Jens Neubert, Mitgründer von GoMedicus, schlägt Alarm: Mehr als 40 Prozent der Hausärzte gehen in naher Zukunft in den Ruhestand – in ländlichen Regionen wie in Hechingen sei die Lage besonders dramatisch. Im Interview erklärt er, wie GoMedicus dem gegensteuern möchte.
Verzweifelte Anrufe von Patienten, die auf der Suche nach einem Hausarzt sind, sind Jens Neubert und das Team von GoMedicus inzwischen gewohnt. Denn: Der Ärztemangel grassiert auch im Raum Hechingen. Der Mitbegründer von GoMedicus, einem Netzwerk an Praxen und digitalen Diensten mit 21 Standorten unter anderem in Hechingen, Rangendingen und Bisingen, malt im Interview eine düstere Zukunftsprognose – und erklärt, wie GoMedicus dem gegensteuern möchte.
Herr Neubert, wie nehmen Sie die derzeitige Hausärzte-Versorgung der ländlichen Bevölkerung im Raum Hechingen wahr?
Neubert: Es ist deutlich zu spüren, dass sich der Hausärztemangel in den vergangenen Jahre zugespitzt hat – und das wird sich in der nahen Zukunft weiter verschärfen. Im Landesdurchschnitt gehen in den kommenden Jahren laut Prognosen rund 40 Prozent der Hausärzte in den Ruhestand. Bereits im Jahr 2020 waren mehr als 70 Prozent der Ärzte älter als 50 Jahre. Gerade in ländlichen Gegenden, zu denen auch Hechingen gehört, ist die Situation nochmals prekärer. Das hängt auch mit den demografischen Strukturen und Entwicklungen zusammen. Grundlegend ist es so, dass wir eine steigende Nachfrage und ein sinkendes Angebot an gesundheitlicher, insbesondere hausärztlicher Versorgung, haben.
Warum entscheiden sich immer weniger junge Menschen, sich als Hausarzt mit eigenständiger Praxis niederzulassen?
Neubert: Medizinstudenten gibt es prinzipiell genug, aber sich als Hausarzt mit eigenständiger Praxis niederzulassen, ist einfach nicht mehr attraktiv. Junge Menschen möchten als Arzt Patienten versorgen, aber nicht zusätzlich Betriebswirt sein, das Personal schulen und digitale Technologien in der Praxis implementieren. Das Modell des Hausarztes als Alleinkämpfer ist nicht zukunftsfähig. Ich kenne viele Ärzte die aufgeben, weil sie nicht mehr können und nicht mehr wollen.
Wie kann der Arztberuf aus Ihrer Sicht wieder attraktiver werden?
Neubert: Heutzutage möchten Ärzte unter den derzeitigen Umständen angestellt und nicht mehr selbstständig sein. Die vielzitierte Work-Life-Balance muss stimmen. Flexible Arbeitszeiten, eine festgelegte Anzahl an Urlaubstagen und Aufstiegschancen haben für junge Menschen oberste Priorität. Nicht nur bei weiblichen Ärzten – rund 70 Prozent der Mediziner sind weiblich – muss Rücksicht auf die Familienplanung genommen werden. Nach der Geburt eines Kindes können und möchten viele nicht direkt wieder in Vollzeit arbeiten. Als größeres Unternehmen mit dem Fokus auf diesem Gebiet, sind wir in der Lage, deutlich flexibler auf unsere Kollegen einzugehen. Ich denke, bei uns kriegen die Ärzte einfach mehr als bei anderen Alternativen.
Wie genau möchten Sie dem Hausärztemangel mit GoMedicus gegensteuern?
Wir verstehen uns als modernes Bindeglied zwischen Arzt und medizinischem Team sowie den Patienten – sowohl auf emotionaler, technologischer als auch organisatorischer Ebene. Das heißt: Wir nehmen den Praxen, die in unserem Netzwerk arbeiten, administrative Tätigkeiten ab. Nicht vorstellbar ist für viele Patienten, dass bürokratische Aufgaben 30 bis 40 Prozent der Ressourcen eines Hausarztes binden. Wir sehen daher einen stetigen Zuwachs von Neupatienten in unseren Praxen. Es ist Alltag, dass uns verzweifelte Anrufe erreichen, weil Neupatienten woanders regelmäßig abgelehnt werden.
Das bedeutet aber auch, dass Patienten bei GoMedicus keinen festen Hausarzt mehr haben, wie in der Vergangenheit üblich. Äußern Patienten diesbezüglich Sorgen?
Neubert: Ich denke erstmal sind unsere Patienten froh, dass jemand für sie da ist. Dass Patienten über 40 Jahre nur ein und denselben Hausarzt haben, wird in Zukunft eher der Ausnahmefall sein. Aber natürlich versuchen auch wir, die Konsistenz in der ärztlichen Betreuung zu gewährleisten. Häufig kommt es auch auf die Dringlichkeit des Patientenanliegens an. Wenn ich Morgen einen Termin benötige, dann kann es sein, dass ich nicht von meinem Wunscharzt behandelt werden kann. Hat das Anliegen aber noch zwei oder drei Tage Zeit, ist dies eher möglich. Wir wollen Patientenanliegen bestmöglich berücksichtigen.
Welche Wünsche haben Sie an die Politik, dass der Ärztemangel effizienter bekämpft werden kann?
Neubert: Innovativen und besonders vernetzten Konzepte müssen die Steine aus dem Weg genommen werden. Ein Beispiel: Bis wir eine Praxis übernehmen können, dauert es häufig bis zu sechs Monaten, bis der Antrag bei der kassenärztlichen Vereinigung durch und die Freigabe gültig ist, auch wenn bis dahin schon hunderte Patienten bei uns anklopfen. Ich habe das Gefühl, wir rennen immer wieder gegen eine Wand und sind von statischen Rahmenbedingungen abhängig. Aber wir spüren, dass die Politik so langsam das Problem erkennt und erfahren vielfach auch Unterstützung von der Kassenärztlichen Vereinigung und anderen. Wichtig ist jedoch, dass es nicht zu viele Einzelinitiativen gibt, sondern eben integriert gedacht wird. Das treiben wir dann mit den Partnern voran.