„Mushka“ huldigt dem Disney-Zeichentrick und „Pinocchio“ dem analogen Puppentrick, während Künstliche Intelligenzen dabei sind, alles zu verändern.
Dave McKean (59) ist aufgebracht: Der englische Illustrator hat mit künstlicher Intelligenz (KI) experimentiert. Hinter ihm liegt eine lange Karriere, er hat für den Autoren Neil Gaiman unter anderem die Comic-Reihe „The Sandman“ gestaltet, die 2022 zur Netflix-Serie wurde. Nun sieht er seine Kunst am Scheideweg.
„Als ich erfahren habe, was die neuen KIs können, lag ich einen Tag lang in Embryonalstellung auf dem Boden“, sagt er am Donnerstag bei der Konferenz FMX im Haus der Wirtschaft. „Dann habe ich beschlossen, mich dem zu stellen.“ McKean hat die KI-App Midjourney mit Zeitungsseiten gefüttert, heraus kamen etwa deformierte Bilder von Boris Johnson. „Alles sah so ähnlich aus wie meine Arbeiten, es war verblüffend“, sagt McKean. Doch seine Nachbarin, „eine KI-Professorin“, habe gesagt: „Midjourney kennt deine IP-Adresse, weiß, was du machst, und orientiert sich daran.“ Er schaute nach und konnte genau sehen, welche seiner Motive die KI benutzt hatte.
„Wie ein Zuckerrausch“
McKean zeigt ein Albumcover mit engelsartigen Gestalten: „Die App braucht dafür zehn Minuten, ich, wenn ich das male, zwei Wochen. Ich bin sehr ambivalent – noch nie lagen geringer Aufwand und das Ergebnis weiter auseinander.“ Er habe Motive umgearbeitet und „das Gefühl, dass ich die KI benutze und nicht umgekehrt. Aber es war wie ein Zuckerrausch, nach kurzer Zeit wurde mir schlecht. Es war faszinierend, aber auch langweilig, ermüdend – und keine Kunst.“ Der Illustrator sieht eine Zeitenwende: „Die KI kopiert nicht, sie imitiert. Für mich ist Kreativität ein Prozess, nicht nur ein Ergebnis. Kunst macht es uns möglich, das Leben durch die Augen anderer zu sehen. Bei einer KI fällt das weg.“
Im Publikum ist auch Jan Pinkava, Oscar-Preisträger und neuer Leiter des Ludwigsburger Animationsinstituts. Er lädt McKean ein, seine Einblicke den Studierenden zu vermitteln. „Ich wollte eigentlich nichts mehr damit zu tun haben!“, antwortet der Referent gequält– doch Pinkava lässt nicht locker, und schließlich lenkt McKean ein.
In ganz anderen Sphären bewegt sich die Zeichentrick-Legende Andreas Deja, der 1980 von Dinslaken nach Hollywood zog und als Zeichner bei Disney an Filmen wie „Die Schöne und das Biest“, „Arielle“ und „König der Löwen“ mitarbeitete – bis der Konzern Anfang der Nullerjahre ganz auf 3D-Computeranimation umstellte und die Zeichentrickabteilung auflöste. Die Europa-Premiere von Dejas halbstündigem Regie-Debüts „Mushka“ beim Stuttgarter Trickfilm-Festival (ITFS) ist dennoch Teil der Feierlichkeiten zum 100. Disney-Geburtstag.
Ein typische Disney-Mädchenfigur
Kein Wunder: Die liebreizende Hauptfigur Sarah sieht aus und bewegt sich wie eine typische Disney-Figur, bei der man in Nahaufnahme deutlich die Zeichenstriche sieht. Wie eine Hommage an eine Ära wirkt das Werk – und so ist es gemeint: „Ich war immer fasziniert von Figuren wie Alice oder Wendy in ,Peter Pan‘“, sagt Deja im Interview. „Das ist so eine nuancierte, sensible, charmante Art, ein Mädchengesicht zu gestalten. Das Skizzenhafte wie bei ,101 Dalmatiner‘ ist auch Absicht. Man erkennt wie früher die Zeichnungen der Animatoren auf der Leinwand. Zu unserer Zeit musste das ja schon ganz sauber aussehen, aber hier wollte ich die rauere Anmutung.“
Deja hat fast ein Jahrzehnt an „Mushka“ gearbeitet. Der Ukraine-Krieg spielte also keine Rolle, als er sich die Geschichte eines Mädchens ausdachte, dass in der Sowjetunion von Kiew nach Sibirien umziehen muss und dort ein Tiger-Baby rettet.
Lange abonniert auf Schurken
Der Zeichner war lange abonniert auf Schurken. „Das war reiner Zufall“, sagt Deja. „Mein Gaston in ‚Die Schöne und das Biest‘ kam gut an, also hat man mir Jafar in ‚Aladdin‘ angeboten. Die Bösewichte sind ja oft die interessantesten Figuren. Dann dachte ich, jetzt ist mal jemand anderes an der Reihe – bis ich die Sprachaufnahme von Jeremy Irons gehört habe für Scar in ‚König der Löwen‘. Der liest das wie Shakespeare und ich hatte sofort im Kopf, was ich damit machen könnte. Scar sah dann auch ein bisschen aus wie Jeremy Irons.“
Was sind seine Disney-Lieblingsfiguren? „Der Tiger Shir Khan, den der legendäre Milt Kahl fürs ‚Dschungelbuch‘ entworfen hat“, sagt Deja. „Der hat so viel Energie und Überzeugungskraft. Von meinen eigenen Figuren: Roger Rabbit. Der sollte ja wie die Toons der 30er und 40er Jahren aussehen, dieses gummihafte mit dem übertriebenen ‚squash and stretch‘, das fand ich wirklich befreiend.“
Pinocchio ist oft verfilmt worden
Eine ikonische Disney-Figur ist Pinocchio, eine zum Leben erwachte Holzpuppe – ein undisziplinierter, verführbarer Junge, dem das Dasein übel mitspielt und der seinem Schöpfer Geppetto viel Kummer bereitet. Die Tragödie von Carlo Collodi von 1883 zählt zum italienischen Kulturerbe und ist schon zigmal verfilmt worden, 2002 als Realfilm von Roberto Benigni.
Wer es noch einmal tut, braucht einen guten Ansatz, und den hatte der mexikanische Meisterregisseur Guillermo del Toro („Pan’s Labyrinth“, „Shape of Water“): Er hat für Netflix eine feine Stop-Motion-Puppentrick-Version produziert und den finstersten Teil der Handlung mit den Eselsqualen weggelassen. Pinocchio ist hier sichtbar aus Holz, die Grille sichtbar ein schillerndes Insekt, Geppetto ein gefühlsgetriebener Holzbildhauer – allesamt sehr lebendig.
Komplett von Menschen steuerbare Puppen
„Guillermo wollte, dass die Animatoren durch die Puppen schauspielen und die volle Kontrolle über das Mienenspiel haben“, sagt Georgina Hayns im Gloria 2, wo ITFS und FMX eine Vorführung des Streaming-Spielfilms veranstalten. Die Puppenmeisterin hat mit drei Teams rund 150 Figuren für den Film erschaffen. Bei der FMX, die laut ihrem Leiter Mario Müller „eine reibungslose Rückkehr zu alter Größe hingelegt“ hat, war Hayns als Rednerin zu Gast. „Alle menschlichen Figuren funktionieren mit mechanischer Animation, ihre Gesichtshaut ist aus Silikon, die Animatoren konnten sie vollständig steuern.“
Pinocchio allerdings sei „aus Holz, dazu passt kein Gummigesicht“. Darum tat Hayns, was sie im Studio Laika („Coraline“) gelernt hat: „Wir haben 3D-Drucke seiner Gesichtsausdrücke benutzt, die Anzahl aber so weit begrenzt, dass er am Ende nicht so glatt aussieht, als wäre er computeranimiert. Wir wollten, dass man den Charme und das Handwerk noch spürt.“ Das ist gelungen –und absolut tauglich für die große Leinwand. Es wäre schön, wenn Netflix sich bei solch cineastischen Werken erbarmen würde, dem Streamingstart einen Kinoeinsatz vorzuschalten.
Trickfilm-Festival am Samstag
Kino
Der fünfte und letzte Teil des Internationalen Wettbewerbs läuft um 21 Uhr im Gloria 1. Um 15.30 Uhr zeigt Andreas Deja im Cinema die Europa-Premiere seines Regiedebüts „Mushka“. Um 18.30 Uhr ist im Gloria 1 die Weltpremiere von „Hölderlins Echo“ zu sehen, einer teilanimierten Dokumentation über wichtige Momente im Leben des Dichters von Hannes Rall und Susanne Marschall. Für Kinder gibt es um 14 Uhr im Gloria 1 den Langfilm „Yuku und die Blume des Himalaya“, zum Tagesausklang um 23 Uhr am selben Ort eine „Cult Night“ von Disney+ mit Folgen aus den Animationsserien „American Dad“ und „Bob’s Burger“.
Open Air
Das überwiegend kinderfreundliche Programm beginnt um 12 Uhr mit „Best of Tricks for Kids 2022“, um 15 Uhr folgt die „Kids & Family“-Schiene von Trickstar Nature, um 17 Uhr „Maurice der Kater“. Um 20.15 Uhr läuft dann der Pixar-Film „Lightyear“, der bislang nur bei Disney+ zu sehen war.