Im Literaturhaus Stuttgart haben Wissenschaftler, Journalisten und Kulturschaffende aus Osteuropa über den Krieg in der Ukraine gesprochen. Das Land trägt die Hauptlast einer Auseinandersetzung, die uns alle betrifft.
Millionen Flüchtlinge, Tausende Tote auf allen Seiten, eingekesselte und zerstörte Großstädte, Schneisen der Verwüstung. Seitdem alles begonnen hat, misst man die Zeit in der Ukraine anders. Nicht mehr Anno Domini, sondern Anno Belli. In einem bewegenden Text, den die aus der Ukraine stammende Autorin Tanja Maljartschuk vor wenigen Tagen geschrieben hat, lenkt sie den Blick auf den „Abgrund der Menschlichkeit“, der sich an dieser Zeitenwende geöffnet hat. Russische Panzer rücken vor und besetzen ihr Herz, die Wörter erstarren, sterben ab mit jeder weiteren Rakete, die ihre Welt beschießt und zerfetzt: „Ich bin keine Schriftstellerin mehr, und werde es vielleicht nie wieder sein können.“
In der Vorkriegszeit war Maljartschuk einmal Bachmannpreisträgerin. Nun sitzt sie auf dem Podium des Stuttgarter Literaturhauses und führt in ihrem Text zusammen, was an diesem Abend in drei atemlosen Stunden entfaltet wird. In einem aus dem Entsetzen geborenen spontanen Organisationskunststück hat die Leiterin des Hauses, Stefanie Stegmann, Wissenschaftler, Journalisten, Kulturschaffende aus Berlin, Czernowitz, Iwano-Frankiwsk, Minsk und New York auf realen und digitalen Wegen versammelt. Schon allein dieses gemeinsame In-Erscheinung-Treten ist ein tröstliches Zeichen inmitten der sich jagenden Nachrichten von Verlust, Tod und Auslöschung.
Bequemer Moralismus
Der langjährige Russlandkorrespondent des „Spiegel“, Christian Neef, hat Zweifel, ob die deutsche Gesellschaft wirklich verstanden hat, worum es geht. Er zitiert Leserbriefe, in denen die Ukrainer aufgefordert werden, sich zu ergeben – ihr Widerstand würde alles nur noch verschlimmern. Neef sieht in solchen Äußerungen den Versuch, sich in einer mit bequemem Moralismus und Pazifismus ausgekleideten Komfortzone zu verschanzen. Und er erinnert daran, was ein Niederlegen der Waffen wirklich hieße: Exekutionen, Schaugerichte, Folterkeller.
Dagegen sieht der Osteuropahistoriker Karl Schlögel in den weltweiten Demonstrationen und der großen Hilfsbereitschaft ein spontanes Begreifen dessen, was alle Vorstellungskraft übersteigt. Angesichts des dritten Imperiums, das Putin im Auge habe, fühlt er sich an die 1930er-Jahre erinnert, an eine Zeit der Verwirrung, in der alles passieren kann: „Die Ukraine trägt die Hauptlast einer Auseinandersetzung, die uns alle betrifft.“ In der Blockade Charkiws, den Massakern in Mariupol sieht er wiederkehren, was die Deutschen einst in der Gegend angerichtet haben: „Eine Erinnerung ist nur soviel wert, wie sie hilft, die Gegenwart zu erkennen.“ Flugverbotszonen könnten für ihn ein Mittel sein, immer noch Schrecklicheres abzuwenden, ebenso eine Luftbrücke zur Versorgung der eingekesselten Städte. An eine wirtschaftliche Zermürbung der russischen Bevölkerung glaubt Schlögel weniger, eher an eine Zermürbung der westlichen Entschlossenheit.
Angst vor einem Kratzer
Diese Befürchtung teilen die beiden belarussischen Schriftsteller Sasha Filipenko und Viktor Martinowitsch. Filipenko schildert eine Szene, die er vor einiger Zeit in Stuttgart erlebt hat. Nach einer Operation war er gezwungen an Krücken zu gehen, beim Einsteigen in sein Auto schien ihm ein Nachbar helfen zu wollen, doch es stellte sich heraus, dass dieser nur einen eventuellen Kratzer an seinem eigenen Wagen verhindern wollte. Genau das sei es, was gerade passiert: „Europa hat Angst, einen Kratzer abzubekommen und verweigert entschiedenere Maßnahmen. Im selben Moment beliefert China Russland mit Waffen.“
Auch Viktor Martinowitsch warnt, die gleichen Appeasement-Fehler noch einmal zu machen, die 1938 ins Verderben geführt haben. Tanja Maljartschuk will den beiden darin nicht folgen. Europa schaue nicht nur zu. Und auch wenn sie in ihrem Text beschrieben hat, wie der Krieg die Sprache zerstört, ist sie es, die ihre Kollegen daran erinnert, dass sie Schriftsteller und keine Militärs seien.
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Aus der Ukraine zugeschaltet beschreibt Oxana Matiychuk, wie der Krieg auch ihr einen Berufswechsel aufzwingt: „Früher war ich Kultur-, jetzt bin ich Krisenmanagerin.“ Die Schriftstellerin und Verlegerin Kateryna Mishchenko erzählt von Historikern, Regisseuren und Künstlern, die jetzt ihr Land verteidigen. Aus Kiew ist sie mit Mann und Kind in die Westukraine geflohen. Bis auf einen Koffer musste sie alles zurücklassen. Sie würdigt die humanitäre Hilfe, wünscht sich aber mehr politische Entschlossenheit: „Man muss sich Gedanken machen, wie der Krieg zu stoppen ist, und nicht nur, wie man uns aufnehmen kann. Wir wollten Europa in unserem Land aufbauen. Das sollte man nicht vergessen.“
Immer wieder ist an diesem Abend die Angst zu spüren, die Welt könnte sich mit einer zerstörten Ukraine arrangieren und irgendwann in einen Interessengetriebenen Modus Vivendi mit Russland zurückfinden. Die Moralisten würden sich hinter ihrem Pazifismus ducken, die Ökonomen hinter Rohstoffinteressen. Dann wäre alles umsonst gewesen.