Wo im Film ein Panzer ist, zielten die Soldaten am Set auf Grün. Foto: Netflix

Ein Winterabend am Schlossplatz bremst das Open Air aus, der Animationsmeister Gil Alkabetz kommt zu Ehren. Bei der FMX wird offenbar, wie viele unsichtbare Tricks nötig waren, um reales Grauen herzustellen im Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“.

Für die Jahreszeit zu kalt – dieser meteorologendeutsche Satz bringt auf den Punkt, worunter das Open Air des Stuttgarter Trickfilmfestivals immer wieder leidet. Bei unter zehn Grad harren am Mittwoch nur hart gesottene vor der Großleinwand am Schlossplatz aus, um sich Marjane Satrapis Klassiker „Persepolis“ (2007) anzuschauen.

 

Der autobiografisch gefärbte Animationsfilm ist aktueller denn je angesichts der Brutalität, mit der das iranische Regime das jüngste Aufbegehren der Frauen im Iran niedergeschlagen hat. Satrapi zeigt, wie das Mullah-Regime einfach gestrickten Kerlen Macht gibt und toxische Männlichkeit zur Staatsräson erhebt. Die verfilmte Graphic Novel ist ein visueller Augenschmaus und hat nichts von ihrer Kraft verloren – allein als Solidaritätsbekundung für die iranischen Frauen hätte diese Vorführung einen vollen Schlossplatz verdient gehabt.

Die Sinnlosigkeit des Krieges auf den Punkt gebracht

Vorangegangen ist ein historisches Programm mit Kurzfilmen einheimischer Animationskünstler – einige aus der legendären Kunstakademie-Trickfilmklasse des legendären Professors und Trickfilm-Festival-Gründers Albrecht Ade. Susanne Fränzels Tiefflieger-Simulation „Bravo Papa 2040“ (1989) kommt da ebenso noch einmal zu Ehren wie „Nuggets“ (2014), Andreas Hykades brillante Analyse, wie leicht Kreaturen Süchten verfallen. Und „Sumpf“ (1991), ein Meisterwerk des 2022 verstorbenen, mit Stuttgart eng verbundenen Israelis Gil Alkabetz. Da dezimieren sich Armeen, an Ballons über einem Sumpf schwebend – die Sinnlosigkeit von Kriegen wie dem aktuellen des russischen Diktators lässt sich kaum gewitzter darstellen.

1957 in Tel Aviv geboren, kam Alkabetz 1990 mit einem Stipendium in Ades Trickfilmklasse, animierte mit einem feinen Sinn für Humor und war regelmäßig im Internationalen Wettbewerb des Trickfilm-Festivals. „Rubicon“ (1997) ist eine pointierte Version des Denkspiels, wie ein Mann einen Wolf, ein Schaf und einen Kohlkopf so über einen Fluss setzen kann, dass weder Kohl noch Schaf gefressen werden. In „Ein sonniger Tag“ leidet die Sonne, denn sobald sie erscheint, schirmen sich die Menschen von ihr ab. Alkabetz findet einen Weg, wie sie sich dennoch geliebt fühlen kann.

Eine Nachhaltigkeits- und Wokeness-Satire

„Die Grundidee muss nicht lustig sein, der Witz entwickelt sich“, hat er 2007 unserer Zeitung gesagt. „Trickfilme sind wie Karikaturen, sie haben etwas Übertriebenes.“ Alle seine Filme laufen an diesem Freitag in einer Hommage im Gloria 1.

Eine Perle der Animationskunst gibt es im Wettbewerb Trickstar Nature zu sehen: Die Nachhaltigkeits- und Wokeness-Satire „A World in Chaos“ (Ungarn) von David Crisp. Wie ein Fuchs da über Hühner spricht, persifliert perfekt toxische Männlichkeit, ein Krokodil ereifert sich über all die Fremden, die einfach an seinen Fluss kommen und daraus trinken, ein Koala erklärt, der Klimawandel sei ein Mythos, während sein Wald schon brennt. Und ein Zoo-Elefant aus London auf Afrika-Reise verbittet sich, von einem einheimische Artgenossen „Afrikaner“ genannt zu werden. Da sitzt jedes Wort, jede Geste.

Eine kleine Hündin hält Polar-Abenteurer bei Laune

Im Spielfilmwettbewerb AniMovie ist die norwegische Produktion „Titina“ im Rennen. Historisch belegt bestellt der norwegische Entdecker Roald Amundsen ein Luftschiff bei dem italienischen Ingenieur Umberto Nobile. 1926 überfliegen Amundsen und Nobile in blitzsauberer Zeichentrick-Anmutung den Nordpol – doch keiner gönnt dem anderen den Ruhm. Immer dabei: die Titelheldin, eine putzig animierte Hündin.

„Es ist sehr ungewöhnlich, dass Titina dabei sein durfte“, sagt die norwegische Regisseurin Kajsa Naess am Mittwoch vor rund 50 Zuschauern im Gloria 1. „Die Verpflegung war knapp auf solchen Expeditionen, da wurden höchstens Arbeitshunde mitgenommen – Titina hatte keine offizielle Funktion.“ Die inoffizielle fiktionalisiert sie nachvollziehbar: Das Hundchen hat womöglich alle bei Laune gehalten. Eine richtige Protagonistin wird nicht aus ihr – eher ein Grund, den Film zu Ende anzuschauen trotz des unerträglichen Gerangels eitler Männer.

Bei der FMX geht es oft darum, wie visuelle Effekte (VFX) in Realfilmen so eingefügt werden, dass das Publikum sie gar nicht bemerkt. Der VFX-Supervisor Frank Petzold spricht folgerichtig über die „unsichtbaren Effekte“ für „Im Westen nichts Neues“. Vier Oscars hat der Antikriegsfilm geholt, für VFX war er nominiert – und musste sich dem Effekt-Spektakel „Avatar 2“ geschlagen geben.

Viele digitale Effekte auf dem Schlachtfeld – und ein paar analoge

Petzold zeigt das Schlachtfeld auf einem ehemaligen Militärflughafen bei Prag, von den Setdesignern mit Schützengräben, Stacheldraht und Bombenkratern ausgestattet. Petzold hat Myriaden an Details digital hinzugefügt: Flammen, Rauch, Explosionen, Dunst, Panzer, kalte Atemluft vor Soldatenmünder. Auch analoge Tricks setzt Petzold ein, er war schon an der Alien-Groteske „Starship Troopers“ (1997) beteiligt und kennt die alte Schule noch. Wenn ein Panzer einen Schützengraben durchquert, rieselt von den Ketten Erde auf am Boden liegende Soldaten – beim Dreh von einem geschüttelten Brett, das über dem Graben lag. „Wir hatten großen Respekt vor dem Stoff“, sagt Petzold. „Nichts sollte von der Handlung ablenken.“ Mission erfüllt – das Grauen wirkt real.

Trickfilm-Festival am Freitag

Kino
Das Programm zu Ehren von Gil Alkabetz läuft um 20.30 Uhr im Gloria 2, im Gloria 1 ist um 18.30 Uhr der Spielfilm „Charlotte“ und um 21 Uhr Teil 4 des internationalen Wettbewerbs zu sehen.

Open Air
Um 15 Uhr ist der südafrikanische Spielfilm „Khumba – das Zebra ohne Streifen am Popo“ zu sehen, um 20.15 Uhr „Rocks in my Pockets“ der Ehren-Trickstar-Preisträgerin Signe Baumane über Depressionen und wie man sie überlisten kann.