Die Pflege ist selbst zum Notfall geworden. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Hauke-Christian Dittrich

Laut Umfrage haben 95 Prozent der Baden-Württemberger die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals im Blick. Fast allen Befragten ist wichtig, dass die Gesundheitsversorgung für den Einzelnen bezahlbar bleibt.

In Deutschland herrscht seit Jahren Pflegenotstand. Doch wie den Fachkräftemangel beheben? Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bosch Health Campus (BHC) in Stuttgart, die unserer Zeitung exklusiv vorliegt, sprechen sich 95 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg dafür aus, dass sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern sollten, etwa durch höhere Bezahlung und den Lebensbedingungen angepasste Arbeitszeiten.

 

Bürgerinnen und Bürger sind offen für andere Versorgungsformen

Für 58 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Land ist es zudem sehr wichtig, dass mehr in die Ausbildung von medizinischem und Pflegepersonal investiert wird und dass sich Ärzte und Pflegekräfte für den einzelnen Patienten mehr Zeit nehmen können.

Insgesamt fühlt sich ein Großteil der insgesamt 1000 Befragten im Land zwar immer noch gut versorgt. Viele wünschen sich jedoch eine zentrale Anlaufstelle für gesundheitliche Fragen und mehr Unterstützung, um sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. „Bei den Bürgerinnen und Bürgern wächst das Gefühl, dass das bestehende System nicht mehr leisten kann, was für eine optimale Versorgung nötig ist“, sagt Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des BHC, einer Einrichtung der Robert-Bosch-Stiftung. „Sie sind daher offen für andere Versorgungsformen.“ Gerade für strukturschwache Regionen erscheint es vielen Befragten (81 Prozent) wichtig, Gesundheitszentren aufzubauen, in denen verschiedene Gesundheitsberufe zusammenarbeiten.

Innovative Konzepte etablieren sich mittlerweile

Die Umfrage zeigt auch, dass sich solche innovativen Konzepte langsam etablieren: Gegenüber einer vergleichbaren Umfrage im Februar 2023 ist die Bekanntheit in den vergangenen Monaten von 26 auf 35 Prozent gestiegen. „Die umfassende und kontinuierliche Begleitung von Patientinnen und Patienten ist das Ziel unserer PORT-Zentren, also den Patientenorientierten Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung, die derzeit bundesweit in Modellprojekten erprobt werden“, so Alscher weiter. Diese Zentren könnten zudem die Gesundheitskompetenz der Menschen stärken – „und allen die gleiche Versorgungsqualität bieten“.

Auch die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann hebt hervor, dass „innovative Ansätze unumgänglich sind“, um dem Fachkräftemangel und dem demografisch bedingt höher werdenden Bedarf der Bevölkerung begegnen zu können: „Wir unterstützen in diesem Zusammenhang insbesondere den Ansatz der Robert-Bosch- Stiftung, um mit den PORT-Zentren multiprofessionelle Vernetzung zu fördern.“

Viele Befragte sehen in der Digitalisierung eine Chance

Der Wunsch nach umfassender und langfristiger gesundheitlicher Begleitung kann nach Ansicht vieler Befragten auch durch die schnelle und unbürokratische Einführung der elektronischen Patientenakte Wirklichkeit werden: „Die Digitalisierung wird von den Bürgerinnen und Bürgern als Möglichkeit gesehen, die viel Entlastung bringen kann“, sagt Irina Cichon, Senior Expertin am BHC. Denn Befunde, Überblicke über Diagnosen und weitere gesundheitsrelevante Daten stehen so auf Abruf und übersichtlich jedem konsultierten Arzt zur Verfügung. „Jetzt geht es darum, digitale Services einfacher nutzbar zu machen“, sagt Nadia Muss, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) in Baden-Württemberg, im Hinblick auf die Umfrage.

Eine Lösung, Kosten zu senken, kann die Vorsorge sein

Danach befragt, was in der Gesundheitsversorgung künftig für Prioritäten gesetzt werden müssen, geben fast alle Befragten an, dass diese für den Einzelnen bezahlbar bleiben muss – 77 Prozent der Baden-Württemberger erachten das für sehr wichtig, weitere 22 Prozent für wichtig. Zudem betrachten 70 Prozent der Befragten eine solide Finanzierung des Systems als sehr wichtig, 26 Prozent als wichtig: „Die Politik muss deshalb Maßnahmen ergreifen, um die Finanzierung von Gesundheit zukunftssicher aufzustellen, und nicht jährlich die Beitragszahlenden weiter belasten“, fordert Nadia Muss.

Eine Möglichkeit, Kosten zu senken oder sogar zu vermeiden, kann die Vorsorge sein. Maßnahmen rund um das Thema Gesundheitsprävention halten somit 64 Prozent der Befragten für hilfreich. „Zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit muss die Prävention noch mehr in den Fokus genommen werden“, sagt Sozialbürgermeisterin Sußmann. „Auf Landes- und Bundesebene sollte der Öffentliche Gesundheitsdienst in diesem Zusammenhang als eigenständige Säule der Gesundheitsversorgung gestärkt werden.“