an trainierte er beim SGV Freiberg die U 17 und die U 19, zwischendurch war er auch Co-Trainer unter Ramon Gehrmann in der ersten Mannschaft des SGV. In der Saison 2014/15 fungierte der ausgebildete Realschullehrer als Co-Trainer bei der U 17 der TSG 1899 Hoffenheim. Danach ging es zum VfB Stuttgart, wo er bei der U 14 begann und 2020 die U-17-Bundesliga-Mannschaft übernahm. Seit 1. Juli 2023 ist er als Nachfolger von Frank Fahrenhorst für die U 21 zuständig. Fiedler wohnt in Gerlingen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von vier und einem Jahr.
Mustafa Ünal
Mustafa Ünal wurde am 7. September 1983 in Laichingen geboren und wuchs in Wiesensteig (Kreis Göppingen) auf. Er spielte beim TSV Bad Boll und beim TSV Obere Fils und war dort auch Jugendtrainer. Von 2013 bis 2017 trainierte er Nachwuchsteams beim SSV Ulm 1846, ehe er ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Kickers wechselte. Dort führte er in der Saison 2020/21 die U 19 in die Bundesliga. Seit dem 27. September 2021 trainiert er als Chefcoach die Oberliga-Mannschaft. Sein Vertrag läuft bis 2025. Ünal ist Lehrer an der Körschtalschule in Stuttgart-Plieningen für die Fächer Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik. Er unterrichtet an dieser Gemeinschaftsschule an dreieinhalb Tagen 13 Stunden in der Woche. Er wohnt mit seiner Familie in Stuttgart-Birkach, ist verheiratet mit Esra. Das Paar hat zwei Söhne – Ömer (drei Jahre) und Mert (zwei Jahre).