Der neue VfB-Trainer: Huub Stevens Foto:  

Huub Stevens soll den VfB Stuttgart vor dem Abstieg retten. Der 60-jährige Niederländer kommt an diesem Montag.

Stuttgart - Wer schon einen Blick auf den Neuen erhaschen wollte, wurde enttäuscht am Sonntagmorgen auf dem Clubgelände des VfB Stuttgart. Die Reservisten trainierten zwar direkt vor den Augen der Fans, derjenige, der sie anleitete, hatte aber relativ wenig Neuartiges: Es war Andreas Menger, der Torwarttrainer. Huub Stevens, der die Roten in den letzten zehn Saisonspielen der Fußball-Bundesliga in sicheres Gewässer führen soll, kommt erst an diesem Montag (15 Uhr). Und Thomas Schneider?

Der hatte seinen vorerst letzten Auftritt für den VfB schon, bevor seine bisherigen Schützlinge den Trainingsplatz betraten. Um 9.51 Uhr öffnete sich die Tür des Kabinentrakts, und als Schneider, Tomislav Maric und Alfons Higl nicht den grünen Rasen, sondern ihre Autos auf dem Parkplatz ansteuerten, war für alle Beobachter klar, was die Stunde geschlagen hat. Und dass der VfB zum zweiten Mal in dieser Saison einen Trainer freigestellt hat. „Die aktuelle sportliche Situation erforderte im Bewusstsein der Verantwortung dem Verein gegenüber, diesen Schritt zu tun“, sagte Bernd Wahler.

Bis zum späten Samstagabend hatte der Vereinschef zusammen mit Finanzvorstand Ulrich Ruf und dem sportlichen Verantwortlichen Fredi Bobic die Lage ein weiteres Mal erörtert. Vor einer Woche hatte das Gremium nach einer ähnlichen Sitzung im Beisein des Aufsichtsrats dem Trainer Schneider noch das Vertrauen ausgesprochen, nachdem die einzige von Bobic eingebrachte Variante mit Krassimir Balakov als Nachfolger abgeschmettert worden war. Acht Spiele in Folge hatten Schneider und seine Mannschaft da gerade verloren gehabt. Gegen Braunschweig gab der VfB wieder eine Führung aus der Hand, Christian Gentner scheiterte beim Stand von 2:1 per Elfmeter, am Ende glich das 2:2 einer weiteren Niederlage. Die Stimmung auf den Rängen kippte, erst als Bobic und Wahler lange nach Spielende vor die Fans traten, beruhigte sich die Lage.

Von all diesen Geschehnissen, versicherte Bobic am Tag danach, habe man sich nicht leiten lassen. Das Vertrauen, dass unter Schneider die Wende zum Guten gelingt, war dennoch endgültig dahin. „Wir wollen für die Spieler einen neuen Reiz setzen“, sagte Bobic stattdessen, nachdem Schneider als zweiter Trainer in dieser Saison nach Bruno Labbadia sein Büro hatte räumen müssen. „Der Druck ist verdammt hoch geworden“, sagte Bobic, der vermutet, der Ex-Trainer sei durch die Entscheidung auch ein Stück weit „befreit“.

Die Lage des VfB Stuttgart dagegen bleibt angespannt. Nur das bessere Torverhältnis trennt den Club vom Relegationsplatz, Mannschaften wie Werder Bremen und Eintracht Frankfurt sind vorerst enteilt, und wer das verunsicherte VfB-Team am Samstag erlebt hat, der weiß: Auf Huub Stevens wartet keine einfache Aufgabe. Das Vertrauen in den Niederländer ist dennoch groß.

„Er ist ein fantastischer Trainer“, sagte Bobic, der den 60-jährigen Coach noch als Spieler bei Hertha BSC kennengelernt hat. Damals gerieten die beiden zwar aneinander – Stevens warf Bobic auch einmal aus dem Kader –, nachhaltig belastet scheint das Verhältnis der beiden aber nicht. Im Gegenteil: Stevens hat sich dem Vernehmen nach sogar darauf eingelassen, beim VfB lediglich bis Saisonende zu unterschreiben – ohne Option auf eine Weiterbeschäftigung. „Die Gespräche waren klar, gut und kurz“, sagte Bobic, „Huub macht den Eindruck, dass er total motiviert ist.“ Versüßt wird Stevens das Kurz-Engagement wohl mit der Aussicht auf eine satte Nichtabstiegsprämie. Deren Auszahlung würde den klammen VfB zwar empfindlich treffen, gegenüber den geschätzten Einbußen von über 30 Millionen Euro bei einem Abstieg bedeutet sie aber das weitaus kleinere Übel.

Der VfB setzt vor allem auf die Erfahrung von Stevens, für dessen Verpflichtung der Club notgedrungen vom eingeschlagenen Weg abweicht. Talentierte Spieler, moderne Philosophie, junger Trainer – all das ist vorerst zurückgestellt, soll aber wiederbelebt werden, sobald der Klassenverbleib gesichert ist. Bis dahin darf Stevens auf seine Art regieren, Bobic weiß: „Er verfolgt eine klare Linie.“ Anders als Thomas Schneider?

So schien es am Ende. Zwar beteuerte der 41-Jährige, einen klaren Plan zu verfolgen, an der konsequenten Umsetzung mangelte es aber. So verpufften im Laufe der Zeit zahlreiche Momente des Aufbruchs, das Trainingslager in Südafrika brachte keine Fortschritte, und erforderte der Spielverlauf eine Reaktion des Coaches, beriet sich Schneider oft so lange mit seinen Co-Trainern, bis die Partie bereits eine andere Wendung genommen hatte. Dennoch sagte Bobic zur Entscheidung gegen Schneider, den er selbst ins Amt gehoben hatte: „Es war meine schwierigste Personalentscheidung.“

Schneider soll dem VfB nach einer Auszeit bis Saisonende erhalten bleiben, welche Position ihm angeboten wird, ist aber noch offen – und Zukunftsmusik, wie so vieles. Um das angedachte Clubkonzept nach dieser Saison erfolgreich umsetzen zu können, benötigt der VfB nach der kurzen Ära Stevens zunächst einen entsprechenden Trainer. Ein konzeptionell denkender Fachmann wie Ralf Rangnick müsste es wohl sein, ob der Backnanger aber seinen Posten als Fußballchef bei Red Bull (Salzburg und Leipzig) für den VfB aufgeben würde, ist derzeit unwahrscheinlich. Auch Sportvorstand Fredi Bobic, der seine Arbeit am aktuellen Team gemessen sehen will, ist nicht mehr unumstritten, und der Truppe steht selbst im Falle einer Rettung wohl ein weiterer Umbruch bevor – obwohl Bobic betonte: „Die Mannschaft hat eine gute Qualität.“

Diese in Ergebnisse umzumünzen, das ist nun Aufgabe von Huub Stevens.

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