An den Albstädter Künstler Bernd Zimmermann, der im Juni starb, erinnert eine Ausstellung in seiner Paulusgalerie, die seine Freunde und Familie posthum gestaltet haben. Beim Besuch entsteht der Eindruck: Er ist immer noch da.
Wer zum ersten Mal die Paulusgalerie in Tailfingen betritt, wie bei der posthumen Ausstellung, und dem Oeuvre von Bernd Zimmermann begegnet, stutzt zunächst. Denn er fühlt sich beobachtet, zugleich behütet, umarmt, getröstet oder herausgefordert zu handeln. Denn da sind Augen, Ohren, Münder, Hände, Beine, erhobene Zeigefinger, Füße, Brüste, abstruse Frisuren, ganze Gesichter als Bild oder Figur. Das alles meist reduziert bis aufs Äußerste und deshalb so gewärtig, so eindrucksvoll, so magisch und die Vertiefung in ein Objekt fast meditativ.
Es hat etwas Gewaltiges diese Überzeichnungen von Hören, Schmecken, Sehen, Fühlen. Und dann dieses Haus mit seinen Winkeln, Ecken und schmalen Treppen, seinen antiken Möbeln, die wohl nicht kostbar sind, aber außergewöhnlich originell. Mit seinen wunderschönen ehemaligen Kirchenfenstern, die ein mildes, versöhnliches Licht streuen. Oder solche, die mit Efeu überwuchert sind, so dass man sich fühlt wie im tiefen Wald.
Tausende Exponate sind in der Tailfinger Paulusgalerie zu sehen
Halt! Fast wäre die Kunst von Bernd Zimmermann, der im Juni gestorben ist, bei der Schwärmerei für dieses Künstlerhaus in den Hintergrund geraten. Aber das geht gar nicht. Denn auf drei Stockwerken lassen sich derzeit bei einer Sonderausstellung bis März 2024 hunderte, wenn nicht tausende von Exponaten des Menschenliebhabers und -gestalters betrachten, aufsaugen, bestaunen ohnehin. Bernd Zimmermann muss bis fast zuletzt gearbeitet und experimentiert haben wie ein Brunnenputzer.
Unfassbar eigentlich, dass ein Künstlerleben lang ein einziges Sujet mit Zig Techniken gepflegt wird mit solcher Konsequenz, Unermüdlichkeit und natürlich großem Erfolg.
Er hat früh begonnen damit, seinen Stil zu entwickeln, wie sein Schwiegersohn Christian Nickert bei der fast schon überlaufenen Vernissage am verschneiten Ewigkeitssonntag allen Gästen bei seiner Führung zeigt. Ganz oben auf dem Flur sind auf Leinwand – noch – gesichtslose, aber ziemlich farbenfrohe Figuren zu sehen. Die Hände sind noch eher Rudimente.
Es war Bernd Zimmermann selbst, der sich diese posthume Ausstellung wünschte. Sein Schwiegersohn tut das bei seiner Begrüßung mit zurückgehaltenen Tränen kund: „Es ist ein komisches Gefühl, so ohne ihn. Ich bin ungemein gerührt.“ Die Hängung und Anordnung der Bilder mit der Korrespondenz zu Figurinen und Skulpturen habe der Künstler selbst bestimmt.
Eigentlich viel zu viel für 300 Quadratmeter
So herrscht im Chaos eine gewisse Ordnung. Dominate Einzelstücke stehen für sich, andere bilden Gruppen, Serien, Narrative. „Viel zu viel eigentlich auf 300 Quadratmetern. Das ist so raumgreifend, überwältigend“, beginnt die Laudatio der langjährigen Weggefährtin und Freundin, der Balinger Galeristin Heidrun Bucher-Schlichtenberger. Im wahrsten Sinne pars pro toto sei zu sehen, mithin hier ars pro toto. Denn Bernd Zimmermann hat nicht nur gemalt, sondern schon bald angefangen seine Motive mit Ton auszuformen und diese selbst zu glasieren und zu brennen. Der große Brennofen gibt davon Zeugnis.
Zuletzt hat Bernd Zimmermann sich das Sprayen zu Eigen gemacht
Es gebe somit kaum eine Technik, mit der sich der Maler und Bildhauer nicht erfolgreich auseinandergesetzt habe: neben Terrakotten bis hin zu Lebensgröße, Aquarellen, Acryl- und Ölmalerei, Zeichnungen, Holzschnitten, Bronzen Eisen- und Aluminiumplastiken. Zuletzt habe er sogar noch zu sprayen begonnen und dabei mit Schablonen gearbeitet wie die Profis. Dabei habe Bernd Zimmermann sein Leben lang so gehandelt, wie es in einem Vers des Liedermachers Konstantin Wecker heißt: „Genug ist nicht genug.“
Ausstellung Bernd Zimmermann, Paulusgalerie Tailfingen, jeden ersten Samstag, 12 bis 15 Uhr, bis März 2024. Infos bei Daniela Nickert, Telefon 0162/33 66 424.