Es waren dramatische Minuten am 27. März in Lauterbach: Ein damals 42-jähriger Eritreer war vor Eifersucht zerfressen. Er verdächtigte seine Frau, ihn mit einem anderen Mann zu betrügen.
Deshalb griff er zum Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge – und stach mindestens zwölf Mal zu.
Um diesen Sachverhalt ging es am Freitag vor dem Landgericht Rottweil unter dem Vorsitzenden von Richter Karlheinz Münzer.
Spätabends um 23.30 Uhr eskalierte an jenem Abend der Familienstreit im Schlafzimmer. Die Frau stillte eines der vier Kinder auf dem Bett, als der Angeklagte mit dem Messer unter dem Bademantel herein kam. „Ohne mich bist du nichts“, herrschte er seine Frau an. Diese entgegnete ihm, dass sie ihn nicht brauche, sie werde möglicherweise einen besseren Mann finden. „Du stirbst besser, als dass du einen anderen Mann hast“, brüllte der Mann und zückte das Messer. Sie solle sich von dieser Welt verabschieden, so die Worte, die der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift verlas.
Versuchter Mord als Anklage
Der Angeklagte stach mindestens drei Mal in die Brust und zwei Mal in den Rücken seiner Frau, wobei die Lunge schwer verletzt wurde. Insgesamt waren es zwölf Stiche. Trotz ihrer Verletzungen konnte die Frau die Wohnung verlassen. Der Angeklagte war sicher, dass sie sterben würde und versteckte das Messer. Er setzte um 0.07 Uhr einen Notruf ab, bei dem er sagte, er habe seine Frau getötet. Um 0.19 Uhr ließ er sich festnehmen.
Versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, lautete daher die Anklage. Er habe einen Mensch aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch töten wollen, so der Staatsanwalt.
Richter Münzer fühlte dem Angeklagten bei der Befragung zu den persönlichen Angaben auf den Zahn. Er sei in einer Kleinstadt in Eritrea aufgewachsen, sagte der Angeklagte via seines Dolmetschers. Die Befragung war mitunter nicht einfach aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten.
Korruption im Sudan
Die einzige Schwester und die Mutter des Angeklagten seien verstorben, als er zwölf, beziehungsweise 15 Jahre alt gewesen war. Als ein Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien ausbrach, flüchtete der Angeklagte in den Sudan, um sich dem Militärdienst zu entziehen. „Ich wollte leben und nicht im Krieg sterben“, sagte er. Im Sudan arbeitete er bei einer verschiedenen Baufirmen. „Ich habe gut verdient“, sagte der Angeklagte.
2010 lernte er seine spätere Frau kennen, zwei Jahre später wurde geheiratet und 2014 wurde der erste Sohn geboren. Allerdings hatte die Familie immer wieder mit korrupten sudanesischen Polizisten zu kämpfen. Zudem wurde eine Abschiebung nach Eritrea befürchtet. „Wir wollten nicht ewig Bestechungsgeld zahlen und wollten ein besseres Leben. In Deutschland“, sagte er.
Es wurden Schleuser bezahlt, die eine LKW-Fahrt nach Libyen und später mit einem Schlauchboot nach Italien organisierten. Nach drei Stunden Fahrt auf dem Mittelmeer wurde das mit 80 Personen besetzte Schlauchboot von einem deutschen Rettungsboot geborgen und nach Sizilien gebracht. Die Familie wollte aber nicht in Italien bleiben. Mit dem Bus ging es ins norditalienische Belluno, wo eine Tochter geboren wurde.
Weiter ging die Odyssee per Zug nach Karlsruhe und Heidelberg, wo ein Asylgesuch rasch anerkannt wurde.
Von Sozialhilfe und Jobcenter gelebt
Kurz danach erfolgte der Umzug nach Lauterbach in eine Asylunterkunft. Arbeit auf dem Bau scheiterte zum einen an der Sprache, zudem erhielt er von den Behörden keine Erlaubnis. Die Familie habe von Sozialhilfe und Jobcenter gelebt. 2100 Euro hätten sie bekommen und die Miete sei übernommen worden.
Der Corona-Lockdown habe ihm zugesetzt und da habe er oft getrunken, bekannte der Angeklagte. Sechs bis sieben Flaschen Bier und Wodka seien es gewesen. In der U-Haft habe er Medikamente gegen Depressionen und Schlaflosigkeit nehmen müssen, sagte der Angeklagte.
Zu Weihnachten und Ostern überweise er seinem Vater in der Heimat jeweils 150 bis 200 Euro. Seine Barvermögen betrage etwa 8000 Euro.
„Ich möchte mit meiner Frau und den Kindern zusammenleben und eine Ausbildung“, sagte er als Antwort auf die Frage, wie er sich seine Zukunft vorstelle.
Der Prozess wird am Dienstag, 12. Dezember, ab 14 Uhr mit der Beweisaufnahme fortgesetzt.