Trotz Niederlage überzeugt der VfB beim Spitzenteam in Leverkusen – und steht nach dem Aus im DFB-Pokal jetzt vor einer ganz anderen Herausforderung in der Bundesliga.
Ein Luftsprung als Statement – Xabi Alonso schnellte seinen noch immer drahtigen Körper nach oben. Begleitet von einem Jubelschrei in den Leverkusener Nachthimmel. Als der Bayer-Trainer wieder Boden unter den Füßen spürte, da hatte er seine Hand zur Faust geballt. Freude und Erleichterung drangen aus jeder Pore des früheren Weltklassefußballers. Das eine, weil seine Mannschaft gerade das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht hatte. Das andere, weil der VfB Stuttgart seiner Elf alles abverlangt hatte. In jeder Sekunde der Begegnung.
Bei den Gästen gab es dagegen nur hängende Köpfe auf dem Platz nach dem 2:3 in letzter Minute der regulären Spielzeit. Und es wird wohl eine Weile dauern, ehe bei den Stuttgartern der Stolz über die gezeigte Leistung vollends die Oberhand über die Enttäuschung gewinnt, den Coup verpasst zu haben. Zu sehr hatte sich der Club von der Mercedesstraße insgeheim nach dem Finalerlebnis in Berlin gesehnt. Nicht nur wegen der zusätzlichen Millioneneinnahmen.
Die zwei besten Mannschaften in Deutschland?
Am Ende zählt im K.-o.-Wettbewerb um den nationalen Cup aber nur der Sieg, wie der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth anmerkt. Trotz zweimaliger Führung nach den Toren von Waldemar Anton (11.) und Chris Führich (58.). Die Leverkusener wussten die Rückstände zu parieren. Letztlich lässt sich sogar konstatieren, dass sie diesen einen Tick besser waren. Nicht allein aufgrund der Treffer durch Robert Andrich (50.), Amine Adli (67.) und Jonathan Tah (90.), sondern ebenso aufgrund der Art und Weise, wie sie zurückschlugen. Zum dritten Mal im fünften Pflichtspiel dieses Jahres kamen sie zu einem Last-Minute-Sieg. „Wir haben diesmal nicht gewonnen, weil wir die bessere Struktur im Spiel hatten oder wie so oft dominiert haben“, sagt Xabi Alonso, „wir stehen in der nächsten Runde, weil wir Herz und Seele gezeigt haben.“
Die Werkself musste neben ihrer Qualität ihre ganze Mentalität an diesem Abend einbringen – oder umgekehrt betrachtet: Der VfB begegnete dem Bundesliga-Tabellenführer auf höchstem Niveau. In puncto Tempo, Technik und Taktik. In 30 Partien dieser Saison sind die Leverkusener nun unbesiegt, 26 Spiele haben sie gar gewonnen. Nur die Stuttgarter hatten sie in Liga und Pokal am Rande einer Niederlage. Von den aktuell „zwei besten Mannschaften in Deutschland“ war nach dem Spektakel die Rede.
Doch das geht Sebastian Hoeneß eine Spur zu weit. Der Stuttgarter Coach verweist auf die Tabelle, in welcher der FC Bayern München mit zehn Punkten mehr auf dem Konto zwischen den Leverkusenern und den Stuttgartern als Zweiter platziert ist. Hoeneß weiß die eigenen Leistungen aber jenseits der Fakten einzuordnen: „Es sind zwei Mannschaften, die Spaß machen. Sie spielen frech und mutig nach vorne.“
Der VfB macht das mittlerweile so häufig und konstant, dass Xabi Alonso zu dem Schluss gekommen ist, dass die Elf im Trikot mit dem Brustring das bislang beste Team in der Bay-Arena während der laufenden Spielzeit war. Beide Trainer sind jedoch schlau genug, ihre Spieler nicht mit Lob zu überschütten und sie dadurch mit Erwartungen zu überfrachten. Xabi Alonso schon allein deshalb, weil am Samstagabend die Münchner zum nächsten Spitzenspiel ins Rheinland kommen. Hoeneß weiterhin aus Prinzip.
Jetzt geht es gegen drei Abstiegskandidaten
Dennoch werden sich die VfB-Verantwortlichen in den nächsten Wochen mit jedem weiteren Erfolg immer häufiger der Frage stellen müssen, ob der Stuttgarter Weg in der Champions League endet. Eine Überraschung wäre das für viele Experten nicht mehr. An der Antwort des Sportdirektors hat sich bislang jedoch nichts verändert. „Die Mannschaft zeigt, welche Ambitionen sie hat“, sagt Wohlgemuth. Das lässt Raum für den Europapokal-Traum, ohne ihn so konkret zu formulieren wie zuletzt Kapitän Anton.
Natürlich wollen die Stuttgarter nach einem Jahrzehnt der mangelnden Kontinuität zurück auf die internationale Bühne. Doch sie haben es sich noch nicht abgewöhnt, nach hinten zu schauen. Der Blick richtet sich dabei weniger auf die direkte Konkurrenz um die vorderen Ränge – der SC Freiburg liegt als Achter zwölf Punkte hinter dem VfB –, sondern mehr auf die Abstiegskandidaten: 1. FSV Mainz 05, Darmstadt 98 und 1. FC Köln.
Just die nächsten Gegner, die den VfB anders fordern werden als die rasend schnellen und extrem spielstarken Leverkusener. Mit körperlichen Mitteln und dichten Defensivreihen. Die Gunst der Stunde scheint dennoch für die Stuttgarter zu sprechen, die in der Hinrunde die volle Punktzahl aus den Begegnungen mit den Kellerkindern holten. Hoeneß, der Realist, sieht in der wahren Rasen-Konstellation aber genau die Gefahr des Moments. Denn für ihn sind Siege keine Selbstverständlichkeit. Auch nicht gegen Mannschaften, die mit sich selbst zu kämpfen haben.