Die meisten Schwerverletzten sind Radler – allzu oft ohne Helm. Foto: dpa

Höchste Zahl an Karambolagen seit 30 Jahren. Polizei will schärfer kontrollieren.

Stuttgart - Zwei Radfahrer, ein Volltreffer: Zwei 28 und 29 Jahre alte Männer sind in der Nacht zum Mittwoch alkoholisiert mit ihren Rädern in der Josefstraße in Degerloch unterwegs, prallen auf der abschüssigen Strecke mit voller Wucht gegen einen geparkten Pkw. Einen Schutzhelm haben sie nicht auf – sie müssen schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden.

Wieder zwei Schwerverletzte mehr – dabei sind Radfahrer in Stuttgart ohnehin die am stärksten Betroffenen: „Keine andere Gruppe unter den Verkehrsteilnehmern hat mehr Schwerverletzte“, sagt Roland Haider, Chef der Stuttgarter Verkehrspolizei.

Bei der Vorstellung der Unfallstatistik ist das für ihn die alarmierendste Nachricht: Mit 80 Schwerverletzten stehen Radler auf Platz eins der Unfallopferliste. Zusammen mit 64 Motorradfahrern „stellen Zweiradfahrer sogar fast die Hälfte“, so Haider. Zum Vergleich: Unter den Autofahrern gab es 53 Schwerverletzte.

497 Radunfälle – so viele hat es seit über 30 Jahren nicht gegeben. Doch Radfahrer sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter – weil sie zu knapp 54 Prozent die Unfälle selbst verursachen. „Außerdem steht etwa jeder fünfte verunglückte Radfahrer unter Alkoholeinfluss“, sagt Haider, „hier müssen wir bei der Prävention ansetzen.“

Thema Alkohol nicht ernst genommen

Die verunglückten Radfahrer von Degerloch passen da genau ins Bild – auch sie hatten offenbar über den Durst getrunken. Viele Radler nehmen das Thema Alkohol offenbar nicht richtig ernst. Haider fordert außerdem, dass die Fahruntüchtigkeitsgrenze für Radfahrer von 1,6 auf 1,1 Promille heruntergesetzt werden müsste – wie sie auch für Autofahrer gilt.

Freilich: Verstärkte Kontrollen durch die Polizei sind kaum möglich. Bei den Radunfällen gibt es keine örtlichen Schwerpunkte – „deshalb kann man nur schwer gezielt vorgehen“, räumt der Verkehrspolizeichef ein. Außerdem hätten Kontrollen von Radfahrern, so Haider, „immer ein Konfliktpotenzial“. An Radler ist nur schwer heranzukommen, sie sind wendig, schnell, können über Seitenwege flüchten.

Die hohe Zahl von Zweiradunfällen im vergangenen Jahr ist wohl auch der sonnigen Wetterlage geschuldet. Ein langer warmer Frühling und ein milder Herbst – da waren wohl mehr Radler und Biker unterwegs. Die Zahl der Fahrradunfälle stieg um mehr als 27 Prozent auf 497, die Zahl der Motorradunfälle um knapp 21 Prozent auf 451.

Bei jedem dritten Unfall kein Helm

Die Polizei ist indes weit davon entfernt, mehr Radwege in Stuttgart zu fordern: „Radler fühlen sich auf Radwegen zu sicher“, sagt Haider. Dabei passierten die Unfälle vor allem dann, wenn eine Fahrbahn überquert werden muss: „Dann geraten Radfahrer und Autofahrer unverhofft aneinander“, so Haider. Besser wär’s , wenn Radler sichtbar im Verkehr auf Sonderspuren mitschwimmen würden.

Was dem Autofahrer der Gurt, sollte dem Radfahrer der Schutzhelm sein. Bei jedem dritten Unfall trugen die Radler keinen Helm – mit meist schlimmen Folgen. Der Schutz ist bisher freiwillig. Da könnte sich der Gesetzgeber mehr einfallen lassen, findet Norbert Walz, stellvertetender Stuttgarter Polizeipräsident: „Gegen eine Helmpflicht hätte ich nichts einzuwenden.“ Vor wenigen Wochen, am 28. Februar, starb ein 74-jähriger Radler auf einem Radweg in Bad Cannstatt an schweren Kopfverletzungen.

Nur in 0,5 Prozent der Fälle technischer Defekt

Dass es in Stuttgart 2011 mit knapp 25.200 Verkehrsunfällen die höchste Zahl der letzten 30 Jahre gegeben hat – „damit können wir nicht zufrieden sein“, stellt Walz fest. Zumal Unfälle nicht einfach nur passierten, sondern zumeist Folge menschlichen Fehlverhaltens sei. Nur 0,5 Prozent der Verkehrsunfälle seien auf einen technischen Defekt zurückzuführen. „Wir werden deshalb mit unseren Kontrollen nicht nachlassen“, so der Vize-Polizeipräsident.

Viel zu tun gibt es an den örtlichen Unfallbrennpunkten – und da sind nicht nur Kon­trollen nötig. Am häufigsten scheppert es am Österreichischen Platz im Stuttgarter Süden – mit 21 Unfällen. Auf Platz zwei kommt die Gaisburger Brücke im Osten mit 19 Karambolagen. Platz drei mit 14 Unfällen teilen sich die Heumadener/Rohrackerstraße in Hedelfingen und die Cannstatter/Villastraße im Osten. Relativ gefährlich geht es mit 13 Unfällen in der Cannstatter/Heilmannstraße im Osten und der Heilbronner/Sieglestraße in Feuerbach zu.

Übrigens: 25.200 Unfälle sind zwar der höchste Wert in den letzten 30 Jahren – doch damals war der Blutzoll erheblich höher. Starben im letzten Jahr elf Menschen auf Stuttgarts Straßen, so waren es 1982 – bei lediglich 19.810 Unfällen – 47 Todesopfer. Mehr als viermal so viele.