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Ulrich Raulff gesteht es gleich zu Beginn seiner Lesung im Stuttgarter Literaturhaus: „Es ist ein bösartiges Buch.“ Die Rede ist von Raulffs gewichtiger Veröffentlichung „Kreis ohne Meister“.

Stuttgart - Ulrich Raulff gesteht es gleich zu Beginn seiner Lesung im Stuttgarter Literaturhaus: „Es ist ein bösartiges Buch.“ Joachim Kalka, sein Gesprächspartner auf dem Podium, findet dies erfreulich und ergänzt die Einordnung um ein weiteres Adjektiv: „Bösartig und elegant“ sei es, das Buch.

Die Rede ist von Raulffs gewichtiger Veröffentlichung „Kreis ohne Meister“, im Buchhandel seit Mitte September; die Boshaftigkeit und die Eleganz, sie zielen auf den weit gestreuten Kreis an Schülern, die der Dichter Stefan George der Nachwelt hinterließ. Dem ist in Stuttgart mit seinem George-Archiv selbstverständlich ein großes Publikum beschieden: Der gut gefüllte Saal des Literaturhauses zeigt es ebenso wie die lange Diskussion zwischen Raulff und den wohlinformierten George-Lesern im Publikum, die den Abend beschließt.

Da taucht sie dann auch auf, die Frage, was denn der Sinn einer solchen Publikation sei – und ob der „Kreis ohne Meister“ nicht an Umstände und Positionen erinnere, die das deutsche Selbstbewusstsein seither glücklich vergessen habe.

Ulrich Raulff bleibt die Antwort auf diese wie auf manch andere Frage schuldig, er ist der Historiker, der sogleich mit sichtlichem Vergnügen dem Sog der Geschehnisse anheimfällt. Und die Geschehnisse, die er schildert, breiten sich in immer weiteren Kreisen bis in die 1960er Jahre hinein aus.

Ein Traum, den er zu Beginn der Arbeit hegte, sagt Raulff, sei es gewesen, eine umfassende Ideengeschichte des George-Kreises zu schreiben, die zurückreichen sollte bis zu Novalis: ein Triptychon, von dem er nun letztlich nur den dritten Teil ausführte - aber allein dieser umfasst schon 500 Seiten. Das Nachleben des "Meisters" George jedoch ist für Raulff ein Kunstwerk für sich, ganz und gar nicht in einem Sinne, der Georges Beifall gefunden hätte: ein hochneurotisches Echo, das durch die Jahrzehnte hallt, durchzogen von Eifersüchteleien, Intrigen und skurrilen Figuren.

Raulff zeichnet mit der zunehmenden Verzettelung des George-Kreises, einer "kaputten Apostelgeschichte", auch den "Niedergang einer Idee" nach, eines bizarren Personenkultes und einer elitären Haltung, die von heutiger Warte aus nur noch befremdlich wirkt und doch ein wichtiges Kapitel deutscher Geistesgeschichte darstellt.

Auf dem Umschlag von Ulrich Raulffs Buch ist eine sonnige Karibikbucht zu sehen - in ihr wurde 1963 auf Wunsch des Verstorbenen die Asche von Ernst Kantorowicz verstreut, des letzten und bedeutendsten Schüler Georges. Wenn Raulff nun aus einem Brief zitiert, in dem Kantorowicz 1963 als Gast in Kalifornien von den dortigen Studenten schwärmt: "Sie sind ungewöhnlich gutrassig, im Durchschnitt (...) völlig pagan, die wenigsten sind getauft, infolgedessen sind sie ganz unmuffig, vielmehr gut belüftet", dann ist er ganz der amüsierte Historiker, der diese umfangreiche Montage aus Anekdoten, Zeugnissen und Dokumenten mit einem boshaften Lächeln zusammenstellte.

Mit dem Brief eines Zeitzeugen, den Raulff erst nach der Veröffentlichung seines Buches erhielt, endet die Stuttgarter Lesung. Der Bericht zeigt, wie Georges Gespenst noch nach Kriegsende durch die Köpfe von Pädagogen geisterte - während den Schülern bereits klarwurde, dass diese Idee der Vergangenheit angehörte.

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